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WHO-Bericht zu Mikroplastik : Im Trinkwasser sind die Sorgen stark verdünnt

Trinkwasser wird von der WHO als Mikroplastikquelle entlastet. Bild: dpa

Keine Entwarnung: Die Weltgesundheitsorganisation hält die Gesundheitsgefahren von Mikroplastik im Trinkwasser für gering – auch, weil man praktisch nichts weiß über die Folgen der Plastikverschmutzung.

          Winzige Kunststoffreste und -fasern sind heute praktisch überall nachzuweisen: im Boden, im Wasser, auch im Darm und sogar in der Luft, wie man seit kurzem dank einer Studie deutscher Forscher weiß. Doch was sie im Körper bewirken, bleibt immer noch weitgehend im Dunkeln. Das Wissen um die Gesundheitsrisiken ist erschreckend dünn, gleichzeitig wächst die Sorge vor wachsender Plastikverschmutzung. Das ist nun auch in einem neuen Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf nachzulesen, in dem man sich auf das Trinkwasser als Quelle für Mikroplastik konzentriert hat.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          „Ausgehend von den begrenzten Informationen, die es dazu gibt, scheint Mikroplastik in den derzeitigen Konzentrationen im Trinkwasser noch keine Gesundheitsgefahr darzustellen“, sagte die für öffentliche Gesundheitsfragen zuständige WHO-Epidemiologin Maria Neira bei der Vorstellung des Berichts.

          Das war eine Entwarnung dritter Klasse. Tatsächlich gehen nachweislich größere Risiken immer noch von bakteriellen Verunreinigungen im Trinkwasser aus: 485 Millionen Menschen auf der Welt starben allein 2016, weil Keime das Trinkwasser verunreinigt hatten. Zwei Milliarden Menschen trinken fäkalhaltiges, nicht aufbereitetes Wasser. Im Lichte dieser Probleme gibt es für die WHO keinen Grund, Alarm bei Kunststoffpartikeln zu schlagen. Die Konzentration des Mikroplastiks, das definitionsgemäß unter fünf Millimeter groß ist, werde durch Filteranlagen stark verringert.

          Mikroplastik wird unter anderem industriell in Peelings und Cremes eingesetzt.

          Eingeschränkte Unbedenklichkeit

          Rund 90 Prozent werde von modernen Kläranlagenfiltern herausgefischt, und in der Aufbereitung des Trinkwassers würden Partikeln erfasst, die wesentlich kleiner sind als ein Großteil der Plastikfragmente. Mit Nano- und Ultrafiltration (was aber auch in Deutschland nicht alle Klärwerke vorhalten) würden Partikeln kleiner als ein Zehntausendstel Millimeter herausgefischt. Auch die an Plastikpartikeln haftenden Chemikalien, etwa Farben und Weichmacher, tauchten in so geringen Konzentrationen im modern aufbereiteten Trinkwasser auf, dass das Gesundheitsrisiko generell noch als gering einzuschätzen sei.

          Trotzdem ist die WHO weit davon entfernt, eine Unbedenklichkeit zu attestieren. Denn das Plastikvolumen wächst, und immer größere Anteile zerfallen oder werden so weit zersetzt, dass die Polymere unter einem tausendstel Millimeter groß sind und als Nanoplastik zu betrachten sind. Bei diesem scheitern die Wissenschaftler schon bei der Messtechnik. Über diese mit bloßem Auge nicht mehr sichtbaren Partikeln und Fasern weiß man deshalb so gut wie gar nichts – auch medizinisch. Für Partikeln größer als 0,15 Millimeter zumindest gibt man im Bericht Entwarnung: Solche Partikeln würden vom Verdauungstrakt nicht aufgenommen und ausgeschieden.

          Viele Fachleute beklagen die enormen Wissenslücken. Die WHO hat praktisch nur Arbeiten aus den vergangenen vier Jahren auswerten können. Der Wiener Umweltmediziner Hanns Moshammer sieht nicht das Trinkwasser als Problem: „Für den Menschen ist der wichtigste Aufnahmepfad derzeit sicher nicht das Wasser, sondern Kosmetika und Zahnpasta, wobei ich unmittelbare Gesundheitsgefahren hier eher ausschließen würde.“

          Dieter Fischer vom Leibniz-Institut für Polymerforschung Dresden hält die ökologischen Gefahren für erheblicher: „Das weitaus größere Problem in Deutschland ist, dass die Klärschlämme, die alle herausgefilterten Partikel enthalten, zum Teil wieder auf landwirtschaftliche Flächen verbracht werden und damit wieder zurück in die Umwelt gelangen. Das wird im WHO-Bericht auch vorsichtig als Problem angesprochen. Hier sollte der Gesetzgeber dringend handeln.“

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