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Alexander von Humboldt : Was vom Jubilar übrig bleibt

„Er denkt Kultur und Natur zusammen, trennt diese Bereiche nicht, nimmt den politischen, historischen Wandel wahr, fragt, von welcher Kultur die Veränderungen ausgehen.“ Das könnten wir von ihm lernen, sollten wir an seiner Bedeutung noch Zweifel hegen, wichtig sei aber, dass sich die Spitzenpolitik mit ihm befasse, da sind sich Ette und Johannes Vogel wiederum einig: Indem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Jubiläumsjahr in Quito, Ecuadors Hauptstadt, eröffnete, reiche man Lateinamerika symbolisch die Hand. Deutschland sei eine Gelehrtenrepublik, sagt Vogel. „Dass sich Gesellschaften durch Wissenschaften entwickeln, wurde gut aufgegriffen, und Alexander von Humboldt ist dafür kein schlechter Botschafter.“

Pflanzen – und Tiere – wurden praktisch überall gesammelt. Humboldt war fasziniert von ihrer geographischen Verbreitung.

Natürlich, Humboldt weise durchaus einige Widersprüche auf, bestätigt Ette: Er ging als Republikaner am preußischen Königshof ein und aus, knüpfte mit Sklavenhändlern Beziehungen, obwohl er die Sklaverei strikt ablehnte, und pflegte selbst mit Gegnern Freundschaften. Er habe geschickt agiert, doch nicht opportun, eher sanft diplomatisch, wirkte durch das Wort und seine Schriften, meint der Romanist Ette: „Ein Schreiben, das alle Dinge gleichzeitig in der Luft hält und miteinander verbindet.“ Als Laie fällt es nicht leicht, dem komplexen Aufbau zu folgen. Flickenteppich könnte man die Tagebucheinträge nennen oder poetische Inseln, denn Alexander von Humboldt schreibt nicht linear, er führt viele seiner Gedanken später fort, setzt mit neuen Beobachtungen an, die erstaunlich präzise sind und immer wieder den Menschen im Blick haben. „Seine Notizen zeigen, wie er dachte, man kann ihm praktisch dabei zuschauen“, sagt Ette und zieht den Vergleich: „In gewisser Weise leben wir in einer globalisierten Welt – auf lauter unterschiedlichen Inseln, mit eigenen Logiken, politischen Ausrichtungen und Traditionen. Die Welt ist nicht zusammengewachsen, sondern bewegt sich in unterschiedlichen Logiken. Folgen wir nun Humboldts Denken, erlaubt es uns, diese Inseln einzeln anzuschauen, zu untersuchen und ihre Wechselwirkungen zu analysieren.“

Niemand muss nach Berlin, Madrid, Paris, Moskau oder Quito reisen, weder den Chimborazo besteigen, an dem einst Alexander von Humboldt aufgeben musste, oder auf einem Fluss schippern, sei es der Orinoko oder die Wolga, um sich ihm anzunähern. Statt seinen Spuren zu folgen, kann man auch seine Texte lesen, wie es Ette und die Wissenschaftshistorikerin Sandra Rebok empfehlen. Als Einstieg biete sich jedoch nicht sein nur schwer zu fassender „Kosmos“ als Ganzes an, sondern bestimmte Teile daraus oder die „Ansichten der Natur“ und sein Bericht über die „Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents“.

Gut vernetzt mit den Gelehrten seiner Zeit

„Wir haben heute das Glück, dass er so viel geschrieben hat und davon vieles erhalten ist“, sagt Rebok. „Dadurch können wir seine Art zu arbeiten und seine Denkweise nachvollziehen, erhalten Einblicke in seine Epoche.“ Privates habe er zwar zurückgehalten und einiges gezielt zerstört, aber als Wissenschaftler suchte er den Diskurs und die Öffentlichkeit. Es widerstrebt ihr, den Naturforscher zu glorifizieren oder zu heroisieren, wie es im Jubiläumsjahr oft geschah. Doch wäre es falsch, ihn als einzelnes Genie darzustellen, nur um auf bestimmte Themen aufmerksam zu machen, die heute für uns wichtig seien. Er habe durchaus auf die negativen Auswirkungen des Eingreifens des Menschen in die Natur hingewiesen, habe durchaus global gedacht und war als Netzwerker sehr aktiv. Wie andere auch. „Bevor wir unseren Humboldt konstruieren und auf ihn projizieren, was uns jetzt gerade wichtig erscheint, sollten wir uns lieber mit ihm und seinem Denken befassen und daraus die vermutlich interessanteren Schlüsse ziehen“, rät Rebok im Dezember bei einem Treffen in Weinheim an der Bergstraße. Ein Humboldt-Ort, wenn man so will, Alexander kam hier im Herbst 1789 auf einer Studienreise durch. Von Göttingen aus führte ihn seine Route damals unter anderem nach Marburg, Frankfurt, Heidelberg, Speyer und zu Georg Forster nach Mainz, bevor es auf dem Rhein flussabwärts weiterging.

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