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Das Labor im Regenwald

Von LAURA SALM-REIFFERSCHEIDT(Text) und NYANI QUARMYNE (Fotos)

27. Oktober 2021 · Im Kongobecken ist eine Renaissance der Forstwissenschaften zu beobachten. Wie eine Forschungsstation dem Klima- und Artenschutz dienen kann. Ein Storytelling.

Joel Litale steht auf einer Leiter, die an den mächtigen Stamm eines Mukulungu gelehnt ist. Er legt ein Maßband zwischen zwei Linien, die mit roter Farbe auf etwa vier Meter Höhe um den Baum gezogen sind, dessen botanischer Name Autranella congolensis lautet. Auf der anderen Seite des Stammes schiebt Augustin Iyokwa das Band, auf dem Vielfache der Kreiszahl Pi als Maßeinheiten angegeben sind, mithilfe eines Stockes zwischen die roten Linien. „Der Durchmesser beträgt 63,8 Zentimeter“, ruft Litale seinem Kollegen zu und steigt von der Leiter, während Iyokwa die Zahl auf einem Blatt Papier notiert. Die beiden Forstwirte tragen grüne Arbeiterkluft, Gummistiefel gegen Schlangenbisse und Helme, die sie vor Früchten schützen sollen, die immer wieder lautstark von bis zu vierzig Meter hohen Bäumen zu Boden donnern. Regen prasselt auf das dichte Blätterdach und tropft herab. Es ist Mitte September, in der Demokratischen Republik Kongo hat die Regenzeit gerade begonnen. 

Die zwei Männer schieben die Leiter zusammen, steigen über dicke Wurzeln, verrottete Äste und riesige Blätter, um weitere Exemplare von Autranella zu vermessen. Diese Gattung der Sapotengewächse umfasst nur eine Art, die ist sehr selten und steht auf der Roten Liste derzeit als „gefährdete Spezies“. Für die Menschen hier im Kongobecken hat Mukulungu einen hohen Wert: Aus den Stämmen werden traditionell Pirogen geschnitzt; das harte Holz eignet sich auch für die Möbelproduktion, und die Rinde wird als Arznei genutzt, etwa um Schmerzen nach einer Geburt zu lindern. Zugleich sind die Bäume ein Lebensraum für Raupen, die von der Bevölkerung als Proteinquelle begehrt sind, und sie speichern viel Kohlenstoff. Litale weist uns auf eine kleine Kamera hin, die weit oben am Ast eines Autranella befestigt ist und jeden Morgen und Nachmittag ein Foto vom Blattwerk schießt, und er erklärt: „Damit wird die Phänologie untersucht: Wann blüht der Baum? Wann trägt er Früchte? Verliert er Blätter zu einer bestimmten Zeit im Jahr?“ Weiter unten am Stamm ist ein batteriebetriebenes Dendrometer befestigt, das Wachstumsbewegungen im Mikrometerbereich misst und protokolliert. Joel Litale ist Agronom und Forstwissenschaftler an der Yangambi-Forschungsstation, diese liegt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo in der Provinz Tshopo. Mitten im Kongobecken also und umgeben von dem nach Amazonien zweitgrößten zusammenhängenden Regenwaldgebiet, das laut einer aktuellen Studie aber noch mehr Kohlenstoff speichert. 

Joel Litale (rechts) bespricht mit Augustin Iyokwa, wie die Vermessung des Autranella congolensis am besten gelingt. Diese Baumart, wie ihr begehrtes Holz auch Mukulungu genannt, ist selten. Um sie zu erforschen, wird das Wachstum bestimmter Exemplare mit einem batteriebetriebenen Dendrometer überwacht.


