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Globale Erwärmung : Bloß keine Panik – auch nicht beim Klima

  • -Aktualisiert am

Buschfeuer in Australien: Die Menschheit wird sich mit solchen Ereignissen zunehmend arrangieren müssen. Bild: AFP

Wenn die Corona-Pandemie irgendwann überstanden ist, wird ein anderes großes Problem noch immer da sein: Wie gefährlich ist die globale Erwärmung der Erde inzwischen, gerade angesichts drohender „Kipppunkte“? Ein Gespräch mit dem Klimaforscher Jochem Marotzke.

          12 Min.

          Herr Marotzke, ich habe zwei kleine Kinder. Können Sie mir sagen, in welcher Welt die beiden im Jahr 2100 leben werden?

          Die Welt wird global gesehen wärmer sein als heute. Um wie viel wärmer, können wir noch nicht sagen. Das hängt ganz entscheidend davon ab, wie sich die Kohlendioxidemissionen entwickeln werden. Und ob die Anstrengungen, die Emissionen zu reduzieren, wirklich umgesetzt werden.

          Steht Hamburg noch?

          Ja. Der Meeresspiegel wird weiter steigen, aber die norddeutschen Küsten haben sich sehr gut vorbereitet. Die Deiche werden erhöht, und sie werden mit viel Augenmaß erhöht. Sie lassen sich aufstocken, wenn es sich als notwendig erweist. Hamburg wird nicht bedroht sein, das ist völlig klar. Auch Deutschland wird nicht direkt durch den Klimawandel bedroht sein. Wie sehr sich die Gesellschaft jedoch ändern wird oder muss, das kann keiner sagen. Das hängt von vielen Dingen ab, unter anderem davon, wie warm es global wird und ob es Verwerfungen im internationalen Beziehungsgeflecht der Staaten gibt. Im welchem Maße das Leben angenehm oder komfortabel sein wird, weiß keiner.

          Viele junge Menschen haben Angst, dass sie keine Zukunft haben, dass der Klimawandel ihre Existenz bedroht. Ist ihre Angst begründet?

          Nein, da bin ich ganz sicher. Natürlich werden einige klimabedingte Risiken steigen. Ich erwarte, dass Extremwetterereignisse mehr Schäden verursachen und mehr Menschenleben fordern. Aber es ist nicht so, als ob jetzt ganze Landstriche vom Aussterben bedroht wären. Das können wir ausschließen, das wird nicht passieren.

          Australien wird also bewohnbar sein?

          Ich schätze, ja. Aber das war schon apokalyptisch, was dort passiert ist. Eine australische Mitarbeiterin von mir ist zurückgeflogen, was sie erzählte, war ziemlich furchteinflößend.

          Gibt es Regionen, die unbewohnbar werden?

          Es ist möglich, dass der Meeresspiegel um einen Meter steigt. Das heißt für flachliegende Gegenden wie Bangladesch, dass Landesteile unbewohnt sein werden, weil sie überflutet sein werden. Es gibt zudem Diskussionen darüber, ob es in einigen Landstrichen wie der Arabischen Halbinsel, die jetzt schon sehr heiß sind, an zu heißen Tagen die Grenze der physiologischen Widerstandsfähigkeit des menschlichen Körpers erreicht wird. Zur Mittagszeit wird man in solchen Regionen nicht mehr draußen sein können. Wie groß die Gefahr ist, hängt am Ende von der Temperaturentwicklung ab, aber dass die Möglichkeit besteht, ist klar. Es ist jedenfalls keine gute Idee, dass wir die Erde in einem Jahrhundert um weitere drei oder vier Grad erwärmen. Die Risiken, die kommen, sind enorm. Es wird nicht zu unserem Aussterben führen, aber die Belastung wird durch den schnellen Wandel steigen. Deswegen ist es wichtig, die Emissionen zu reduzieren.

          Dieses Ziel ist bis heute aber nicht in Reichweite. Im Gegenteil, die Emissionen steigen weiter an. Darauf weisen viele junge Menschen mittlerweile sehr deutlich hin.

          Ich habe eine große Sympathie für „Fridays for Future“, weil ich hoffe, dass dadurch eine größere Bereitschaft in der Bevölkerung erwächst, ernsthaft etwas für den Klimaschutz zu tun. Lange Zeit hat sich das Klimathema nicht verfangen, es fehlte am politischen Willen. Jetzt habe ich Hoffnung, dass etwas passiert. Ich wünsche mir, dass die Maßnahmen effektiver werden.

