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Zukunftspessimismus : Empört Euch und habt Hoffnung!

Brand in einem Waldgebiet im brasilianischen Bundesstaat Rondonia Bild: dpa

Die nahende Apokalypse heraufzubeschwören fällt heute nicht schwer, man muss nur einen Blick auf die Nachrichten werfen. Konstruktiv ist das aber nicht – und schlecht für die Gesundheit, wie Mediziner zeigen.

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          Auf das ausweglose Unterfangen des Sisyphos antwortete der 1917 in Berlin geborene und in Paris mit 95 Jahren leider viel zu früh verstorbene KZ-Überlebende, Widerstandskämpfer und Diplomat Stéphane Hessel mit der Überzeugung, einmal werde der Stein schon oben liegen bleiben. Hessel war „der glückliche Sisyphos“, ein strahlender Optimist. Kein Leiden in der Welt war ihm zu groß, als dass es nicht mit Zuversicht anzupacken gewesen wäre. Leider steckt nicht in jedem diese Kraft, und wer heute angesichts der Daten und Bilder von den Folgen des Klimawandels die Apokalypse heraufbeschwört, muss sich auch schon einmal vorhalten lassen, Pessimismus und Resignation statt Vertrauen in die zivilisatorischen Widerstandskräfte (die der Regierenden) zu predigen.

          Für Hessel war der Optimismus sein politischer Wille, gerade auch in Überlebensfragen der Menschheit. Empört Euch, rief er den Menschen zu. Vier Millionen Mal verkaufte sich sein Essay. Und genau das tun sie heute, sie empören sich: Schüler, Studenten, Eltern, Wissenschaftler. Die Frage ist nur, ob sich damit der Wunsch, die Welt der Optimisten zu vergrößern, auch wirklich erfüllen lässt. Lohnen würde es sich allemal. Optimisten ziehen aus ihrer Hoffnung nämlich mehr als nur Energie, sie hält sie am Leben.

          Das meinen zumindest Mediziner der Boston University School of Medicine, die sich zwei unabhängige große Gesundheitsdatensätze mit siebzigtausend Frauen und anderthalbtausend Männern genauer angesehen haben und nach Eliminierung aller möglichen störenden Variablen zu dem Schluss kommen: Optimisten leben im Schnitt zehn bis fünfzehn Prozent länger – gleich übrigens, ob sie melancholisch, gelegentlich depressiv oder wie Hessel hundertprozentig fröhlich waren. Das ist nicht der erste Hinweis auf die lebensverlängernde Wirkung von Optimismus.

          Als man selbsterklärte Pessimisten im Zuge einer früheren Studie bat, sich mit Schreibübungen oder Meditation ein gutes Gefühl zu verschaffen, hatte das bemerkenswert positive Auswirkungen auf den Lebenswandel und die Gesundheit der Probanden. Sie wurden engagierter, fühlten sich schöpferischer, hatten neue Hoffnung. Hessel sah es schon vor vielen Jahren: Es sind nicht die Verzweifelten, sondern die Optimisten, die sich empören und engagieren. Sie haben schließlich mehr davon.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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