Yangambi ist Hauptsitz des Nationalen Instituts für Agronomische Studien und Forschung, INERA, dessen Geschichte ins Jahr 1933 zurückreicht. Damals wurde es als Institut National pour l’Étude Agronomique du Congo Belge, INÉAC, gegründet, um die Wissenschaften in den belgischen Kolonien zu entwickeln. Der Staat hatte 1908 die Kontrolle über den Kongo-Freistaat übernommen, nachdem die Skandale um die Gräueltaten unter König Leopold II. nicht mehr tragbar waren; bis dahin hatte sich der belgische König dort privat bereichert. Die einheimische Bevölkerung lebte nahezu versklavt und war laut Schätzungen um die Hälfte geschrumpft aufgrund verheerender Arbeitsbedingungen, von Hunger und Krankheiten; die Geburtenrate war in der Folge stark zurückgegangen. Die neuen Kolonialherren erkannten bald, dass es ihnen an Arbeitskräften mangeln würde, wollten sie Kautschuk und andere Güter mit Gewinn aus dem Land bringen: Um die Bevölkerung zu ernähren, mussten die Anbaumethoden lokal verbessert werden, und dazu sollte das INÉAC unter anderem beitragen. 

Über die Jahre entwickelte sich das Institut, von dem es an die vierzig Niederlassungen in Belgisch-Kongo und Ruanda-Urundi gab, zu einem der wichtigsten botanischen, land- und forstwirtschaftlichen Forschungszentren der Welt. Am Hauptsitz Yangambi erstrecken sich die Ländereien am nördlichen Flussufer des Kongo über 25.000 Hektar und grenzen nun an ein Biosphären-Reservat der UNESCO, das rund 235.000 Hektar Regenwald umfasst. Am INÉAC widmete man sich einst der Viehzucht und Landwirtschaft, von Interesse waren Kreuzungen für neue Sorten von Bananen, Reis, Kautschuk, Ölpalmen, Kaffee und Kakao. Zeitweise waren hier mehr als 300 Forscher tätig, die Wissenschaft blieb jedoch in weißer, europäischer Hand, während Kongolesen die Arbeit auf den Feldern und Plantagen verrichteten oder im Institut assistierten, in den Laboratorien für Pflanzenpathologie, Insekten-, Klima- sowie Bodenkunde. Für bestimmte Studien ging es ins ­Freiland, in den Regenwald. Dort war Autranella congolensis schon zur Kolo­nialzeit rar, aber das ökonomische Potenial schien groß und brachte die Frage auf, ob der Baum auch in Plantagen gedeihen könnte. In den Dreißiger- und Vierzigerjahren wurden Versuchsflächen bepflanzt: Mal übte man Kahlschlag, mal wurde nur das Unterholz entfernt, bevor man die Setzlinge pflanzte. Im dritten Fall entstand ein Schachbrettmuster aus gerodeten Flächen von zehn mal fünfzig Metern, in die man Autranella setzte, daneben blieben gleich große Waldstücke unberührt. Aber diese Pflanzungen wurden schon bald sich selbst überlassen, denn mit der Unabhängigkeit des Landes begann der Niedergang Yangambis. 

Anfangs war die Hoffnung noch groß. In einem alten Gästebuch des Forschungsinstituts ist in gedrungener Handschrift auf Französisch zu lesen: „Wir betrachten INÉAC als nationales Erbe des zukünftigen kongolesischen Staates. Mit Patriotismus werden wir dieses Institut immer verteidigen.“ Das Datum: 10. Mai 1960, unterzeichnet von „P. Lumumba“. Er hatte Mitte der 1940er-Jahre als Schalterbeamter in einem Postamt der Forschungsstation gearbeitet, nun aber war er 34 und Mitbegründer der Partei Mouvement National Congolais, die zwei Wochen später als stärkste politische Kraft aus den ersten Parlamentswahlen des Landes hervorgehen sollte. Am 30. Juni 1960 feierte man die Unabhängigkeit von Belgien, Patrice Lumumba wurde Premier. Ein halbes Jahr später war er tot, erschossen unter belgischem Kommando von Separatisten der Provinz Katanga. Erst nach Jahrzehnten kamen die genauen Umstände ans Licht, aber Joseph-Désiré Mobutu, der an dem Putsch beteiligt gewesen und von der CIA unterstützt worden war, gelangte an die Macht. Den Oberbefehl über die Streitkräfte konnte dieser halten, und nach einem zweiten Staatsstreich 1965 herrschte Mobutu „Sese Seko Kuku Ngbendu wa Zabanga“ als diktatorischer Präsident. 