          Greta Thunberg sagt: „Ich möchte, dass ihr in Panik geratet“, allerdings sagt sie auch: „Hört auf die Wissenschaft“. Widerspricht sich das nicht?

          Ja, doch. Das tut es. Denn wenn man auf die Wissenschaft hört, weiß man, dass Panik nicht hilft, immer ein schlechter Ratgeber ist. Außerdem ist die Panik auf vielen Ebenen nicht gerechtfertigt.

          Geht es in der Debatte über den Klimawandel heute mehr um Gefühle und weniger um Fakten?

          Ich glaube, schon. Es gibt zwei Indikatoren: Der eine ist Extinction Rebellion, die ernsthaft erwarten, dass durch den Klimawandel in den nächsten zwanzig Jahren zwei Milliarden Menschen sterben werden. Das ist natürlich grober Unfug. Der andere Indikator ist, was ich nicht erwartet hätte, dass die AfD das Thema Klimawandel nach vorne schiebt. Es war klar, dass die Klimawandelleugner in der AfD politisch ein Zuhause finden, aber ich dachte lange Zeit: Kein Mensch wählt die AfD wegen des Klimathemas, sondern weil sie fremdenfeindlich sind. Und jetzt denke ich, holla, das hat sich geändert.

          Nur schlechtes Wetter oder schon der Klimawandel? Schwerer Wirbelsturm über Nebraska:

          Und man traut sich nicht einmal mehr, über das Wetter zu reden . . .

          Dass es emotionaler wird, ist vielleicht sogar ein Erfolgsindikator. Das Thema hat es geschafft. Klima gehört als politisches Thema mittlerweile zum Mainstream. Hätte mir das vor 15 Jahren jemand gesagt, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Mainstream bedeutet natürlich auch, dass das Klima den üblichen Gepflogenheiten in der Politik ausgesetzt ist. Es geht um politische und wirtschaftliche Macht – wissenschaftliche Wahrheit hat einen schweren Stand.

          Es geht aber nicht nur um Fake News. In den letzten Jahren sind einige Artikel und Arbeiten erschienen, die Worst-Case-Szenarien eindrücklich beschreiben. 2017 war es David Wallace-Wells mit „Die unbewohnbare Erde“, dann kam Jem Bendell, der das Ende des Planeten beschreibt, und nun sagt auch Schriftsteller Jonathan Franzen: Es ist alles zu spät. Die Autoren berufen sich auf die Wissenschaft, auf jene Worst-Case-Szenarien der Klimamodelle. Sind diese Szenarien realistisch?

          Ausschließen können wir sie nicht. Aber sie sind unwahrscheinlich. Die Erde wird nicht unbewohnbar werden. Aber dass durch ein erhöhtes Auftreten von Klima- und Wetterextremen der Zusammenhalt von Gesellschaften stärker bedroht ist, halte ich für sehr gut möglich. Für Deutschland sehe ich keine unmittelbare Gefahr durch das Klima, eine mittelbare aber schon. Denn wir können nicht ausschließen, dass mehr Menschen flüchten. Es ist sehr schwer, das quantitativ abzuschätzen, aber es ist sehr plausibel, dass Gesellschaften instabiler werden. Und wenn, kann das große Rückwirkung auf die Stabilität unserer eigenen Gesellschaft haben. Das könnte der Mechanismus sein, durch den wir in einem sehr stabilen und reichen Land betroffen sein werden. Das halte ich für möglich. Wo genau und wann wie stark, weiß ich nicht.

          Wozu berechnen Sie dann solche Katastrophenszenarien?

          Die Frage, wie schwer ein Ereignis werden kann, ist relevant für die Risikoabschätzung und die Anpassung. Zum Beispiel für die Planer, beim Meeresspiegelanstieg etwa. Der Worst Case ist der, auf den Sie sich vorbereiten müssen. Die Holländer haben das vor zehn Jahren schon durchgespielt, sie fragen sich: Hält der Deich – oder nicht? Insofern haben die Worst-Case-Abschätzungen ihre Berechtigung. Wenn man eine Jahrhundert- oder Jahrtausendflut überstehen will, muss man wissen, wie viel man investieren möchte.

          Beim Meeresspiegelanstieg grassieren sehr unterschiedliche Zahlen . . .

