https://www.faz.net/-gwz-9uv2j

Alexander von Humboldt : Was vom Jubilar übrig bleibt

Reisetagebücher von Alexander von Humboldt 4.000 Seiten in Leder eingefasst, Datierung: 1799-1804.

„Er war unglaublich gut vernetzt und korrespondierte sehr intensiv mit den Gelehrten seiner Zeit. Wie ein Schwamm sog er Wissen auf, setzte alles miteinander in Verbindung. Gedanken anderer entwickelte er weiter, dabei nannte er übrigens in der Regel seine Quellen, was manche gerne übersehen und ihm zu Unrecht vorwerfen, er würde die Leistung anderer verschweigen“, sagt Rebok. So habe er in Kolonialarchiven in Amerika lokales Wissen ausgegraben, indigene und staatliche Kenntnisse zusammengetragen sowie isoliert arbeitende Forscher vernetzt und ihre Ergebnisse zugänglich gemacht: „Open science, wie wir es heute nennen würden“, betont die Wissenschaftshistorikerin. „Dieses Konzept gehört zu seinen großen Leistungen, das sollten wir würdigen und zum Vorbild nehmen, wenn wir denn eines brauchen.“

Humboldt habe den Austausch gesucht, es interessierte ihn, Ergebnisse zu vergleichen und in einen anderen Kontext zu setzen, Informationen aus dem spanischen Amerika etwa mit denen aus dem Norden. Im Rahmen dieses Austausches gab er auch anderen freizügig Auskunft. „Er war weder Jeffersons Spion noch ein Werkzeug der spanischen Krone, aber sehr geschickt darin, an Informationen zu gelangen, diese auszuwerten und zu ergänzen“, stellt Rebok klar.

Ein guter Anlass, neue Brücken zu schlagen

Alexander von Humboldt genoss ungeheure Reisefreiheit. Nahezu bedingungslos und großzügig war das königliche Schreiben gestaltet, durch das er „las Américas“ und andere spanische Besitztümer mitsamt seinen Instrumenten erkunden durfte, ausgerüstet mit Empfehlungen an alle Vizekönige und Gouverneure. Seine Aufnahme in den spanischen Kolonien empfand er als schmeichelhaft, und dem befreundeten Botaniker Karl Ludwig Willdenow schreibt er am 21. Februar 1801 aus Havanna: „Das Gerücht, dass ich von der Königin und dem König von Spanien persönlich ausgezeichnet worden bin, die Empfehlungen eines neuen allmächtigen Ministers – erweichen alle Herzen. Nie, nie hat ein Naturalist mit solcher Freiheit verfahren können. Dazu ist die Reise bei weitem nicht so teuer als man glauben möchte, Meine Unabhängigkeit ist mir mit jedem Tage über alles teuer. Daher habe ich nie, nie eine Spur von Unterstützung irgend eines Gouvernements angenommen.“

Im Museumsshop als Souvenir zu haben: Das Lama ziert neuerdings Stoffbeutel, die Öko- und Fairtrade-Label tragen.
Ob es Alexander von Humboldt tatsächlich selbst mit Tusche und Bleistift auf Papier, 10,8 x 7,8 cm, festhielt, ist nicht sicher.

Die Wissenschaftshistorikerin Sandra Rebok, die in Madrid arbeitet und sich seit längerem mit der Außenwirkung des gefeierten „großen Deutschen“ beschäftigt, möchte Alexander von Humboldt nicht als „Held“ betrachtet wissen. Der Inspiration könne er jedoch dienen, zum Beispiel sein offener Blick, den er für andere Kulturen hatte. „Das Jubiläumsjahr wäre ein guter Anlass, neue Brücken zu schlagen“, sagt Rebok, die für das Stuttgarter Institut für Auslandbeziehungen die „Wahrnehmung Humboldts in Lateinamerika“ analysierte und feststellte, dass dort jedes Land eine eigene Perspektive einnimmt, ihn heute teils kritisiert oder glorifiziert. In Spanien fühlt man sich oft auf den „kolonialen Kontext“ reduziert und deshalb kritisiert: Aber wo wäre der deutsche Forscher denn gelandet ohne die spanische Reiseerlaubnis? Alle seine ursprünglichen Pläne sind ja gescheitert.

Weitere Themen

Hilft Corona dem Klima? Video-Seite öffnen

Bessere Luftqualität : Hilft Corona dem Klima?

Als eine Folge der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie verbessert sich vielerorts die Luftqualität. Das müsse aber nicht viel heißen, warnen Wissenschaftler.

Topmeldungen

Unterricht zu Hause ist eine Herausforderung für die ganze Familie.

Homeschooling : Warum ich als Hilfslehrerin versagt habe

Eltern mussten in den vergangenen Wochen ihre Kinder zum Lernen bringen. Einige haben das mit Bravour gemacht – oder behaupten das zumindest. Unsere Autorin hat eine andere Erfahrung gemacht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.