Auf die Unabhängigkeit war das Land nicht vorbereitet. Führungspositionen blieben Kongolesen zuvor verwehrt, und weniger als dreißig hatten eine Hochschulbildung genossen. Unter Mobutu, der bis 1997 regierte, aber auch unter den zwei folgenden Präsidenten, zuerst Laurent-Désiré Kabila, dann dessen Sohn Joseph, wurde Forschung nicht gefördert, weder in Schulen noch Universitäten viel investiert. Bis heute ist die Entwicklung des an Bodenschätzen reichen, aber instabilen Landes durch Korruption und anhaltende Konflikte gebremst. Das blieb auch für die Station in Yangambi, die seit den Sechzigern eine staatliche Einrichtung ist, nicht ohne Folgen. Die belgischen Forscher verließen das Land, und wie ihre eleganten Bungalows verfielen auch die Siedlungen der Feldarbeiter. 

In den noch bewohnbaren Gebäuden leben heute die Nachfahren der Hilfskräfte von einst, die jetzigen Mitarbeiter am INERA sind ihre Nachbarn. In der offenen Tanzbar, die früher Besucher anlockte aus der Hauptstadt Kinshasa und Kisangani, der nächsten größeren Stadt rund 90 Kilometer flussaufwärts, wird jetzt sonntags eine Messe abgehalten. Dem alten Kino fehlt ein Projektor, und nur selten wird der Saal, der bis zu 300 Leute fasst, gefüllt. Das Schwimmbad unterm Sprungturm ist, abgesehen von Unkraut in seiner tiefsten Ecke, leer; ein Babybecken dient als Wasserspeicher für die Gemüsebeete. Die Anlagen und Plantagen des Instituts verwilderten, einige Felder wurden von den Einwohnern der Gegend weiterhin bestellt, doch die Rinderherden fielen Soldaten aus Ruanda und Uganda zum Opfer, die hier 1997 auf dem Weg nach Kinshasa vorbeizogen, um Mobutu zu stürzen. Die Archive, Labore und Verwaltungsgebäude litten – das Forschungsinstitut fiel in einen Dornröschenschlaf. Aus dem es langsam wieder erwacht.

Die Geschichte der Yangambi-Forschungsstation reicht ins Jahr 1933 zurück: Damals wurde das Institut National pour l’Étude Agronomique du Congo Belge gegründet, um die Wissenschaften in den belgischen Kolonien zu entwickeln, und erhielt Weltruf. Nach der Unabhängigkeit des Landes fielen weite Teile des Geländes mit Poststation (oben), Laborgebäuden, Kino und Schwimmbad in einen Dornröschenschlaf. Aus dem erwacht das Institut jetzt wieder.


Dass Joel Litale seltene Autranella-Bäume erforschen kann, ist einer Private Public Partnership zu verdanken. Das „Yangambi Landscape“-Projekt ist eine Kooperation, an der das INERA, die Universität von Kisangani, das Center for International Forestry Research, kurz CIFOR, mehrere kongolesische Ministerien und das private Unternehmen Resources and Synergies Development beteiligt sind. Finanziert wird das Projekt bisher größtenteils von der Europäischen Union, künftig will man auch private Investoren und grüne Fonds einbinden. „Mit diesem Ansatz versuchen wir, den Wald und seine Biodiversität zu erhalten und gleichzeitig die Lebensgrundlage der Menschen zu verbessern, die in und von dieser Landschaft leben“, sagt Paolo Cerutti, der als Wissenschaftler am CIFOR das Projekt „Yangambi Landscape“ koordiniert. Die Bewohner, der Wald und dessen Biodiversität und jegliche Entwicklung der Region sind voneinander abhängig und werden in diesem Projekt als ein Ganzes betrachtet. 

Vor mehr als zehn Jahren begann das mit der Ausbildung von Masterstudenten sowie Doktoranden im Bereich Biodiversität und nachhaltiges Forstmanagement an der Universität von Kisangani. 2005 gab es in der Demokratischen Republik Kongo, die das größte und bevölkerungsreichste Land in Zentralafrika und sowohl für Minen als auch für Wälder bekannt ist, weniger als ein Dutzend ausgebildeter Forstwissenschaftler, die in diesem Fach aktiv waren. Dementsprechend fehlte es an Stimmen, wenn es um die Verteidigung des Regenwaldes ging. Auf internationalen Konferenzen beispielsweise, auf denen es um Waldschutz und Maßnahmen gegen den Klimawandel gehe, seien die Interessen des Landes nicht stark genug vertreten: „Damit unser Wald eine Zukunft hat, braucht es Menschen in Entscheidungsebenen, die sich damit auskennen“, sagt Chadrack Kafuti, der in seiner Doktorarbeit untersucht, wie sich der Klimawandel auf Pericopsis elata auswirkt, eine Baumart, die ein begehrtes Edelholz liefert, deren Bestand aber schwindet.

