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Alexander von Humboldt : Was vom Jubilar übrig bleibt

Nicht die Anden, den Himalaya wollte er erfassen. China, West- und Ost-Indien hießen seine Ziele, nicht Nord- und Südamerika. Mit dem erfahrenen Louis-Antoine Bougainville sollte es von Frankreich aus zum Südpol gehen oder mit dem jüngeren Expeditionsleiter Nicolas Thomas Baudin um die Welt. Es waren unruhige Zeiten, und als sich auch das zerschlug, stand Ägypten an, später. „Es blieb mir nichts übrig, als für den Herbst die Reise in den Orient aufzugeben, den Winter in Spanien zuzubringen“, formulierte es Humboldt in seinem Brief. Dorthin begleitete ihn der französische Arzt und Botaniker Aimé Bonpland, wieder kam alles anders. Nicht Kairo erreichten sie von Tripolis aus über Land, sondern am 16. Juli 1799 Cumaná, heute Venezuela, mit der Fregatte Pizarro. So frei, wie sich Humboldt in den spanischen Kolonien bewegen konnte, so eingezwängt fühlte er sich dreißig Jahre später auf seiner Sibirien-Reise im Auftrag des Zaren. Immerhin konnte er seinen 60. Geburtstag auf der asiatischen Seite des Urals feiern, ein Wendepunkt für ihn, der nun auch geognostische Merkwürdigkeiten in Altai und Ural sammeln konnte.

„Bei der Lektüre seiner Schriften ist man verblüfft, wie viel er wahrnimmt“, meint der Historiker und Humboldt-Biograph Andreas Daum, der an der State University of New York in Buffalo lehrt. Ihn interessierten eben nicht nur Pflanzen, Gesteine, Minen oder etwa Feldwirtschaft, sondern menschliche Schicksale. Als empathisch und einfühlsam beschreiben ihn seine Kenner. „Kein Genie, das seiner Zeit weit voraus ist, wenn er an die Frage der Entwicklung kam, geriet er ins Stocken“, erklärt Daum. Humboldt verzettelte sich und blieb im Kontext seiner Zeit. Ein anerkannter Universalgelehrter, aber keineswegs unfehlbar, wie eine aktuelle Analyse seines berühmten „Tableau Physique“ zur Pflanzengeographie der Anden aus dem Jahr 1807 zeigt. Das erste „Naturgemälde der Tropen“ ist ungenau, vermutlich hastig erstellt, spätere Versionen besserte er über die Jahre nach.

An der Zeit, neue Fragen zu stellen

Privilegiert, studiert, lässt sich jedoch nicht als Professor an eine Universität binden, treibt lieber unabhängige Studien, reist: Alexander von Humboldt heiratet nie, gründet keine Familie, hält aber engen Kontakt zum Bruder, zur Nichte, zu Freunden und korrespondiert mit Kollegen: 50.000 Briefe soll er verfasst haben. „Ein Einzelgänger, zugleich Netzwerker – wie hält man da die Balance?“, fragt Daum. Das Jubiläumsjahr habe mehr Antworten gegeben, als gefordert waren. Man habe das Fragen übersprungen, das könne man jetzt nachholen. „Es ist deutlich geworden, wie viel es noch zu erforschen gibt“, formuliert es Ottmar Ette. Statt einen Naturforscher zur Ikone zu erheben, gibt es einen Menschen entdecken, der neunzig Jahre erlebte und auf schwankendem Boden stand: Staaten kollabierten, Könige wurden geköpft, Kriege brachen aus. „Was bedeutet Menschsein in jener Epoche? Ein Forscherdasein?“, wundert sich Daum und beschreibt Humboldt als Suchenden. Ein unsteter Geist, von Neugier getrieben und facettenreicher als die Skizze, die Andrea Wulf in ihrem Bestseller über „Alexander von Humboldt – und die Erfindung der Natur“ zeichnet. Was Daniel Kehlmann in seiner „Vermessung der Welt“ erzählt, kann man als Gelehrtensatire lesen: Humboldt wird sie nicht gerecht. Er ist ein selbstironischer Mann, der im Briefwechsel mit Carl Friedrich Gauß scherzt, er würde bald „siebenzigjährig“ und versteinere langsam und, wie es sich für einen alten Geognosten gezieme, von den Extremitäten beginnend.

„Meine Gesundheit hält sich, obgleich nicht alle Momente einer Sibirien-Reise gleich angenehm sind, die schrecklichen Mücken, ... und die ewigen Besuche der Degenträger. Das ist der Orinoko plus Epauletten“, klagt Humboldt über diese Doppelplage Anfang Juli 1829 in einem Brief aus Jekaterinburg an Bruder Wilhelm. Am 28. Dezember kehrt Alexander abends nach Berlin zurück, „bei grimmiger Kälte“, bleibt nicht lange zu Hause. Wenige Tage später, an Neujahr, begleitet er den König, wenn auch nur nach Potsdam.

Literatur, eine kleine Auswahl

David Blankenstein, Bénédicte Savoy, Raphael Gross, Arnulf Scriba (Hrsg.), „Wilhelm und Alexander von Humboldt“, zur Ausstellung, 2019, Deutsches Historisches Museum, wbg Theiss; 304 Seiten, 28/35 Euro;

Alexander von Humboldt, „Ansichten der Natur“, Adolf Meyer-Abich (Hrsg.), 1986, Reclam, 173 Seiten, 5,80 Euro, (gibt es in verschiedenen Editionen);

Alexander von Humboldt, Henriette Kohlrausch; „Die Kosmos-Vorlesung an der Berliner Sing-Akademie“, Christian Kassung und Christian Thomas (Hrsg.) 2019, Insel, 325 Seiten, 16 Euro;

Alexander von Humboldt, „Das zeichnerische Werk“, Dominik Erdmann und Oliver Lubrich (Hrsg.), wbg Edition, 432 Seiten, 100 Euro;

Alexander von Humboldt, „Die Russland-Expedition – Von der Newa bis zum Altai“, Oliver Lubrich (Hrsg.), 2019, C.H.Beck textura, 220 Seiten, 18 Euro;

Alexander von Humboldt, Ottmar Ette (Hrsg.); „Das Buch der Begegnungen, Menschen – Kulturen – Geschichten aus den Amerikanischen Reisetagebüchern, 2018, Manesse, 45 Euro;

Andreas W. Daum, „Alexander von Humboldt“, 2019, C.H.Beck Wissen, 128 Seiten, 9,95 Euro;

Briefwechsel mit Gauß: https://publikationsserver.tu-braunschweig.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dbbs_derivate_00028487/V-B-21.pdf

Weitere Informationen:https://avhumboldt250.de/; avhumboldt.de; https://edition-humboldt.de;

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