https://www.faz.net/aktuell/wissen/erde-klima/wald/nairobis-samenbank-fuer-baeume-soll-biodiversitaet-bewahren-18132580.html

Zum silbernen Schatz in die Kühlkammer

Von SONJA KASTILAN (Text)
und FRANK RÖTH (Fotos)

29. Juni 2022 · Wer eine hohe Biodiversität für die Zukunft bewahren will, muss sich auch mit Saatgut auskennen. In Nairobi existiert deshalb eine Samenbank für afrikanische Bäume.

Während sich in der Stadt alle beklagen, es sei ihnen viel zu heiß, schlüpft Ludy Keino in eine dick gefütterte Jacke und zieht sich die Kapuze über den Kopf. Nicht etwa weil ihr die 28 Grad Celsius, die Anfang März in Nairobi, der kenianischen Hauptstadt, herrschen, nicht genügen: Der Job als technische Assistentin wird ihr gleich einen heftigen Temperatursturz bescheren. Gerade eben hat sie die relative Feuchtigkeit einer Probe überprüft, die nun ausreichend getrockneten Samen in eine Folientüte gepackt, vakuumisiert und sorgfältig etikettiert. Das Saatgut von Faidherbia albida aus Ghana soll möglichst lange und sicher lagern, das bedeutet, Ludy Keino bringt es vorerst in einer Kühlkammer bei 5 Grad unter.  

  • Laborassistentin Ludy Keino verpackt Samen des Anabaums (Faidherbia albida), ein afrikanisches Mimosengewächs, ...
  • vakuumwert diese ...
  • und zieht sich bei sommerlichen Außentemperaturen eine dicke Winterjacke an, um für die Kälte in der Kühlkammer gerüstet zu sein.
  • Mit Hilfe der Kurbel bewegt Ludy Keino die Regale in der Kühlkammer auseinander ...
  • und ordnet die neue Probe ins Fach zu den anderen dieser Baumart.
  • Laborassistentin Ludy Keino verpackt Samen des Anabaums (Faidherbia albida), ein afrikanisches Mimosengewächs, ...
  • vakuumwert diese ...
  • und zieht sich bei sommerlichen Außentemperaturen eine dicke Winterjacke an, um für die Kälte in der Kühlkammer gerüstet zu sein.
  • Mit Hilfe der Kurbel bewegt Ludy Keino die Regale in der Kühlkammer auseinander ...
  • und ordnet die neue Probe ins Fach zu den anderen dieser Baumart.


Die Stahlregale bewegen sich, mit jeder weiteren Kurbeldrehung öffnet sich die Lücke mehr – und gibt den Blick frei auf zahllose silberne Tütchen in roten Plastikboxen. In diesen Kühlregalen liegt der Schatz des World Agroforestry Center, kurz ICRAF, am Hauptsitz in Nairobi geborgen. Es ist eine „Seed Bank“, wie es nur wenige auf der Welt gibt, diese ist spezialisiert auf Baumsamen aus ganz Afrika.  


„Wir haben inzwischen 6744 Proben, (...), von insgesamt 190 Baumarten in unserer Genbank versammelt.“
ZAKAYO KINYANJUI, ICRAF Samenbank

„Wir haben inzwischen 6744 Proben, wir nennen sie ‚accessions‘, von insgesamt 190 Baumarten in unserer Genbank versammelt“, erklärt Zakayo Kinyanjui, der für die Samenbank verantwortlich ist. Von diesen 190 Arten sind 87 indigen, das bedeutet, sie stammen nicht ursprünglich aus Indien oder Südamerika und sind seit Jahrhunderten im Land, sondern tatsächlich aus Afrika. Jedes Tütchen beinhaltet eine andere Varietät, mit Samen eines anderen Mutterbaums, aus einer anderen Region oder einem anderen Land. Von F. albida sind beispielsweise 700 Proben aus zehn Ländern vorhanden, und weil dieser Anabaum, der Böden mit Stickstoff anreichern und mit seinen Blättern als Viehfutter dienen kann, sich auf diese Weise einfach konservieren lässt, zählen dessen Samen zu den „orthodoxen“. Allerdings sind längst nicht alle Arten so unproblematisch. Insbesondere Bäume aus tropischen Wäldern machen es den Biologen und Naturschützern schwerer als jene, die aus trockenen Regionen stammen und Dürreperioden ohnehin besser überstehen. Solche nicht orthodoxen oder auch „recalcitranten“ Samen vertragen es weder getrocknet noch eingefroren zu werden, für sie ist es deshalb auch ausgeschlossen, einmal in einem der zehn neuen Gefrierschränke bei Temperaturen von minus 20 Grad Celsius zu landen, in die Kinyanjui und seine Kollegen ihre Schätze aus der Kühlkammer, ihrem mittelfristigen Lager, jetzt nach und nach übersiedeln werden.  