Dem Projekt beziehungsweise der finanziellen Förderung verdanken bisher rund 220 Studenten, dass sie ein Studium im Bereich der Forstwissenschaften mit einem Master oder gar einer Promotion abschließen konnten. Davon profitiert das ganze Land, und ihre Ideen sind wichtig für die Forschung. Da es vom Staat jedoch keine Rente gibt, bleiben Angestellte am INERA oft bis ins hohe Alter in ihren Jobs – halten so die nächste Generation fern, können aus Mangel an Geld aber selbst kaum Forschung betreiben. Hier setzt das Projekt ebenfalls an, indem es nicht nur Studien und Fortbildungen finanziert, sondern sowohl die Renovierung als auch die Neuausstattung von Gebäuden und Laboren, zudem ein Mentoring durch internationale Experten. Mit der Universität im belgischen Gent als Partner wurde im Regenwald ein Messturm aufgestellt: 55 Meter ragt nun ein Eddy-Kovarianz-Flux-Turm im Kongobecken auf, mit dessen Hilfe der Gasaustausch erforscht wird. Die Daten geben Auskunft darüber, welche Rolle der Tropenwald als Kohlenstoffspeicher spielt. Das alte Institut hat zwar wenig Hightech zu bieten, ist aber reich an Daten- und Materialsammlungen: Die Klimaaufzeichnungen beginnen im Jahr 1928; in der Xylothek lagern mehr als 220 Proben einheimischer Gehölze, die man als Referenzen scannen will, um dem Holzschmuggel weltweit Einhalt zu gebieten. Und das Herbarium enthält rund 125.000 Pflanzenreste, die seit Ende des 19. Jahrhunderts gesammelt wurden und im getrockneten Zustand eine sich verändernde Vegetation dokumentieren. 

In Yangambi lagert das Nationale Herbarium der Demokratischen Republik Kongo. Die Sammlung umfasst rund 125.000 Pflanzenreste, meist in getrockneter Form. Die Forstabteilung hat eine eigene Sammlung, hier werden auch einige Feuchtpräparate aufbewahrt, wie im Bild zu sehen ist.
In Yangambi lagert das Nationale Herbarium der Demokratischen Republik Kongo. Die Sammlung umfasst rund 125.000 Pflanzenreste, meist in getrockneter Form. Die Forstabteilung hat eine eigene Sammlung, hier werden auch einige Feuchtpräparate aufbewahrt, wie im Bild zu sehen ist.


Das Wissen hat durchaus praktischen Nutzen und fließt in diverse sozioökonomische Aktivitäten im Projektgebiet ein, das sich über eine Pufferzone von rund 25 Kilometern um das eigentliche Biosphärenreservat erstreckt. In Form von Jobs und Einnahmequellen wirkt sich das auf gut 800.000 Menschen aus, die hier leben, angefangen bei den Kleinsten. Umweltkunde steht in lokalen Schulen auf dem Programm, um der nächsten Generation die Natur auf nachhaltige Weise näherzubringen. Zum Plan gehören Wertschöpfungsketten, Imkerei, Fischzucht, Köhlerei oder Jagd, die auch Einfluss auf die Stadt Kisangani und deren Bewohner haben. „Wir lernen ständig dazu und können alles den neuesten Erkenntnissen aus unseren Studien anpassen“, sagt Cerutti, der für die Entwicklung der Region eine langfristige Vision verfolgt. „Nur wenn man das ganze Bild des Puzzles sieht, kann man die einzelnen Teile zu einem Ganzen zusammensetzen.“ In zwanzig Jahren könnte Yangambi ein Treffpunkt für Forscher aus Kongo und der ganzen Welt sein, hofft Cerutti. Bis dahin hätten die Funken einer wirtschaftlichen Neuentwicklung auch schon die ersten Feuer entfacht. 