          . . . und die höchste Zahl, die genannt wird, bleibt hängen – beim Meeresspiegel mehr als bei allen anderen Themen. Ich weiß aber nicht genau, wie ich mit diesen Worst-Case-Szenarien umgehen soll. Einerseits ist es als Wissenschaftler unsere Pflicht, die Szenarien durchzuspielen, und andererseits lösen sie genau die Panik aus, die wir jetzt beobachten. Veröffentlicht man die Zahlen ungeschützt, bleibt nur noch ein Katastrophenbild übrig.

          Worst Case RCP 8.5 – wie berechtigt ist die Angst davor?

          Im Fachmagazin „Nature“ erschien vor wenigen Wochen ein Kommentar zu diesem RCP 8.5, dem Worst-Case-Szenario der Klimamodellierung (siehe Grafik „Szenarien der . . .“). Man solle es doch endlich streichen, fordern die Autoren.

          Das würde ich für falsch halten. Es gibt eine gewisse Tendenz in meiner Zunft, zu sagen, dass RCP 8.5 so unwahrscheinlich ist, dass es nicht passieren könne. Das halte ich ein Stück weit für Wunschdenken. Leute, die so argumentieren, sind dieselben Leute, die andere dafür kritisieren, wenn sie noch über eine Erwärmung von zwei Grad sprechen. Wir müssen doch 1,5 Grad einhalten, heißt es dann. Wer heute etwas zum Zwei-Grad-Ziel sagt, der läuft Gefahr, als reaktionär zu gelten.

          Was antworten Sie solchen Leuten?

          Die Frage muss schon erlaubt sein, wie plausibel ein Szenario ist. Klar, bei RCP 8.5 muss viel zusammenkommen, aber bei RCP 1.9 (dem Szenario mit der niedrigsten Erwärmung) muss auch unglaublich viel zusammenkommen. Ich halte es daher für richtig, alle Wahrscheinlichkeiten zu benennen. Aber das gilt für alles, was da drinsteht. Ausblenden gilt nicht. Das allerdings scheint bei RCP 8.5 der Grund zu sein: Wir streichen es, weil wir doch nicht aufgeben dürfen. Wir dürfen doch an der guten Sache nicht verzweifeln. Aber: Von der Risikoeinschätzung her halte ich es für richtig, ein solches Szenario durchzuspielen. Was natürlich nicht heißt, sich ausschließlich auf dieses Szenario zu berufen. Hinter RCP 8.5 steht die Annahme, dass auch in Zukunft stark auf Kohle gesetzt wird. RCP 8.5 ist dann, was ein ökonomisches Modell aus dieser Annahme macht. So funktionieren diese Modelle.

          Sie gehören zu den wenigen Arbeitsgruppen in der Welt, die mit Großrechnern das Klima berechnen. Was halten Sie für die wahrscheinlichste Lösung? Auf wie viel Grad müssen wir uns einstellen?

          Das wäre Kaffeesatzleserei. In der neuesten Modellgeneration gibt es einige Modelle, die in ihrer Temperaturerhöhung viel empfindlicher auf Treibhausgase reagieren als vorherige Modelle. Dahinter steckt die Frage der Klimasensitivität, also um wie viel wärmer es wird, wenn sich der Kohlendioxidanteil verdoppelt. Das französische Modell geht von fünf Grad aus, das neue kanadische ist der Spitzenreiter mit 5,7 Grad. Es gibt sieben Modelle, die liegen in ihrer Klimasensitivität höher als die Werte, die im letzten Sachstandsbericht als wahrscheinlich angegeben wurde.

          Das ist nun aber wirklich eine sehr schlechte Nachricht.

          Die Franzosen haben dazu eine Presseerklärung veröffentlicht. Die Schlagzeile lautete: Neues Modell – Erwärmung schlimmer als bislang gedacht. Da haben wir hier gesagt: Mein Gott, was macht ihr da? Weil es sehr, sehr unwahrscheinlich ist, dass das wahre Klima so empfindlich ist, wie in diesen neuen Modellen dargestellt.

          Also irren die Franzosen?

          Lassen Sie es mich so sagen: Die Frage der Klimasensitivität ist äußerst komplex. Daher sollte man das Ergebnis eines Modells zunächst mit Vorsicht genießen. Gleichzeitig sagen uns andere Forschungsergebnisse – unabhängig von Klimamodellen –, dass sich der Unsicherheitsbereich verkleinert hat. Seit Jahrzehnten liegt er bei 1,5 bis 4,5 Grad Erwärmung, jetzt beträgt er plötzlich zwischen 2,1 und 3,9 Grad. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass zur gleichen Zeit, wie der Unsicherheitsbereich kleiner geworden ist, die Sensitivität der Modelle größer geworden ist.