Das Zentrum für World Agroforestry (ICRAF) unterhält eine kleine Baumschule, gleich nebenan liegt der geschützte Karura Forest von Nairobi.

Der ICRAF-Campus liegt nördlich des Stadtzentrums und erweckt den Eindruck, als hätte man die Forschungsgebäude samt Innenhöfen in einem botanischen Garten versteckt. So ansprechend diese gepflegte Anlage mit ihrer Baumselektion auch ist, ein Besuch im geschützten „Karua Forest“ nebenan kann besser vermitteln, was einen afrikanischen Wald eigentlich ausmacht und was im Land zunehmend verloren geht, wenn australischer Eucalyptus einheimische Gehölze ersetzt: Darunter wächst nichts, Insekten meiden solche Parzellen und in der Folge auch Vögel. Selbst dieser Stadtwald konnte nur knapp vor dem Kahlschlag bewahrt werden, heute ist der Park Nairobis Lunge, und Jogger können hier nach Sonnenaufgang unter anderem Zwergantilopen, den Dikdiks, begegnen. Auch Kinyanjui geht hier regelmäßig laufen, und er, der im Alter von sechs Jahren exotische Bäume aus Samen zog, um die Sprösslinge an Nachbarn zu verkaufen, weiß, dass oft die Wertschätzung für einheimische Arten fehlt. Man nehme sie als gegeben hin, ohne sich über ihre Erhaltung Gedanken zu machen. Er selbst baut ein paar auf kleiner Fläche an, und durch seine Arbeit setzt er sich heute für ihre breite Anwendung ein, zum Beispiel als Düngemittel, Gemüse oder Viehfutter, wenn bestimmte Bäume bei Trockenheit ihr nahrhaftes Laub fallen lassen.  

Bei Sonnenaufgang ist der Karua Forest nur eine dunkle Silhouette, doch seine Pflanzenvielfalt zeichnet sich bereits ab.
Bei Sonnenaufgang ist der Karua Forest nur eine dunkle Silhouette, doch seine Pflanzenvielfalt zeichnet sich bereits ab.

Bevor die ICRAF-Wissenschaftler ihre Besucher zu einer der weltweit verteilten „living collections“ bringen, um ihnen zu zeigen, wo die empfindlichen Gewächse zu finden sind, gibt es eine kurze Einführung in die Verfahren und Dokumentationen für die Genbank. Denn was nützt es, Samen kostspielig einzulagern, wenn niemand sagen kann, ob die überhaupt etwas taugen, sprich in der Lage sind, verlässlich zu keimen? Das wird alle paar Jahre überprüft. Dieser Akt kann sich bei wilden Bäumen über Wochen und Monate hinziehen – im Gegensatz zu Bohnen, Mais oder anderen Feldfrüchten, die in feuchter Erde vorhersehbar nur wenige Tage bis Wochen brauchen, bis sich die ersten Blätter zeigen. Und das erschwert die Arbeit in diesem Bereich der Forstwissenschaft zusätzlich. Daher gehört neben dem Messen, Wiegen, Zählen, Beschreiben und den genetischen Analysen zur Diversität auch die Keimung unter standardisierten Bedingungen zur Prüfung, deren Vorbereitung Ludy Keino mit Akaziensaaten und den Sprösslingen des asiatischen Orchideenbaums, Bauhinia purpurea, demonstriert. 

Die im Brutschrank hochgezogenen Sprösslinge des Orchideenbaums, Bauhinia purpurea, dürfen nun in der Baumschule weiter wachsen.
Die im Brutschrank hochgezogenen Sprösslinge des Orchideenbaums, Bauhinia purpurea, dürfen nun in der Baumschule weiter wachsen.

Sie hält außerdem Hammer, Nagelknipser und eine recht brachiale Schneidemaschine bereit, um Samen mit hartnäckiger Schale so zu präparieren, dass das Wasser in der Pflanzschale leichter eindringen kann, oder um überhaupt einen Kern zu erreichen. So wird Baobab in den unterschiedlichsten Größen und Formen als Frucht gelagert, ebenso die Nüsse von Melia volkensii, eine schnell wachsende indigene Baumart, die all jenen Hoffnung macht, die befürchten, in Kenia würden sich sonst nur fremde Gehölze breitmachen. Wenn nun zehn Prozent der Landesfläche schon bald wieder aufgeforstet sein sollen, was sich die Regierung im Jahr 2019 zum Ziel bis 2022 gesetzt hatte, wünschen sich Naturschützer eine Ausgewogenheit, in der zum Beispiel der Bedarf an Früchten oder Holz eben nicht nur durch Exoten gedeckt wird.  

