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Paul Crutzen : Der Patron der Erdpolitik

Vertraute Umgebung: Paul Crutzen in einem Chemieabor in Tel Aviv, Dezember 2006 Bild: Reuters

Er erforschte das Ozonloch und fand die Ursache für dessen Entstehung: Zum Tod von Paul Crutzen, der den Begriff des Anthropozän prägte und zur wissenschaftlichen Instanz einer planetaren Bewegung wurde.

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          Der Klimawandel war längst große Politik, Helmut Kohl sah sich als Held der „Erdpolitik“, und seine Umweltministerin Angela Merkel verteidigte damals, vor der Berliner UN-Klimakonferenz Mitte der neunziger Jahre, auch die verwegensten Klimaprognosen, die bis ins dritte Jahrtausend reichten. Paul Crutzen, der seinerzeit als Atmosphärenchemiker und Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz wirkte, war das alles zu viel. „Denken Sie nach“, sagte er im Gespräch, „das sind alles Experimente, und Modelle sind unsere Werkzeuge, nicht mehr, nicht weniger.“

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ein Satz wie eine Ohrfeige für alle, die damals schon klimapolitisch hochgradig sensibilisiert waren und zugleich alles glauben wollten, was wissenschaftlich beglaubigt schien. In Wirklichkeit hatte Crutzen keine Sekunde lang Zweifel an der Realität des Klimawandels, im Gegenteil. Doch er war auch nicht bereit, seine wissenschaftlichen Prinzipien, zu denen auch die Anerkennung unsicherer Befunde zählt, für politischen Opportunismus preiszugeben. Später trat das Missionarische in ihm stärker hervor – später, als er die verantwortungsethische Dimension der Forschung betonte und auf die zivilisatorische Aufgabe hinwies, die sich aus den immer schwerer abweisbaren Belegen für den Klimawandel ergab.

          Warum hat man den Namen Paul Crutzen trotzdem so selten gehört als lauten Mahner und Warner? Diesen Charismatiker, der in der Community schon in den Achtzigern eine Legende war und mit seinem holländischen Spracheinschlag und einer anrührenden Menschlichkeit selbst die tiefgründigsten Chemiethemen aufzulockern wusste? Die Antwort ist einfach: Weil er weniger als andere die große politische Bühne suchte. Er war als begnadeter Experimentator und wissenschaftlicher Theoretiker zu Weltruhm gelangt, doch das Geschäft des politischen Handelns lag in den Händen anderer.

          Gewissen des ökologisch-technologischen Zeitalters

          Auch seine Tätigkeit in der Enquetekommission „Schutz der Erdatmosphäre“ änderte daran nichts. Lange glaubte er, auf diese Arbeitsteilung zwischen Wissenschaft und Politik vertrauen zu können. Als der in Amsterdam geborene Forscher zusammen mit dem Mexikaner Mario Molina und dem Amerikaner Sherwood Rowland in den siebziger Jahren die katalytischen Mechanismen aufklärte, die dazu führen, dass Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) die schützende Ozonschicht in der Stratosphäre zerstören, da staunte die Welt ein paar Jahre lang – und die Politik handelte. Die Entdeckung wurde 1995 mit dem Chemie-Nobelpreis gewürdigt, FCKW waren da schon acht Jahre lang verboten. Die Weltpolitik hatte sich und die Industrie in einem bis dahin beispiellosen Akt ökologischer Solidarität diszipliniert.

          Für Crutzen war das Ozonloch nur ein Anfang. Zur Jahrhundertwende prägte er zusammen mit dem Amerikaner Eugene Stoermer den Begriff „Anthropozän“, die Menschenzeit als geologische Erdepoche, die formal zwar bis heute nicht abgesegnet ist, deren vielfältige Spuren aber auf einen Beginn um das Jahr 1950 hinauslaufen. Die Arbeit am Anthropozän war für Crutzen die konsequente Fortsetzung der in den achtziger Jahren entwickelten Theorie vom „nuklearen Winter“. Die Möglichkeit einer vom atomaren Krieg verdüsterten Erde war prägend für eine ganze Generation von Umweltschützern.

          Aktivistisch war Crutzen dennoch selbst nie unterwegs. Mit seinem provokanten Vorschlag, die Erde notfalls mit einem künstlichen Schutzschild aus Schwefelpartikeln zu retten, war er sogar vielen Umweltschützern zu weit gegangen. Und doch blieb er lange nach seiner Emeritierung eine entscheidende Instanz der globalen grünen Bewegung. Er war wissenschaftliche Eminenz und das Gewissen des aufziehenden ökologisch-technologischen Zeitalters. Am Donnerstagmorgen ist Paul Crutzen nach langer Krankheit im Alter von 87 Jahren gestorben.

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