          Das verstehe ich nicht.

          Wir auch nicht. Und daher haben wir als erstes Modellierzentrum entschieden, die Klimasensitivität nach der vergangenen Erwärmung auszurichten. Wir versuchen, aus der Vergangenheit des Planeten zu lernen, sie gibt uns die wesentliche Information, wie sich die Erde erwärmt. Daher haben wir uns für den Wert entschieden, der die vergangene Erwärmung rückwirkend am besten wiedergibt.

          Sie glauben Ihrem eigenen Modell nicht mehr?

          Wir berücksichtigen die Evaluierung des Modells. Das wird manchmal so interpretiert, dass wir die Antwort hineingesteckt haben, was wir eigentlich an Erwärmung kriegen wollen. Aber das stimmt so nicht. Die Erwärmung seit dem Jahr 1850 gibt uns ganz wesentliche Informationen darüber, wie sensitiv das wahre Klima der Erde ist. Und diese Information geben wir dem Modell weiter. Wir kriegen deshalb zuverlässige Projektionen für die Zukunft. Aber das Modell liefert hierfür natürlich keine unabhängige Information mehr.

          Und auf wie viel Grad haben Sie ihr Modell eingestellt?

          Auf drei Grad bei einer Verdopplung. Das ist der kanonische Mittelwert, mit dieser Einstellung geben wir die vergangene Erwärmung am besten wieder.

          Warum veröffentlichen die Franzosen dann höhere Werte?

          Ich weiß es nicht. Sie sind genauso lange dabei wie unser Institut, einer der Mitarbeiter war Leitautor des IPCC. Warum sie das so unreflektiert veröffentlicht haben, versteht keiner. Die Briten haben es anders gemacht, sie haben gesagt, der neue Wert ist uns ein Rätsel. Sie wollen erst untersuchen, woran das liegt und ob die Erwärmungsrate realistisch ist.

          Das klingt nun aber wirklich so, als ob die Klimaforscher ihre eigenen Modelle nicht verstehen.

          Es sind immer Aspekte drin, die wir nicht verstehen. Dafür sind die Modelle zu komplex. Viele widerstreitende Prozesse spielen zusammen – warum das Ergebnis am Ende so ist, wie es ist, das ist schwierig herauszufinden. Dafür überlagern sich zu viele Rechenschritte, und manchmal sind wir selbst verblüfft darüber, was wir nicht verstehen.

          Wie können Sie dann sicher sein, dass ausgerechnet das CO menschlicher Abgase die Erde erwärmt?

          Dass eine CO₂-Erhöhung zu einer Erwärmung führt, das ist ganz einfache Physik. Es bleibt die Frage, um wie viel. Der Treibhauseffekt hält Energie auf der Erde zurück. Mehr Wärmestrahlung kommt nicht raus, die Energie bleibt. Und wir finden diese Energie bereits. Wir finden sie im Ozean, der sich stark erwärmt hat. Die einzig physikalisch plausible Erklärung dafür ist der gestiegene Treibhauseffekt. Es gibt keine andere Erklärung, die greift. Wenn wir sagen, es gibt etwas, das wir nicht verstehen, dann ist damit immer etwas jenseits dieses Kernpunkts gemeint.

          Immer mehr Klimaaktivisten und auch einige ihrer Kollegen sagen allerdings, Klimaforscher wie Sie würden grundsätzlich zu konservative Ergebnisse veröffentlichen. Die Erwärmung also kleinreden. Stimmt das?

          Nein, dem widerspreche ich komplett. Hört man sich diejenigen Klimaforscher an, die präzise kommunizieren und nicht nur auf Schlagzeilen aus sind, dann erhält man die gesamte Bandbreite dessen, was erwartet wird. Sie produzieren natürlich keine Schlagzeilen und posaunen keine Katastrophenmeldungen heraus. Dass wir grundsätzlich konservative Ergebnisse produzieren, stimmt jedenfalls nicht.

          Trotzdem haben nicht Wissenschaftler dem Klimathema einen Schub verliehen, sondern eine junge Frau aus Schweden. Was haben die Wissenschaftler eigentlich falsch gemacht in den vergangenen Jahrzehnten?