Das Konzept des Landschaftsprojekts beruht auf verschiedenen Aktionssträngen, die miteinander verwoben sind. Etwa auf der Verbesserung der landwirtschaftlichen Praktiken, damit Bauern höhere Erträge ernten, ohne den Druck auf den Wald zu erhöhen. Weil die Böden schnell auslaugen, werden sie bisher durch immer neue Rodungen ersetzt. Eine Alternative dazu bietet der agroforstwirtschaftliche Ansatz, wenn etwa Bäume in brachliegende Felder gepflanzt werden, um sie wieder mit Nährstoffen anzureichern und auch gleichzeitig zu bestellen. Es ist wichtig, einerseits die Landwirtschaft zu intensivieren und andererseits die Menschen zu sensibilisieren, denn die Bevölkerung wächst: „Wenn die Leute denken, dass der Wald unendlich ist, dann unternehmen sie nichts“, meint Cerutti. Die Kolonialzeit ist noch nicht vergessen, auch nicht die daraus folgenden Landstreitigkeiten, deshalb ist die Skepsis gegenüber INERA und Fremden groß. Mit Testfeldern wird versucht, die Bauern zu überzeugen – das Prinzip vermitteln ihnen Teams, die aus den gleichen Dörfern kommen, in technischen Schulen ausgebildet wurden und durch das Projekt nun einen Job haben. An besseren Ernten erkennen mittlerweile viele den Vorteil von Bäumen, weil Wurzeln der Akazien zum Beispiel die Erde mit Stickstoff anreichern und deren Blätter als Dünger dienen. Aber bis andere den Unterschied auf den Feldern sehen könnten, würden noch ein paar Jahre vergehen. „Warum ist da was anders? Sie müssen sich diese Fragen selber stellen“, sagt der Italiener, der seit fast zwanzig Jahren im Regenwald des Kongobeckens arbeitet. Akazien fördern nicht nur die Ernte; sind sie groß genug, kann ihr Holz verkauft und zur Herstellung von Strom genutzt werden. Am Flussufer befindet sich ein Biomassekraftwerk im Bau, das Teil des Projekts ist und Yangambi zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder mit Strom versorgen soll. 

Nur wenige hundert Meter von der Baustelle entfernt findet zweimal in der Woche ein Markt statt. Neben Stoffen, Kleidung, Medikamenten, Obst, Gemüse und Fisch bieten Verkäuferinnen frisches und geräuchertes Buschfleisch feil. Unter den Tischen versteckt, wenn dem Gesetz nach gerade keine Jagdsaison ist, an die sich allerdings kaum jemand hält. Für die Dorfbewohner im Yangambi-Reservat ist das Fleisch von Wildtieren nach wie vor eine wichtige Eiweißquelle, in der 1,6-Millionen-Stadt Kisangani gilt es als Delikatesse. „In Umfragen haben wir herausgefunden, dass die Jäger den Großteil des Fleisches verkaufen und kaum etwas für den eigenen Haushalt aufheben, was oft zur Folge hat, dass ihre Kinder mangelernährt sind“, sagt Jonas Muhindo, der die Wertschöpfungskette von Wildfleisch bis zum Konsumenten verfolgt, dabei auch untersucht, was den Handel beeinflusst. Dem widmet er sich zusammen mit Jonas Nyumu, der wie er das Masterprogramm an der Universität von Kisangani absolviert hat und nun für CIFOR arbeitet.