  • Eine harte Schale schützt die Samen von Melia volkensii, dieses Mahagonigewächs ist in Ostafrika heimisch.
  • Ist die Nuss geknackt, gelangt man an das Samenkorn.
  • Messen, wiegen, pflanzen: tägliche Routine für die Mitarbeiter im Samenlabor, um die Qualität zu prüfen.
  • Um an die Samen einer Baobab-Frucht, Gattung Adansonia, zu kommen, ist ein Hammer nötig.
  • Auf dem Leuchttisch werden störende Pflanzenreste aussortiert.
  • Eine harte Schale schützt die Samen von Melia volkensii, dieses Mahagonigewächs ist in Ostafrika heimisch.
  • Ist die Nuss geknackt, gelangt man an das Samenkorn.
  • Messen, wiegen, pflanzen: tägliche Routine für die Mitarbeiter im Samenlabor, um die Qualität zu prüfen.
  • Um an die Samen einer Baobab-Frucht, Gattung Adansonia, zu kommen, ist ein Hammer nötig.
  • Auf dem Leuchttisch werden störende Pflanzenreste aussortiert.


„Das Holz von Melia volkensii ist sehr beliebt, und die Bäume wachsen sehr schnell“, erklärt die Forstwissenschaftlerin Joyce Chege. Manche preisen die Art, als würden daran Geldscheine statt Blätter wachsen, und da sie sich für trockene Gebiete eignet, wird auch seit geraumer Zeit in ihre Züchtung investiert. „Es gibt mehrere Baumschulen oder Plantagen im Land, wo man Melia selektiert und hochzieht, von dort sind Samen käuflich zu erwerben“, sagt Chege, die sich in früheren Projekten mit Ethnobotanik beschäftigte und sich jetzt am ICRAF um die Feldsammlungen kümmert, in denen ausgewählte Sprösslinge bestimmter Arten wachsen. Solche Reservate und natürliche Bestände seien durch Diebstahl und Vandalismus bedroht, und sie nennt mit Olea capensis und Ocotea usambarensis zwei weitere einheimische Bäume, die begehrtes Holz liefern und deren Bestände teilweise bis auf einen kläglichen Rest vernichtet sind: „Ocotea erzielt sehr hohe Preise und wurde beinahe ausgelöscht.“ Über ihre Samen sei wenig bekannt, mittels Schösslingen lasse sich diese Spezies aber vermehren. „Als Genbank sind wir nicht nur daran interessiert, möglichst viele Arten zu erhalten, sondern jeweils eine breite genetische Vielfalt“, betont Chege, „Uns interessieren deshalb nicht nur die ganz gerade wachsenden Bäume, was für kommerzielle Züchter entscheidend ist, sondern Varianten, von denen manche vielleicht in Zukunft einmal wichtig werden.“

Das ICRAF produziert Samen nicht selbst, sondern kooperiert mit der im jeweiligen Land zuständigen Behörde oder nationalen Forstinstitut, in Kenia ist es das Kenya Forestry Research Institute, kurz KEFRI, dessen Zentrale in Muguga, einem Waldgebiet im Westen von Nairobi, liegt. Dort ist ebenfalls eine Samenbank angesiedelt, die in den 1980er-Jahren mithilfe deutscher Fördermittel aufgebaut wurde. „Wir sind für die Bäume des Landes verantwortlich und produzieren Samen, decken dabei alle sieben agroökologischen Zonen ab, von der Bergregion über die Wüste bis zur Küste. Mit diesen Samen betreiben wir Forschung, nutzen sie für die Wiederaufforstung und Erhaltung, verkaufen sie aber auch“, gibt Jane Njuguna Auskunft, die stellvertretende Direktorin für Forschung und Entwicklung am KEFRI. Das heißt, professionelle Sammler, die dafür ausgebildet wurden und ein Gebiet genau kennen, klappern ausgewählte Bäume ab, um sie zu ernten. „Sie wissen genau, wann und wo welche Art blüht und reife Samen trägt.“

Vor allem Zypressen, Pinien, und Eukalyptus werden auf großen Flächen für die Aufforstung produziert, in den Zuchtprogrammen finden sich mit Melia volkensii und Acacia albida inzwischen aber auch zwei indigene Arten wieder, die man noch besser an Dürre anpassen will. Um auch Farmer leichter davon zu überzeugen, überhaupt Bäume anzupflanzen, sie zum Beispiel in ihren Feldern zu integrieren, setzt man am KEFRI auf einen Mix aus beliebten Arten mit unterschiedlichem Nutzen. „Wir betreiben auch viel Aufwand, um die Menschen zu informieren, denn wir wollen gesunde Bäume heranwachsen lassen, und die Qualität der Samen ist wichtig“, sagt Njuguna.