          Es gibt schon Kollegen, die sagen, wir hätten zu konservativ kommuniziert. Jim Hansen hat schon 1988 vor dem amerikanischen Senat geschworen: Der Klimawandel ist da. 2007 hat er gesagt, Wissenschaftler neigten zur Zurückhaltung, sie hätten Hemmungen, klare Worte zu finden. Ich glaube nicht, dass es das ist. Es gab ja auch Kolleginnen und Kollegen, die kein Blatt vor den Mund genommen haben und deutlicher als Warner aufgetreten sind, als ich das normalerweise mache. Aber was hat’s bewirkt? Selbst wenn die Wissenschaftler noch lauter geschrien hätten, hätte das nichts gebracht. Es ist natürlich eine Spekulation, aber vielleicht musste das Thema reif genug werden, damit eine Bewegung wie „Fridays for Future“ greifen konnte.

          Vielleicht haben Sie die falsche Adresse angesprochen. Warum hat denn niemand zu Frau Merkel gesagt: Unternehmen Sie endlich mal was! Es ist dringend, uns rennt die Zeit weg.

          Damit wissenschaftliche Information wirken kann, muss sie ernsthaft nachgefragt werden. Rat, um den keiner gebeten hat, wird bestenfalls freundlich empfangen. Und dann muss man berücksichtigen, dass im Politikbetrieb andere Logiken Vorrang haben. Denn im Zweifelsfall muss eine Bundeskanzlerin sich fragen, ob sie Mehrheiten bekommt: im Kabinett, im Parlament, in Europa. Ich halte es nicht für legitim, zu fordern, dass die wissenschaftliche Wahrheit den obersten Stellenwert einnimmt. Mein Selbstverständnis von Demokratie ist da ein anderes. Wenn man da nicht aufpasst, ist man auf bestem Wege in einen technokratischen Staat, wie ihn sich Platon vor fast 2500 Jahren ausgemalt hat: Der Philosoph versteht die Welt, und er erzählt auch deshalb der Welt, wie sie sich zu verhalten hat. Das kann’s nicht sein.

          Ein Grund, warum viele Menschen Panik vor dem Ende der Welt haben, sind die sogenannten Kipppunkte im Klimasystem. Das sind Schwellenwerte, die irreversible Prozesse in Gang setzen, die, einmal angelaufen, nicht mehr zu stoppen sind. Wie viele solcher Kipppunkte gibt es?

          Wir wissen von zwei globalen Kipppunkten, dass es sie wirklich gibt. Allerdings sind wir davon weit, weit entfernt. Da ist einmal die Möglichkeit, dass die Erde komplett vereist. Das wissen wir deswegen, weil es schon einmal passiert ist.

          Snowball Earth . . .

          Ja, der Schneeball Erde, vor 700 Millionen Jahren. Das zu beweisen ist nicht ganz einfach, aber es gibt Belege dafür, dass es auf Meereshöhe in Äquatornähe Gletscher gab. Es ist sehr plausibel, dass die ganze Erde zugefroren war. Aber wenn das so war, ist sie auch wieder aufgetaut. Das war garantiert ein Kipppunkt, die grundsätzliche Physik dahinter ist auch nicht so schwer. Der zweite Kipppunkt ist das Runaway Greenhouse, das Schicksal der Venus. Das wird auch der Erde passieren, wenn sich die Sonne ausdehnt in ein bis zwei Milliarden Jahren. Dann verdampfen die Ozeane, und der Treibhauseffekt wird so stark, dass die Energie nicht mehr rauskommt. Das sind die beiden globalen Kipppunkte oder Katastrophen, die belegt sind.

          Und was ist mit den anderen?

          Die sind denkbar, können nicht ausgeschlossen werden, aber bei fast allen wissen wir nicht, wo wir stehen.

          Das ist seltsam. Denn die Menschen, die eine existentielle Angst vor dem Untergang verspüren, beziehen sich genau auf solche Kipppunkte. Lassen Sie uns kurz Pingpong spielen. Ich nenne Ihnen einen Kipppunkt und Sie sagen mir, auf einer Skala von 1 bis 10, wie gut diese belegt sind.

          Grönland-Eisschild: 9

          Golfstrom: 3

          Westantarktis: 5

          Ostantarktis: 1

          Korallenriffe: Uh. Das weiß ich nicht. Ich kenne die Biologie der Riffe nicht gut genug.

          Amazonas-Absterben: 3

          Welcher Kipppunkt macht Ihnen am meisten Sorge?