  • Es ist Markttag in Yangambi. Lastkähne transportieren Waren, Händler und potentielle Käufer über den Kongo und bringen sie hier ans Ufer, wo auch Pirogen anlegen.
  • Auf dem Markt sind Nahrungsmittel, Stoffe, Kleidung und allerhand mehr zu finden. In einem bestimmten Abschnitt wird auch mit Buschfleisch gehandelt.
  • Ein schwieriger Anblick, aber in Afrika nicht unüblich: Hier wird über den Preis eines geräucherten Affen gefeilscht, den Helena Yenga auf dem Markt als Buschfleisch an ihre Kunden weiterverkaufen möchte.
  • Bisher gehören vor allem Fisch und Buschfleisch zu ihrem Angebot. Doch Helena Yenga nimmt an einem Projekt teil, dass ihr beim Aufbau einer kleinen Schweinezucht hilft. Die soll ihr bald als alternative Einnahmequelle dienen. Und somit dem Schutz wildlebender Arten.
  • Es ist Markttag in Yangambi. Lastkähne transportieren Waren, Händler und potentielle Käufer über den Kongo und bringen sie hier ans Ufer, wo auch Pirogen anlegen.
  • Auf dem Markt sind Nahrungsmittel, Stoffe, Kleidung und allerhand mehr zu finden. In einem bestimmten Abschnitt wird auch mit Buschfleisch gehandelt.
  • Ein schwieriger Anblick, aber in Afrika nicht unüblich: Hier wird über den Preis eines geräucherten Affen gefeilscht, den Helena Yenga auf dem Markt als Buschfleisch an ihre Kunden weiterverkaufen möchte.
  • Bisher gehören vor allem Fisch und Buschfleisch zu ihrem Angebot. Doch Helena Yenga nimmt an einem Projekt teil, dass ihr beim Aufbau einer kleinen Schweinezucht hilft. Die soll ihr bald als alternative Einnahmequelle dienen. Und somit dem Schutz wildlebender Arten.


Einen der Jäger, mit denen sie kooperieren, treffen wir, nachdem dieser gerade eine Woche lang im Wald unterwegs gewesen ist. „Ich habe Tag und Nacht gejagt, nachts mit einer Stirnlampe“, sagt Sou­verain Baso. Geschossen habe er nur wenig: zwei Affen, eine Riesenratte, eine kleine Antilope. Das Fleisch verkauft er an Händler oder Zwischenhändler, die jeden Samstag am Ende eines Waldweges auf die Jäger warten, um es am nächsten Tag auf dem Markt von Yangambi weiterzuverkaufen. Baso hat für seine Beute rund 13 Euro bekommen; weil andere Einnahmequellen fehlen, gibt es immer mehr Jäger, die aber immer weniger Tiere finden. Muhindo und Nyumu versuchen, den Jägern und Händlern alternative Verdienstmöglichkeiten näherzubringen. Zum Beispiel eine Schweinezucht, mit der sich Helena Yenga nun versucht, denn der Verkauf von Wildfleisch auf dem Markt bringt ihr nur vier bis fünf Euro ein. Im ersten Jahr erhält sie noch Unterstützung, etwa beim Bau eines Stalles, bei der Anschaffung der Ferkel und mit Know-how, ein Tierarzt steht ihr ebenfalls zur Seite. Danach soll sie mit ihrem Mikrounternehmen auf eigenen Beinen stehen. „Ich werde bald mehr mit den Schweinen verdienen als mit dem Buschfleisch“, ist Yenga überzeugt. Mit dem Geld könne sie ihre achtköpfige Familie unterstützen. „Sind die ersten Ferkel geboren, kann sie anfangen, Schweinefleisch zu verkaufen, und ist immer weniger auf den Handel mit Wildfleisch angewiesen“, erklärt Nyumu die zugrunde liegende Idee. 

Eine andere Form von Nachhaltigkeit will Nestor Luambua den Einwohnern beibringen. In Baucontainern, die zu einem modernen Labor für Holzbiologie ausgebaut sind, steht Luambua in seinem weißen Kittel vor sieben Männern und einer Frau, die mit einer Lupe gerade verschiedene Holzproben begutachten sollen: „Könnt ihr die Jahresringe, Markstrahlen und die Poren sehen? Wie sehen diese aus, wie sind sie angeordnet?“ Wenn er nicht unterrichtet, arbeitet der 31-Jährige an seiner Doktorarbeit über das Kongobecken als Kohlenstoffsenke und kümmert sich um das Holzlabor, das 2019 gegründet wurde. Auf Initiative des AfricaMuseums im belgischen Tervuren ist hier eine mit Mikroskopen und Mikrotomen bestens ausgerüstete Einrichtung entstanden, die einzigartig südlich der Sahara ist. Luambua und seine Kollegen können selbst die Funktionsweise, Anatomie und das Alter von Bäumen untersuchen, statt Proben nach Europa schicken zu müssen. Zu seinen Aufgaben im Rahmen des Gesamtprojekts zählt aber auch, Holzhändler wie diese acht zu unterrichten, die für den zweitägigen Workshop extra per Boot angereist sind, und so erklärt Luambua ihnen, wie Holzarten anhand von Farbe und Struktur zu unterscheiden sind. In der Hoffnung, dass sie den Wald in Zukunft nachhaltiger nutzen. Im Gegensatz zu großen kommerziellen Unternehmen, die Aufforstungssteuern an den Staat zahlen, einen Management-Plan vorweisen und genaue Angaben zu Einschlagmengen in ihren Konzessionsflächen machen müssen, re­spektieren solche Kleinstunternehmer oft keine Regeln, weil sie auch eher unter Druck gesetzt werden. „Jeder Baum mit einer guten Größe kann zu Geld gemacht werden. So besteht das Risiko, dass sie selbst junge Bäume schlagen, und dann gibt es morgen das Holz, das die Verbraucher wollen, nicht mehr“, sagt Luambua. Auch Zöllner hat er schon unterrichtet, damit sie Bäume unterscheiden und bedrohte Arten erkennen können, denn Händler deklarieren an den Grenzen oft Bäume, deren Holz weniger wert ist als das der tatsächlich exportierten Art, was die Ausfuhrsteuer eben viel günstiger macht. 

