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Erste Erfolge, dennoch gefälscht? : Das Stammzell-Spektakel

Haruko Obokata bei der Präsentation ihrer STAP-Zellen in Tokio. Bild: AP

„Ich bin total sprachlos“: Mit diesen Worten wurden zum ersten Mal die sagenumwobenen Säurebad-Stammzellen außerhalb von Japan erzeugt. Eine neue Ente? Oder die Wende im Stammzell-Skandal?

          Ist das die Wende oder doch ein Aprilscherz? „Ich bin schockiert und gefesselt von den PCR-Ergebnissen der 3 Tage alten Kontroll- und STAP-Kulturen. Total sprachlos - genießt es!“ Mit diesem Kommentar und einer farbigen Grafik (s.u.), die den Überraschungserfolg belegen soll, setzt sich das fort, was der Urheber der Botschaft, Kenneth Ka-Ho Lee von der Chinese University in Hongkong die „STAP-Saga“ nennt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Es geht um die sogenannten Säurebad-Stammzellen, kurz STAP bezeichnet, über die Ende Januar weltweit berichtet wurde. Die Publikation hatte für gewaltigen Aufruhr gesorgt. Gewöhnliche weiße Blutzellen so zu verjüngen, dass daraus reprogrammierte, quasi embryonale Stammzellen werden, aus denen wiederum jede beliebige andere Körperzelle produziert werden könnte - und zwar nicht mit Hilfe von Gentechnik, sondern ganz einfach durch ein kurzes Bad auf einem säurehaltigen Nährboden - das klang für viele Fachleute dann doch zu phantastisch. In den vergangenen Jahren haben die Wissenschaftler immer wieder neu lernen müssen, wie mit vergleichsweise einfachen Eingriffen in die Zellkulturen  angeblich fertige, ausdifferenzierte Körperzellen genetisch reprogrammiert und damit verjüngt werden können. Aber lediglich ein Bad in Säure? Wenn man bedenkt, dass solche Zellen eines Tages verwendet werden könnten, um beispielsweise aus Haut- oder Blutzellen eines schwer Zuckerkranken in wenigen Wochen oder Tagen neue, quasi körpereigene Bauchspeicheldrüsenzellen künstlich zu erzeugen, die anschließend transplantiert werden könnten, wird die Dimension dieser Entdeckung deutlich. Fakt war: Die vermeintlichen STAP-Zellen waren bisher nicht mit menschlichen Zellen, sondern erst einmal nur mit Mäusekulturen gewonnen worden. Tatsache war allerdings auch:  Die beiden Paper der japanischen Arbeitsgruppe vom renommierten Riken-Institut, an deren Spitze die junge Japanerin Haruko Okobata steht, waren in der Zeitschrift „Nature“ erschienen. Hochrangiger kann man kaum publizieren.

          Der Beweis? Die Statistik, die zeigen soll, dass Lees Zellkulturen auch STAP-Zellen enthalten.

          Nach dem Säurebad-Coup mit den Mauszellen kam dann aber schnell die kalte Dusche für Obokata und ihr Team. Manipulatonsvorwürfe wurden laut. Fotos fielen durch Unregelmäßigkeiten auf. Und dann vor allem, was zunehmend zum Problem für die Japaner wurde, gelang es keinem unabhängigen Labor, die Ergebnisse zu reproduzieren. Die soziale Forscherplattform „Research Gate“ startete am 13. März dann ihre „Open Review“-Offensive mit einem Paper von Kenneth Ka-Ho Lee, in dem er haarklein seinen vergeblichen Versuch darlegte, die Obokata-Verjüngung zu reproduzieren. Auf der Internetseite und weit darüber hinaus wurde intensiv diskutiert. Gibt es die STAP-Zellen womöglich gar nicht?

          STAP-Zellen, aus Blutzellen gewonnen.

          Vor etwa zwei Wochen dann reichten Obokata und  ihr amerikanischer Koautor Charles Vacanti ein neues, präzisiertes Protokoll des Experimentes ein. Lee unternahm daraufhin einen neuen Versuch. Obokata hatte angeblich fünf Jahre gebraucht, die STAP-Zellen zu erzeugen, aber mit ihrem Protokoll sollte es jetzt doch schneller gelingen. Tat es aber nicht. Paul Knoepfler, ein renommierter amerikanischer Stammzellforscher und  Blogger, der die STAP-Experimente rund um den Globus verfolgte,  diskutierte noch gestern in einem ausführlichen Beitrag, was für oder gegen einen Rückzug des Nature-Papers spricht. Er wies allerdings auch darauf hin, dass zwei Monate für die Wiederholung von Experimenten und ihre Veröffentlichung kein langer Zeitraum in der Wissenschaft sind. 

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