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Zum IPCC-Sonderbericht : Klimaflucht in die Tiefsee

  • -Aktualisiert am

Wie oft das Meer mittlerweile in Hitzewallung gerät, messen solche Argo-Bojen. Bild: Olivier Dugornay Ifremer

Der Weltklimarat IPCC veröffentlicht heute seinen Sonderbericht „Ozeane und Kryosphäre im Klimwandel“. Der Umweltphysiker und Hauptautor des Berichts, Thomas Frölicher, warnt zuvor im Gespräch vor Hitzewellen im Meer, die den Lebensraum von Fischen zerstören und zur Eisschmelze beitragen.

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          Herr Frölicher, Sie erforschen ozeanische Hitzewellen. Was ist das denn?

          Bei einer Hitzewelle im Ozean ist dessen Temperatur für eine bestimmte Zeit stark erhöht. Sie ist also mit einer Hitzewelle in der Atmosphäre vergleichbar, wie wir sie diesen Sommer wieder erlebt haben. Sie unterscheidet sich von der atmosphärischen darin, dass sie meistens länger dauert und sich über größere Gebiete erstreckt. Es braucht mehr Energie, um den Ozean erst einmal zu erwärmen, denn Wasser hat eine viel höhere Aufnahmekapazität für Wärme als Luft. Wenn es dann warm ist, braucht es auch länger, bis die erhöhte Temperatur an die Atmosphäre abgegeben ist.

          Und warum betreffen ozeanische Hitzewellen ausgedehntere Gebiete?

          Das atmosphärische Wettersystem ist meist viel chaotischer und durchmischt sich schneller, im Ozean geht alles ein bisschen langsamer.

          Das heißt, Wasser ist träger ...

          Genau, im Vergleich zur Atmosphäre ist es ein bisschen wie dickflüssiger Senf.

          Sind ozeanische Hitzewellen eine neue Entdeckung?

          Ja. Vor zwanzig, dreißig Jahren hatte man die Beobachtungsdaten noch gar nicht, um solche Extremereignisse im Ozean zu untersuchen. Um sie aufzuspüren, braucht man regelmäßige Messungen über sehr lange Zeiträume. Erst seit 1982 hat man Satellitendaten von den Meeresoberflächen, und seit knapp zwanzig Jahren von den Argo-Bojen.

          Wie entstehen marine Hitzewellen?

          Die wichtigsten Treiber sind durch die Veränderungen in den Meeresströmungen verursachte Temperaturschwankungen wie El Niño und La Niña. Es gibt aber auch lokale Phänomene wie zum Beispiel 2003 über dem Mittelmeer, wo das Land sich sehr stark erwärmt hat und dann die Wärme in der Atmosphäre einfach vom Ozean aufgenommen wurde. Ein gleiches Phänomen wird dieses Jahr wieder beobachtet. Zu einer Hitzewelle kann es auch kommen, wenn eine Warmwasserturbulenz in eine kältere Region wandert oder wenn sich Windsysteme verschieben. 

          Thomas Frölicher ist Professor für Klima und Umweltphysik an der Universität Bern und Hauptautor im aktuellen IPCC-Sonderbericht „Ozean und Kryosphäre“.

          Und solche Ereignisse häufen sich in den letzten Jahren?

          Da sich das Meer sehr stark erwärmt hat, ist natürlich auch die Wahrscheinlichkeit der Bildung dieser Hitzewellen sehr stark erhöht. Wir haben gezeigt, dass die Häufigkeit, mit der Hitzewellen in den letzten 35 Jahren auftraten, sich verdoppelt hat.

          Ist denn sicher, dass das keine zufällige Häufung solcher Ereignisse ist?

          Das haben wir mit Klimamodellen nachgewiesen. Man lässt die Modelle mit den beobachteten Treibhausgaskonzentrationen das Klima für hundert Jahre simulieren. Dann macht man zum Vergleich Klimamodellsimulationen, in denen man die Treibhausgase auf die vorindustrielle Zeit fixiert. Der Unterschied zwischen beiden Simulationen ergibt dann allein den Einfluss durch den menschengemachten Treibhausgaskonzentrationsanstieg. So haben wir gezeigt, dass die Häufung der Hitzewellen in den vergangenen 35 Jahren nicht durch natürliche Klimaschwankungen erklärt werden kann, sondern nur durch die anthroprogene globale Erwärmung.

          Und was prognostizieren Ihre Simulationen für die Zukunft?

          Wir sehen, dass die Häufigkeit der Hitzewellen sehr stark zunehmen wird. Wenn sich die Erde um 3,5 Grad erwärmen sollte, dann nimmt die Wahrscheinlichkeit von marinen Hitzewellen um das 41-Fache zu. Dies betrifft eigentlich alle Ozeanregionen, aber vor allem die tropischen Regionen – also genau dort, wo Warmwasserkorallen leben. Nicht nur die Häufigkeit der Hitzewellen nimmt zu, sie dauern auch länger. Das hat sehr große Auswirkungen auf Organismen, nicht nur auf Warmwasserkorallen, sondern auf ganze Ökosysteme.

          Das betrifft dann auch die Fische?

          Man sieht schon jetzt, dass Fische aus den Tropen polwärts in kältere Zonen migrieren. Das wird noch stärker zunehmen. Die Frage ist, ob sie das überhaupt noch können, wenn diese Hitzewellen sehr stark zunehmen und größer werden. Ihnen bleibt dann vielleicht nur die Flucht in die Tiefe. Das Problem ist, dass es dort wenig Sauerstoff gibt und sich diese Sauerstoff-Minimumszonen auch noch ausdehnen können.

          Und wie sieht es denn mit den Polarregionen aus?

          Das ist auch sehr interessant. Der Arktische Ozean erwärmt sich stark, weil sich dort das Meereis zurückzieht. In der Arktis sieht man daher eine sehr starke Zunahme dieser Hitzewellen. Im Südpolarmeer ist das ein bisschen anders. Dort gibt es sehr starke Westwinde, die Wasser aus der Tiefe an die Oberfläche aufquellen lassen. Und da es kalt ist, kann sich die Oberfläche nicht sehr erwärmen – auf jeden Fall nicht über die nächsten hundert Jahre. Dort hat man also eine verzögerte Antwort auf den Klimawandel. Allerdings muss man auch beachten, dass das Südpolarmeer bisher am wenigsten erforscht ist. Es ist sehr schwierig, dort mit Schiffen Messungen zu machen, vor allem im Winter. Hier werden die Argo-Bojen unser Wissen erheblich bereichern.

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