  • Im Labor für Holzbiologie untersucht Assistent Trésor Bolaya die Wachstumsringe eines Stammes. Das Labor wurde 2019 gegründet, den Forschern steht hier die modernste Technik zur Verfügung. Proben müssen zur Analyse nicht mehr extra nach Europa geschickt werden.
  • Unter dem Mikroskop sind die unterschiedlichen Wachstumsringe eines Baumes deutlich zu erkennen, die für eine Art jeweils charakteristisch sind.
  • Trésor Bolaya sortiert Holzproben aus verschiedenen Kernbohrungen.
  • Norbert Yeni (links) and Fidéle Noa bringen das Nationale Herbarium, das in Yangambi lagert, auf den neuesten Stand.
  • Im Labor für Holzbiologie untersucht Assistent Trésor Bolaya die Wachstumsringe eines Stammes. Das Labor wurde 2019 gegründet, den Forschern steht hier die modernste Technik zur Verfügung. Proben müssen zur Analyse nicht mehr extra nach Europa geschickt werden.
  • Unter dem Mikroskop sind die unterschiedlichen Wachstumsringe eines Baumes deutlich zu erkennen, die für eine Art jeweils charakteristisch sind.
  • Trésor Bolaya sortiert Holzproben aus verschiedenen Kernbohrungen.
  • Norbert Yeni (links) and Fidéle Noa bringen das Nationale Herbarium, das in Yangambi lagert, auf den neuesten Stand.


Dass seltene Bäume wie Autranella nicht schon bald verschwinden, dazu trägt auch die Forschung von Joel Litale ihren Teil bei. Der Forstwirt vergleicht die wild im Wald wachsenden Exemplare mit jenen, die von den Belgiern vor etwa achtzig Jahren auf den Versuchsflächen gepflanzt wurden. Obwohl er schon 15 Kilometer tief ins Biosphärenreservat vorgedrungen ist, ließen sich bisher kaum junge Bäume finden, nur alte. Warum? Litale ging der Frage nach, um herauszufinden, ob das am menschlichen Einfluss liegt oder an der Fortpflanzungsweise. Und in einem alten Bericht, den er in der verstaubten Bibliothek im Forschungsinstitut ausgegraben hat, las Litale, dass die Baumfrüchte von Waldelefanten gefressen und die Samen durch diese über weite Distanzen verbreitet werden. Die harten Samen scheinen eher zu keimen, nachdem die Magensäure der Elefanten ihnen zugesetzt und ihre Schale aufgeweicht hat. In der Region ließ sich aber in den 1980er-Jahren zum letzten Mal ein Waldelefant blicken, was erklären würde, warum es an natürlichem Baumnachwuchs mangelt. Das Beispiel zeigt, auf welch ungeahnte, vielfältige Weise sich die unkontrollierte Jagd auf die Biodiversität auswirken kann. Und vielleicht sind Plantagen die Lösung, um Autranella congolensis vor dem Aussterben zu bewahren. Nur muss es Litale und seinen Kollegen gelingen, die Samen zum Keimen zu bringen, mit einem Schnitt in der Schale helfen sie nach. 

