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Alexander von Humboldt : Was vom Jubilar übrig bleibt

Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt (14. September 1769 – 6. Mai 1859) war schon zu Lebzeiten sehr vieles: Preuße, Autor, Oberbergrat, Naturforscher, Gelehrter, ein Liberaler – und jüngerer Bruder. Am 7. Januar 1848 signierte Humboldt diese Zeichnung von Rudolf Lehmann in Paris. Bild: Picture-Alliance

250 Jahre nach seiner Geburt dient der deutsche Naturforscher als Projektionsfläche und wird zum Kosmopoliten und Umweltschützer stilisiert. Im Jubiläumsjahr wurde Alexander von Humboldt erst als Held gefeiert, dann vom Podest gestoßen. Das erzählt viel über ihn und einiges über uns.

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          „Ach, wie schön! Schau nur, das hat er also aus Kamtschatka mitgebracht.“ „Dreißig Jahre vor seinem Tod, da war er ja noch jung.“ Die Damen sind entzückt, hinter Glas ist trockener Königslachs so geschickt drapiert, dass die dezente Beleuchtung der ollen Fischhaut schmeichelt, ihr wieder etwas Glanz verleiht. Viel ist das nicht, was vom majestätischen Oncorhynchus tshawytscha erhalten blieb, der laut Etikett aus dem Fluss Bolschaja gezogen wurde. Das Jahr 1829 ist vermerkt und als Sammler: Alexander von Humboldt. Der befand sich damals auf Sibirien-Reise, kam bis an den Ob und Irtysch. Kamtschatka erreichte er nie.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Königslachs gehört zum Fundus des Museums für Naturkunde Berlin, das bis Ende Februar eine „Humboldt-Intervention“ zeigt: Mineralien, Steine. Sein Fisch wurde derweil ans Deutsche Historische Museum ausgeliehen und ist dort bis Mitte April in einer Ausstellung zu sehen, die sich mit den Brüdern Wilhelm und Alexander von Humboldt auseinandersetzt. Ein Besuch lohnt sich, gerade weil das Jubiläumsjahr zum 250. Geburtstag von Alexander, der am 14. September 1769 in Berlin geboren wurde und am 6. Mai 1859 auch dort starb, zu Ende geht. Die beiden bieten darüber hinaus genug Anreize, fern der plakativen Vereinnahmung: Reibung statt Projektion, mehr Inhalt, weniger Devotionalien. Das rückt ihr funkelndes Image in ein anderes Licht. Auch das von Alexander, der im Sommer 1799 mit knapp dreißig Jahren seine berühmte Reise nach Amerika antrat, finanziert durch sein mütterliches Erbe, und erst fünf Jahre später nach Europa heimkehrte. Nach Paris. Das von ihm ungeliebte Berlin musste länger auf ihn warten: bis zum 16. November 1805.

          Nicht um Staub zu fangen

          Naturforscher wie ihn könne man nicht aus ihren Tagebüchern, Zeichnungen oder Vorträgen heraus erklären, meint Johannes Vogel, der das Naturkundemuseum leitet, sondern aus ihrer Sammlung – ihre direkte Erfahrung und Beschäftigung mit der Natur. Bei Darwin sei das so, bei Humboldt nicht anders, auch wenn er längst nicht so strukturiert gedacht und gearbeitet habe. „Für mich sind die Sammlungen dieser Menschen das Grundgerüst ihrer Ideengeschichte“, sagt Vogel, der Sammlungen auch als eine globale Wissenschaft versteht: „Eine Infrastruktur, an der wir die Fragen beantworten wollen, die wir noch gar nicht gestellt haben, heute, morgen, übermorgen. Nicht um Staub zu fangen oder Menschen mit Glitzern zum Entzücken zu bringen. Humboldt muss es ähnlich gesehen haben, er gab seine Gesteinssammlung an uns, eine Ewigkeitsinstitution.“

          Am 23 Juni 1802 versuchte Humboldt, den Chimborazo (kolorierter Kupferstich, gezeichnet von Jean-Thomas Thibaut nach einer Skizze Humboldts) im heutigen Ecuador zu besteigen. Obwohl er scheiterte, gehört dieses Abenteuer zu den bekanntesten Episoden seiner Amerikareise.

          Im Deutschen Historischen Museum gesellt sich Malachit aus dem Ural jetzt zum Feueropal aus Mexiko. Nebst Lachs sind Messinstrumente, Karten, Tagebücher und Briefe ausgestellt, Alexanders Federkiele, sein Schreibtisch: Reisen und Alltag. Es wird mit dem längst überholten Bild aufgeräumt, Wilhelm sei der Kultur-, Alexander der Naturwissenschaftler. Aber nicht nur die gesammelten Pflanzen, Geodaten oder Tierpräparate machen Humboldt als Forscher aus: „Kulturelle Faktoren spielen für ihn eine entscheidende Rolle“, ist Ottmar Ette überzeugt, der an der Universität Potsdam den Lehrstuhl für Romanische Literaturwissenschaft innehat und sich seit bald vier Jahrzehnten mit Humboldt beschäftigt, etwa in einem Langzeitprojekt zur „Wissenschaft in Bewegung“.

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