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Weltklimavertrag : Ein halbes Grad mehr oder weniger kann richtig wehtun

Die Erderwärmung wird drastische Auswirkungen haben, wenn der Mensch sie nicht stärker bremst als bisher. Bild: dpa

Stolz beschworen die Unterzeichner des Weltklimavertrags den „Geist von Paris“. Die Klimapolitik lebt - und zerreisst fast schon wieder. Die Zeit des Kleine-Brötchen-Backens ist vorbei.

          Der „Geist von Paris“, dem Bundesumweltministerin Barbara Hendricks vor einigen Tagen auf dem UN-Gelände am East River in New York nachspürte, er war dann tatsächlich da am „Earth Day“ - wenn auch nicht in dem festlichen Gewand, in das UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die rührende Unterschriftenzeremonie für den Weltklimavertrag einkleidete. „Niemals zuvor hat ein Völkerrechtsvertrag der Vereinten Nationen so viele Unterschriften an einem Tag versammelt“, begeisterte sich Ban. Wohl wissend auch, dass sich mit den 175 Unterschriften bis zum Nachmittag nahezu unerfüllbare Wünsche verbinden.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Es waren jene Wünsche, die der Pariser Klimagipfel ein paar Monate davor geweckt hatte. Im Kern laufen sie auf eine postindustrielle Welt, die sich durch radikalen Klimaschutz insgesamt nicht weiter erwärmt als 1,5 Grad Celsius. „Nach Möglichkeit“ sollte das erreicht werden - und damit klimapolitisch deutlich über jene berühmten 2 Grad Maximalerwärmung bis zum Jahrhundertende hinausgehen, die man ursprünglich zum Schutz vor einem „gefährlichen Klimawandel“ als Limit ausgehandelt hatte.

          In New York brachte die philippinische Senatorin Loren Legarda die neue klimapolitische Marschroute auf den Punkt: „1,5 Grad ist für uns eine Frage auf Leben und Tod. Es ist nicht verhandelbar.“ Mit anderen Worten: Zu den ein Grad Erwärmung, die wir bereits seit Beginn der Industriealisierung überschritten haben, darf die mittlere Temperatur auf dem Planeten höchstens noch ein halbes Grad wärmer werden. Das ist auch das Kernziel der „High Ambition Group“, die auf dem Klimagipfel Cop21 in Paris das 1,5-Grad-Ziel ausgegeben hatte. An ihrer Spitze steht neben den Inselstaaten und mittlerweile mehr als 100 Ländern auch Deutschland.

          1,5 Grad Erwärmung bedeuten 10 Prozent weniger Wasser

          Nicht jedes Grad, jedes halbe Grad zählt also. Um das wissenschaftlich zu unterfüttern, hat der Weltklimarat IPCC den Auftrag erhalten, einen Spezialreport zum 1,5-Grad-Ziel auszuarbeiten. Kurz vor der UN-Veranstaltung in New York war dazu bereits eine erste maßgeschneiderte Analyse von deutschen, österreichischen, schweizerischen und holländischen Klimaforschern veröffentlicht worden. Sie macht deutlich, was ein halbes Grad an Unterschied ausmacht. Die Gruppe um Carl Schleussner von Climate Analytics in Berlin sowie Jacob Schewe und Katja Frieler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat die in den von IPCC-Klimamodellen simulierten Erwärmungsszenarios die 1,5 und 2 Grad gegenübergestellt. Elf Klimafolgen - von Extremwetter, Ernteerträgen bis Korallenwachstum und Meeresspiegelanstieg - wurden betrachtet.

          Fazit der in „Earth Systems Dynamics“ veröffentlichten Studie: Vor allem in den Tropen macht das halbe Grad einen gewaltigen Unterschied. Generell müsse man bis zum Jahr 2100 in einer Plus-2-Grad-Welt mit einem zusätzlichen Meeresanstieg von zehn Zentimeter gegenüber den 50 Zentimetern in der Plus-1,5-Grad-Erde rechnen, die Erträge von Mais und Weizen würden sich gegenüber einer Plus-1,5-Grad-Welt in Westafrika und Mittelamerika halbieren, praktisch alle gefährdeten Korallenriffe wären existentiell bedroht, und selbst die Mittelmeerregion würde den Unterschied massiv zu spüren bekommen: Bei 1,5 Grad Erwärmung stünde 10 Prozent weniger Wasser zur Verfügung, unter den avisierten 2 Grad Erwärmung 20 Prozent weniger.

          Wie realistisch ist das Klimaziel?

          Doch wie plausibel - klimapolitisch realisierbar - realistisch ist das 1,5-Grad-Ziel derzeit? Nirgends wird die Frage beantwortet, auch nicht in dem Sammelband „Unter 2 Grad“, den die Deutsche Umweltstiftung soeben mit Unterstützung von Klimaunterhändler Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, herausgegeben hat. Der Klimaexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, Oliver Geden, hat seine Einschätzung dazu schon vor kurzem in „Nature Geoscience“ gegeben: Auch ein verschärftes Temperaturziel sei Unsinn, wichtig sei vielmehr, dass die Politik ähnlich wie beim Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht ein „Null-Emissionsziel“ verfolge. „Wenn die 1,5 Grad in den Mittelpunkt eines Klimaschutz-Diskurses gerückt werden sollten, hätte dies eine neue - und gegenüber 2 Grad noch verschärfte - Runde von ,Science Fiction‘ zur Folge. Zwar wäre ein solches Temperatur-Limit grundsätzlich noch einhaltbar, aber nur mit einer unvorstellbar großen Menge an negativen Emissionen.“

          Anders ausgedrückt: Bis zum Ende des Jahrhunderts müssten der Atmosphäre rund 800 Milliarden Tonnen Kohlendioxid entzogen werden - das Zwanzigfache der derzeitigen jährlichen Emissionen. Otmar Edenhofer vom Potsdam-Institut schlägt deshalb in die gleiche Kerbe: „Das Kohlenstoffbudget ist für das 1,5-Grad-Ziel schon fast aufgebraucht.“ Wichtiger als die Erreichbarkeit im neuen Spezialbericht des IPCC wäre es zu prüfen, mit welchen ökonomischen Mitteln - Kohlendioxidsteuer oder Emissionshandel - in den Hauptemissionsländern ein „Einstieg“ in eine effektive Klimapolitik gefunden werde. Edenhofer: „Die Situation spitzt sich umso mehr zu, als die weltweit geplanten Kohlekapazitäten das Kohlenstoffbudget erheblich belasten werden.“ Es droht also an der 1,5-Grad-Front, was rund vierzig zivilgesellschaftliche Verbände in einem Papier für New York mit dem Begriff „Papiertiger“ auf den Punkt brachten.

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