Die Forschung in Yangambi hat nicht nur Einfluss auf die Flora und Fauna, sondern auch auf Lebensbedingungen der Bevölkerung in dem Gebiet. Indem der sogenannte Haubarkeitsdurchmesser für verschiedene Arten bestimmt wird, lässt sich das Schlagen der Bäume so regulieren, dass diese eine Chance haben, sich fortzupflanzen. Das scheint wichtiger als je zuvor, da die Demokratische Republik Kongo gerade ein Moratorium für Holzkonzessionen aufgehoben hat. Und die Forscher können dem Rest der Welt vor Augen führen, wie bedeutend das Kongobecken im Kampf gegen den globalen Klimawandel unter anderem als Kohlenstoffspeicher ist. Für die Bewohner des Landes wiederum ist Holz essenziell – ein Mangel wird zum Problem, weil sie auf Feuerholz oder Kohle angewiesen sind. Mit welcher Konsequenz, das erlebte Nestor Luambua in seiner Heimatprovinz: Die Leute gingen in die Nachbarprovinz und fällten dort Bäume, um Holzkohle zu produzieren. Am Ende wurden die Konflikte mit Waffen ausgetragen. „Und ganze Dörfer niedergebrannt“, erzählt Luambua, „das hat mich beschäftigt.“ Deshalb habe er auch Forstwirtschaft studiert und seinen Master gemacht, um friedliche Lösungen für diese gesellschaftlichen Probleme zu finden. 

Doktorand Nestor Luambua erklärt dem Team, wo der Pfad verlaufen soll, den sie für ein Projekt der Yangambi Forschungsstation in den Wald schlagen werden.
Doktorand Nestor Luambua erklärt dem Team, wo der Pfad verlaufen soll, den sie für ein Projekt der Yangambi Forschungsstation in den Wald schlagen werden.


Blatt für Blatt

Wir nehmen Bäume meist als selbstverständlich war, obwohl sie unentbehrlich für unser Überleben sind – und nicht nur als Obstproduzenten oder Kohlenstoffspeicher. Das „ European Journalism Centre“ vergibt 2021 acht Recherchestipendien an europäische Medien, um die Berichterstattung über globale Entwicklungsthemen zu fördern. Zu den ausgewählten Bewerbern gehören drei Projekte deutscher Zeitungen, darunter die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung; insgesamt beläuft sich die Förderung auf 900.000 Euro, unterstützt von der Bill und Melinda Gates Stiftung.

Mit diesem „European Development Journalism Grant“ wird das F.A.S.-Wissenschaftsressort im Team mit freien Autoren und Fotografen in den kommenden Monaten das Projekt „Baumpalaver“ verfolgen, das daran angelehnt ist, dass sogenannte Palaverbäume traditionell das Zentrum afrikanischer Dörfer darstellen. Mit einer Artikel-Serie wollen wir, in loser Folge, den Blick auf Bäume an sich lenken, deren Funktion und Bedeutung für uns Menschen deutlich machen. Nicht nur als Instrument im Kampf gegen den Klimawandel, sondern auch als Hilfsmittel, mit dem Menschen ihren Lebensstandard, ihre Gesundheit und ihre Umwelt nachhaltig verbessern können: Wie tragen Wälder zu unser aller Gesundheit und Wohlbefinden bei? Was passiert mit Dörfern oder Städten, denen es an Bäumen mangelt? Und wie hängen Ökosysteme zusammen, gerade in Anbetracht von Epidemien, wenn Menschen zunehmend in die Lebensräume von Tieren und Pflanzen eindringen, Wälder zerstören?

All diesen Fragen möchten wir in verschiedenen Ländern nachgehen und in Reportagen Menschen vorstellen, deren Ideen die Entwicklung ihrer Gemeinschaften, Dörfer und Städte nachhaltig vorantreiben.
Sonja Kastilan

Das Projekt kann in der F.A.S., auf FAZ.net und auf Twitter unter @baumpalaver verfolgt werden.

„Das Labor im Regenwald“ ist der dritte Teil des Projekts „Baumpalaver“.

ABHOLZUNG Ein fast verlorenes Paradies
BENIN Von allen guten Geistern verlassen
ZUKUNFT DES WALDES Das Leiden der jungen Bäumchen


Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 27.10.2021 11:06 Uhr