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Erforschung von Notizbüchern : Besuch im Steinbruch des Autors

Felix Mendelssohn Bartholdy malte 1829 schottische Landschaften
Felix Mendelssohn Bartholdy malte 1829 schottische Landschaften : Bild: culture-images/Lebrecht

Das Ergebnis nennt Ette „Humboldts Lebensbuch“. Wer so etwas edieren will, was Ette in einem zweiten Projekt auch anstrebt, muss das Material nicht nur exzellent kennen. Er braucht auch ein solides Konzept, wie etwa kreuz und quer beschriebene Seiten, auf denen die Schreibrichtung mehrfach wechselt und auf denen Einträge quer über mehrere Seiten laufen, lesbar gemacht werden können. Natürlich muss zunächst der Text getreu wiedergegeben werden, auch wenn Humboldt ihn in mehreren europäischen Sprachen wie Französisch, Deutsch und Latein verfasst hat, mit Einsprengseln von Sprachen der indigenen Völker Süd- und Mittelamerikas.

Zweitens muss eine Edition zeigen, wo sich was auf einer Seite befindet. Sie muss berücksichtigen, womit auf welches Material geschrieben wurde, denn auch das erhellt den Schreibprozess - wer unterwegs ist, wird vielleicht eher zum Bleistift greifen als zu Tinte und Feder. Und sie muss zeigen, welche Querverbindungen der leidenschaftliche Netzwerker Humboldt selbst zwischen seinen Notizen zieht, getreu seiner (in einem der Hefte festgehaltenen) Erkenntnis: „Alles ist Wechselwirkung“.

Robert Gernhardt benutzte insgesamt 675 Schulhefte der Firma Brunnen für Aufzeichnungen, die in ihrer Mischung von Text und Bild seiner Doppelbegabung als Dichter und graphischer Künstler entsprachen
Robert Gernhardt benutzte insgesamt 675 Schulhefte der Firma Brunnen für Aufzeichnungen, die in ihrer Mischung von Text und Bild seiner Doppelbegabung als Dichter und graphischer Künstler entsprachen : Bild: Literaturhaus Frankfurt

Nicht jede Forschergruppe muss das Rad neu erfinden
An der Fontane-Arbeitsstelle in Göttingen steht dieses Konzept bereits. Sie wurde vor vier Jahren begründet. Neben anderen Projekten widmen sich Gabriele Radecke und ihre Mitarbeiter seit 2011 der Edition der 67 Notizbücher Fontanes. Sie soll in Form von gedruckten Büchern und auch digital erfolgen. Dabei geht es Radecke insgesamt um eine möglichst vollständige Berücksichtigung aller Informationen, die das Ausgangsmaterial bereitstellt, von der jeweiligen Papierart und Bindung bis hin zu eingelegten oder -geklebten Zusätzen, die mit der gleichen Treue erfasst werden wie die Keimzellen zu Fontanes später publizierten Werken. Die Notizbuchseiten werden als Faksimile und außerdem als Transkription zugänglich gemacht, was im Original quer zur üblichen Schreibrichtung verläuft, tut das auch in der Edition, die auch die Unterschiede zwischen Schönschrift und flüchtig hingeworfenen Zeilen berücksichtigt.

Amy Winehouse hielt als 17-Jährige Songtexte neben Diätregeln (“einmal am Tag Joggen“) in ihrem Notizbuch fest
Amy Winehouse hielt als 17-Jährige Songtexte neben Diätregeln (“einmal am Tag Joggen“) in ihrem Notizbuch fest : Bild: Bulls / News international

Das Programm, mit dem in der Fontane-Arbeitsstelle und in anderen Editionsprojekten diese Schritte ausgeführt werden, ist die an der Göttinger Universitätsbibliothek entwickelte virtuelle Forschungsumgebung „TextGrid“. Das Open-source-Projekt ermöglicht das Erfassen von Daten, das gemeinsame Arbeiten von unterschiedlichen Forschern daran bis hin zum Publizieren und Archivieren der Ergebnisse. Damit stellt sie ein Angebot dar für ein Standardprogramm, das ähnlich geartete Editionsprojekte nutzen könnten, damit im Bereich des digitalen Publizierens mit ganz ähnlichen Anforderungen nicht jede Forschergruppe das Rad neu erfinden muss.

Manchmal hilft der Verlust

Dass jedenfalls eine Edition, die auf die verschiedenen Schichten einer Handschrift setzt und deren Genese in den Mittelpunkt stellt, gerade bei so sprunghaft entstandenen Texten wie Notizbüchern bestens am Platz ist, liegt auf der Hand. Am Ende dieser Bemühungen könnte so nicht nur die Erschließung wichtiger Quellen zu den jeweiligen Autoren stehen, sondern die Edition von Texten aus eigenem Recht. Und darüber hinaus endlich eine Philologie der Gattung Notizbuch.

Ihr bliebe es auch überlassen, die Frage zu diskutieren, wie Patrick Leigh Fermor nach dem Verlust seiner Notizen eines der schönsten und gefeiertsten. Reisebücher des 20. Jahrhunderts schreiben konnte, das eben Erlebnisse beschreibt. Trotz des Verlusts? Oder gerade deshalb? Ist es am Ende gar nicht so schade um die Gedichte des 18-jährigen und seine pensées?

Ohne das verlorene Buch wird man diese letzte Frage nicht klären können. Es spricht aber einiges dafür, dass bereits der Akt, etwas Erlebtes in Worte zu fassen und aufzuschreiben, die Dinge im Kopf des Autors ordnet und den Weg zum Reisebuch vorbereitet. Ganz egal, ob er später wieder in seine Notizen schauen kann oder nicht.

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