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Wirbelstürme : Sintflut im Sonnenstaat

Der Hurrikan Earl vor der amerikanischen Ostküste im September 2010. Bild: dapd

Schlimmer noch als der Hurrikan Katrina: Ein gigantischer Sturm wird Kalifornien früher oder später unter Wasser setzen, sagen Meteorologen voraus. Immerhin mit ein paar Tagen Vorwarnzeit.

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          Dass die Erde bei ihnen jederzeit wie in Japan rumpeln kann, damit haben sich die Kalifornier wohl oder übel abgefunden. Jetzt allerdings warnen amerikanische Wissenschaftler vor einer bislang unterschätzten Gefahr, die sie in Anlehnung an die Arche Noah "Arkstorm" getauft haben - eine Art biblische Katastrophe. Das Akronym "Ark" steht dabei für "Atmospheric river kilo", also einen atmosphärischen Fluss, der statistisch gesehen einmal in tausend (griechisch: "kilo") Jahren auftritt. Im schlimmsten denkbaren Fall würde eine veritable Sintflut den Sonnenstaat meterhoch unter Wasser setzen und Städte wie San Francisco und Los Angeles massiv bedrohen. Das Szenario sei ernst zu nehmen, bestätigen deutsche Wissenschaftler. Und eigentlich längst überfällig.

          Andreas Frey

          Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn Kalifornier über Sintfluten sprechen, hat das auf den ersten Blick eine unfreiwillige Komik. In kaum einem anderen Teil der Vereinigten Staaten scheint die Sonne länger, wüten Waldbrände häufiger und ist Wasser knapper. Aber wenn es schließlich doch einmal regnet, dann richtig. Nichts beschreibt das Klima und Lebensgefühl Kaliforniens besser als Albert Hammonds Hymne "It never rains in Southern California" aus den siebziger Jahren, deren Refrain mit dem Sonnenstaat-Image gehörig aufräumt: "Scheint, als würde es nie in Südkalifornien regnen. Aber hat dich niemand gewarnt? Es schüttet, Mensch, es schüttet!"

          Wie stark es im Sonnenstaat schütten kann, davon konnten sich Millionen Kalifornier zuletzt an Weihnachten überzeugen. Mehr als zweihundert Liter pro Quadratmeter prasselten in wenigen Tagen auf Los Angeles nieder, in den Bergen und Nationalparks im Landesinneren fielen sogar rund fünfhundert Liter Regen und Schnee. Damit war das Jahressoll in einigen Gebieten fast erreicht, was wiederum die Wissenschaftler auf den Plan rief.

          Rückblick auf 1861

          Eigentlich seien heftige Regenfälle nicht ungewöhnlich, sagt Lucile Jones, Vorsitzende des sogenannten Multi Hazards Demonstration Project (MHDP), einem Zusammenschluss Dutzender Wissenschaftler, Ökonomen und Behörden, die Naturgefahren einschätzen. "Diese Stürme treten wenige Male pro Jahr auf, wenn auch sehr unregelmäßig. Die Kalifornier kennen diese intensiven Regenfälle und wissen, dass an einem Tag hundert Liter fallen können."

          Aber wissen sie auch, was im Winter 1861/62 geschah? In ihrer Studie "Overview of the Arkstorm scenario", die gerade online im U.S. Geological Survey Open-File Report erschienen ist, erinnern die Forscher ihre Landsleute an den bislang letzten Arkstorm, der vor knapp 150 Jahren an Heiligabend 1861 begann und 45 Tage und Nächte anhielt. In weiten Teilen der Westküste der Vereinigten Staaten goss es ununterbrochen wie aus Kübeln. Der Wasserpegel in Flüssen und Bächen stieg und stieg, die Flut holte sich Häuser, Menschen und Vieh. Das Einzugsgebiet von Los Angeles verwandelte sich in einen großen See, Felsen und Schlamm rauschten zu Tal. Behörden sprachen damals von der größten Katastrophe seit der Ankunft des weißen Mannes. Kalifornien und seine Nachbarstaaten benötigten Monate, um zur Normalität zurückzufinden. "Wir schätzen, dass Stürme dieser Größenordnung alle hundert bis zweihundert Jahre auftreten", sagt Lucile Jones. Es müsse nicht in diesem Jahr passieren und auch nicht im nächsten. Aber in Anbetracht der Meteorologiegeschichte Kaliforniens sei die Ankunft eines Supersturms unvermeidlich.

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