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Erste Virus-Infektionen : Der Zeckenwinter nimmt Fahrt auf

Zeckenwarnung Bild: picture-alliance/ dpa

Die neue Kälte täuscht, der Kalender auch: Das Risiko eines Zeckenstichs herrscht in großen Teilen Deutschlands inzwischen fast ganzjährig. Die ersten FSME-Infektionen im Jahr sind bestätigt. Wie alarmierend sind sie?

          Es war schon immer riskant, Zecken zu unterschätzen. Aber in diesem Winter ist etwas geschehen, was selten genug vorkommt:  Ihre Winterstarre, die normalerweise eintritt, wenn die Temperaturen zwischen November und Ende Februar eine zeitlang unter sieben Grad fällt und die Spinnentiere unter dem feuchten Laub hält, ist diesmal in vielen Landesteilen augeblieben. Die Folge: Ixodes ricinus, der Gemeine Holzbock, war aktiv geblieben und lauerte seinen Wirten im Gras auf. Im Winter vor acht Jahren war das schon einmal beobachtet worden. 

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          In den Zeckenstationen, die von dem Berliner Wissenschaftler Olaf Kahl quer übers Land betrieben werden, waren durchgängig Aktivitäten festgestellt worden. Der Winter fiel aus. So war es diesmal auch. Und das Ergebnis ist in den Krankheitsstatistiken des Robert-Koch-Instituts bereits abzulesen, wie die Frankfurter Neurologin Ute Meyding-Lamadé vom Krankenhaus Nordwest kurz vor Beginn des zweiten Süddeutschen Zeckenkongresses an der Universität Hohenheim aufgezeigt hat: Zum ersten Mal sind schon in den ersten beiden Monaten des Jahres fünf Fälle von FSME-Infektionen dokumentiert worden. Die Zecke, der gefährlichste Krankheitsüberträger für den Menschen, wird offenbar immer aktiver - und bedrohlicher.

          Mehr als fünfzig verschiedene Krankheitserreger können weltweit durch Zecken übertragen werden. Die wichtigsten Erreger hierzulande sind Bakterien, die die Lyme-Borreliose auslösen und für 100.000 Erkrankungen im Land verantwortlich sind. Die Infektion ist mit Antbiotikum behandelbar. Mindestens genauso gefürchtet ist allerdings das Virus, das die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), eine besondere Form der Hirnhautentzündung, auslöst. Sieben bis vierzehn  Tage nach dem Zeckenstich geht es los mit Kopf- und Gliederschmerzen und grippalen Infekten mit  Fieber. Ein beträchtlicher Teil leidet im zweiten Schub, sobald das Gehirn und das Rückenmark stärker befallen sind, häufig an Sprachstörungen,  Bewusstseinsstörungen, Lähmungen oder epileptischen Anfällen. In einem Prozent der  Ansteckungen endet der Verlauf tödlich.


          Überträger des Erregers der FSME und der Lyme-Borreliose: eine Zecke auf dem Weg zum Blutmahl


          FSME kann durch eine Impfung verhindert werden, wenn sie regelmäßig aufgefrischt wird.  Die FSME-Gefahr lässt inzwischen häufig auch in den Wintermonaten nicht mehr nach.  „Vor zwei Jahren schien die Zahl der Erkrankungen mit 195 Fällen zurückzugehen“, sagt Ute Mackenstedt von der Universität Hohenheim. 2013 ist die die Zahl der dokumentierten Infektionen allerdings wieder auf 420 gestiegen. Das waren fast genauso viel wie 2011und 2006. Trotz der enormen kurzfristigen Schwankungen, die vor allem mit Wettereinflüssen und Populationsschwankungen zu erklären sind, gibt es einen klaren langfristigen Trend: Seit Jahren steigt die FSME kontinuierlich an. Sie steigt wie die Zahl der Risikogebiete. Die durchschnittlich milderen Temperaturen sorgen dafür, dass sich die mit Viren beladenen Zecken zunehmend nach Norden ausbreiten oder verschleppt werden. Selbst in Skandinavien gibt es Infektionen. In den deutschen Risikogebieten, die immer noch großteils in Bayern und Baden-Württemberg liegen,liegt die Wahrscheinlichkeit einer FSME-Infektion nach einem Zeckenstich bei 1 zu 50 bis 1 zu 100. Detailliert informieren kann man sich auf einer Internetseite, die Karten enthalten und regelmäßig mit den neuesten wissenschaftlichen Informationen ergänzt und aktualisiert werden. Seit 2001 ist die Zahl der FSME-Risikolandkreise von 65 auf mehr als 140 gestiegen.

          Und nicht nur die geographische Ausbreitung alarmiert die Zeckenforscher: Seit Jahren wird beobachtet, dass sich die Vorkommen der infizierten Zecken von Mittelgebirgsregionen um die 800 Meter  teilweise bis auf alpine Berggebiete um 1500 Meter ausgebreitet haben. Ein weiteres Indiz, das die beiden Berliner Betreiber des „Tick-Radars“,  Olaf Kahl und Hans Dautel, als Ergebnis einer langfristigen Entwicklung betrachten, die vom Klimawandel wesentlich mit vorangetrieben wird. Die beiden Wissenschaftler erstellen seit einiger Zeit regelmäßig eigene, auf einer Handy-App abrufbare Prognosen (Zeckenwetter.de) zur Zeckenaktivität, die hauptsächlich auf den Daten ihrer professionellen Wetterdaten basieren.

          Dautel hat experimentell auch gezeigt, wie widerstandsfähig die Blutsauger sind: Im freien kommen sie bis zu zehn Jahre ohne Blutmahlzeit aus, in trockenen Wohnungen können sie bis zu zehn Tage lang überleben, und selbst unter Wasser getaucht überleben sie bis zu einen Monat ohne Probleme. Einen Waschgang wird für die in Kleidungsstücken versteckten Zecken nur lebensbedrohlich, wenn die Krabbeltiere eine zeitlang über 60 Grad ausgesetzt werden. Deshalb gilt weiterhin als wichtigster Ratschlag: Nach dem Naturspaziergang under Gartenarbeit den Körper und die Kleidung gründlich absuchen.

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