          Keiner.

          Eis vor der Ostküste Grönlands: Dort nimmt das Meereis dramatisch ab, aber ein "Kipppunkt" ist das nicht.

          Auch nicht das Abschmelzen des grönländischen Eisschilds?

          Das wird so lange dauern, ein paar tausend Jahre. Bei Grönland sehe ich kein Risiko, weil der Kipppunkt in dem Fall bedeutet: Das Eis kommt nicht wieder – und weniger: Da kommt irgendwas schnell in Rutschen.

          Was ist mit dem Amazonas?

          Beim Amazonas kenne ich mich nicht so gut aus. Die Folgen wären allerdings gravierend für die Region.

          Und der westantarktische Eisschild?

          Das könnte den Meeresspiegelanstieg sehr deutlich beschleunigen. Da sehe ich dann doch ein Risiko.

          Schließlich das arktische Meereis . . .

          Da bin ich mir ganz sicher, dass es kein Kipppunkt ist – auch wenn die Eis-Albedo-Rückkopplung hoch- und runtergebetet wird. Aber: Sie ist nicht der dominante Effekt. Das Eis kommt jedes Jahr wieder – im Winter. Das arktische

          Meereis folgt der Temperatur. Wenn die Temperatur wieder runtergeht, dann kommt auch das Meereis wieder.

          Machen Sie sich auch keine Sorgen über das Auftauen des Permafrosts?

          Nein, quantitativ ist der Beitrag relativ gering. Und pauschal heißt es auch immer: Methan ist ein viel mächtigeres Treibhausgas als CO₂, was natürlich stimmt: Pro Molekül Methan habe ich eine höhere Strahlungswirkung als CO₂. Das liegt aber nicht daran, dass Methan inhärent mehr absorbieren kann, sondern dass viel weniger Methan da ist. Die Strahlungswirkung von jedem Molekül hängt an der relativen Änderung. Weil schon so viel CO₂ da ist, macht ein CO₂-Molekül weniger aus. Und insgesamt wirkt Methan als Treibhausgas geringer als CO₂. Außerdem: Selbst wenn der Permafrost auftaut, ist unsicher, wie viel von dem Methan wirklich in der Atmosphäre ankommt. Methan kann von Bakterien zu CO₂ umgewandelt werden. Über das Methan mache ich mir keine Sorgen.

          Worüber machen Sie sich Sorgen?

          Dass die Panik irgendwann nach hinten losgeht. Wenn ich daran glaube, dass wir uns auf einen Abgrund zubewegen, fallen wir irgendwann auch hinunter. Dann rufe ich die auf den Plan, die am Klima herumklempnern wollen. Darüber mache ich mir wirklich Sorgen.

          Jochem Marotzke ist seit 2003 Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und leitet dort die Abteilung "Ozean im Erdsystem".

          Sie meinen das Geo-Engineering, die absichtliche Beeinflussung des Strahlungshaushalts, wie es die Harvard University dieses Jahr in den Vereinigten Staaten in einem Großexperiment untersuchen will.

          Gerade der Plan, Schwefelsäure in die Stratosphäre einzubringen, um den Strahlungshaushalt zu verändern, wäre ein gewaltiger Aufwand. Aber er wäre für ein reiches, mächtiges Land vermutlich machbar. Wenn dann aber in einem anderen Land Missernten auftreten, könnte das leicht als kriegerischer Akt gesehen werden. Davor fürchte ich mich. Und falls das Experiment glückt, wird die Sache hoffähig.

          Was wäre daran so schlimm? Wenn es denn funktioniert.

          Das Einbringen von Schwefelsäure in die Atmosphäre bedeutet einen totalen Blindflug, denn das Wetter schwankt sehr stark, daher überlagern sich die Effekte. Da gibt es fundamentale Unsicherheiten. Und trotzdem, falls ein Land der Auffassung wäre, dass es vom Klimawandel bedroht wäre, dann erschiene ja alles gerechtfertigt. Das aber könnte als aggressiver Akt verstanden werden, politische Instabilitäten wären die Folge. Womit wir wieder bei der Panik wären: Sie kann brandgefährlich werden. Die Frage ist ja, an welcher Stelle übersteigen die Risiken von Klimaschutzmaßnahmen die Risiken durch den Klimawandel. Da hilft Panik nicht, da hilft nur relativ nüchternes Analysieren und Abwägen – und eine demokratische Diskussion.

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