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Winterstürme im Wandel : Die Grenze des Schlimmen

Die Reichweite steigt

Aber was bedeutet stürmischer? Mehr Stürme? Oder stärkere? Der vermehrte Eintrag latenter Wärme in die Atmosphäre scheint für Letzteres zu sprechen, doch Stevens wäre hier vorsichtig, daraus auf in Zukunft höhere Windgeschwindigkeiten zu schließen. „In einem wärmeren Sturm kann mehr Wärme durch Wasserdampf transportiert werden. Also muss die Strömung nicht stärker sein, um dieselbe Menge an Energie mit sich zu führen.“ Für Stevens und seine Mitarbeiter sieht es eher so aus, dass die Stürme dann stärkere Niederschläge verursachen. Außerdem hat Talia Tamarin zusammen mit Yohai Kaspi vom Weizmann Institute of Science in Rehovot in Israel im vergangenen Jahr zeigen können, dass der höhere Wasserdampfgehalt von Sturmsystemen (englisch „cyclones“) deren Wanderbewegung Richtung Pol unterstützt. „Dazu passend fanden wir, dass Wirbelstürme sich über weitere Distanzen über den Atlantik bewegen“, sagt Tamarin. „Damit können mehr schwere Stürme England, West- und Mitteleuropa erreichen.“

Zwar hätten die eingangs erwähnten Modellierungen und Analysen von Klimasimulationen ergeben, dass die Gesamtzahl der Sturmsysteme in der Nordhemisphäre abnehmen und ihre Intensität sich nicht signifikant verändern wird, sagt Tamarin. Doch hinter diesen scheinbar beruhigenden Befund setzt die Forscherin ein dickes „Aber“: „Mehrere Studien fanden anhand der Klimasimulationen einen Anstieg der Zahl von besonders schweren Stürmen.“ Zusammengefasst zeigt der gegenwärtige Stand der Forschung also: Die globale Erwärmung wird Mitteleuropa zwar insgesamt weniger, dafür aber mehr besonders starke Stürme bescheren. Deren Stärke zeigt sich dann aber nicht in Windgeschwindigkeiten, die zerstörerischer wären als ohne die vom menschlichen CO2 getriebene Klimaerwärmung. Sondern in heftigeren Regenfällen, die mit solchen Stürmen einhergehen und damit mehr Überschwemmungen verursachen.

Neues zum Thema Klimasensitivität

Wie der Klimawandel selbst lässt sich das längst nicht mehr verhindern, sondern allenfalls begrenzen. Wenn die globalen Temperaturen – wie von der internationalen Klimapolitik angestrebt – tatsächlich nicht auf mehr als zwei Grad über das vorindustrielle Niveau stiegen (und damit 0,8 Grad gegenüber dem heutigen Wert), dann dürfte sich eine gravierende klimabedingte Verschärfung der Sturm- oder Überschwemmungsprobleme vielleicht vermeiden lassen. Vergangene Woche erschien in Nature eine Studie, die manche Beobachter hier wieder etwas zuversichtlicher stimmt: Britischen Forschern war es gelungen, die sogenannte Klimasensitivität genauer zu bestimmen. Sie gibt an, um wie viel Grad sich die Erdatmosphäre erwärmen wird, wenn sich ihr CO2-Gehalt verdoppelt. Die im jüngsten Bericht des Weltklimarates IPCC veröffentlichten Schätzungen siedeln diese Kennziffer mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent im Intervall von 1,5 bis 4,5 Grad an, die Briten kommen in ihrer methodisch eleganten Arbeit auf 2,2 bis 3,4 Grad.

Die niedrigere Obergrenze kann man so interpretieren, dass damit eine weniger erfolgreiche Reduktion der CO2-Emissionen mit geringerer Wahrscheinlichkeit so schlimme Folgen hätte wie im Fall einer größeren Unsicherheitspanne der Klimasensitivität. Man kann das aber auch pessimistischer sehen. Hans Schipper vom Karlsruher Institut für Technologie wies gegenüber dem Science Media Center Germany darauf hin, dass die britische Arbeit auch die untere Grenze verschoben hat: „Wenn die untere Grenze tatsächlich bei 2,2 anstatt 1,5 Grad liegen sollte, bedeutet dies, dass es deutlich schwieriger wird, das weltweite Zwei-Grad-Ziel einzuhalten. Und damit zeigt es der internationalen wie auch der nationalen Klimapolitik, dass das Fenster zum Handeln kleiner ist als bisher angenommen.“

Wird das Zwei-Grad-Ziel aber verfehlt, dann dürften allein Meeresspiegelanstieg und Ozeanversauerung dafür sorgen, dass unser Planet im 22. Jahrhundert sich sehr von der heutigen Erde unterscheiden wird. Dass damit auch öfter Orkane enorme Mengen an Platzregen auf Deutschland schütten, dürfte dann zu den geringeren Problemen gehören.

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