Das Kenya Forestry Research Institute, KEFRI, hat seinen Hauptsitz in Muguga, im Nordwesten von Nairobi. An dieser Außenstelle können Farmer Samen und Setzlinge erwerben.
Das Kenya Forestry Research Institute, KEFRI, hat seinen Hauptsitz in Muguga, im Nordwesten von Nairobi. An dieser Außenstelle können Farmer Samen und Setzlinge erwerben.

Um dem Ziel der Wiederaufforstung gerecht zu werden, müsste die produzierte Menge deutlich gesteigert werden. Laut Schätzungen sind 1,8 Milliarden Sämlinge insgesamt nötig oder anders gesagt 80 Tonnen Samen pro Jahr. Das Nationale Forstprogramm will eine Bewaldung von zehn Prozent wiederum bis 2030 erreicht haben, für diese „Vision“ fehlt es einer Erhebung zufolge jedoch an hochwertigem Saatgut in den benötigten Mengen. Ein Mangel, dem man derzeit mit einer neuen Strategie zur Produktion, Zertifizierung und Verteilung beikommen will.

Solange es kommerzielle Interessen gibt, ist die Forschung zu Baumsaaten vergleichsweise leicht zu finanzieren, aber wer fördert wilde Arten? Als international agierende Forschungseinrichtung verfolgt ICRAF das Ziel, Bäume regional und global zum Wohl von Mensch und Umwelt einzusetzen. In 44 Ländern sind Mitarbeiter aktiv, in Äthiopien wird zum Beispiel mit dem „PATSBO“-Projekt versucht, die für die Verarbeitung von Baumsamen nötigen Laborstrukturen an vier Zentren aufzubauen oder zu verbessern und die Angestellten dort entsprechend auszubilden. Und mit einem Antrag hat man sich auch um Fördermittel aus Deutschland beworben, und zwar im Rahmen der Internationalen Klimainitiative IKI. Es geht um 25 Millionen Euro, und Samen spielen in dem dafür vorgeschlagenen Konzept eine entscheidende Rolle: „Will man eine Landschaft in einen natürlichen Zustand zurückversetzen, braucht man das entsprechende Saatgut – und den richtigen Baum am richtigen Platz. Aber woher gutes Material bekommen?“, bringt es Ramni H. Jamnadass auf den Punkt. Sie ist am ICRAF für das Themengebiet „Bäume, Produktivität und Diversität“ verantwortlich, die Gen- und Samenbank gehört zu ihrem Bereich. Um die zu einer Region passenden Samen von indigenen Baumarten zu erhalten, sind in einem nächsten Schritt dieses Projekts dann Feldstudien in den Ländern Uganda, Ruanda, Äthiopien und Burkina Faso geplant. Für acht afrikanische Länder existiert auch bereits eine interaktive Karte, die Klimadaten berücksichtigt und bei der Wahl der richtigen Pflanzen für eine bestimmte Region hilft.  


„... wieder ein funktionierendes Ökosystem zu erhalten, das braucht Zeit.“
JOHN DICKIE, „Millennium Seed Bank“ Großbritannien

Die Frage der Biodiversität ist bei der Renaturierung und Anpassung an den Klimawandel nicht zu vernachlässigen. „Es gibt unter anderem die Strategie, mit ausgewählten Pflanzen eine Art ökologischen Rahmen zu setzen, um in kürzester Zeit die größtmögliche Vielfalt zu erreichen. Aber wieder ein funktionierendes Ökosystem zu erhalten, das braucht Zeit“, erklärt John Dickie, der für die „Millennium Seed Bank“ in Großbritannien verantwortlich ist, die 42.000 Arten umfasst. Das für diese Kollektion zuständige Team der Kew Gardens hat zahlreiche Standards entwickelt, wie Samen am besten zu sammeln und zu behandeln sind. Und weil tropische Bäume oft die Ausnahme von der Regel sind, arbeitet man daran, nicht die Samen im Ganzen einzufrieren, sondern nur den herauspräparierten Embryo. An Eicheln, die ebenfalls heikel sind, aber massenhaft vorhanden, werden die Methoden für seltene Spezies getestet. „Das ist sehr viel komplizierter und auch teuer, es muss also gute Gründe geben, warum eine Kryokonservierung für eine bestimmte Art nötig ist“, sagt Dickie. Als günstigere Alternative bieten sich lebende Sammlungen mit verschiedenen Varietäten in freier Natur an.  

Der Genetiker Prasad Hendre besucht mit Zakayo Kinyanjui und Robert Kariba eine „living collection“ von Warburgia ugandensis.
Der Genetiker Prasad Hendre besucht mit Zakayo Kinyanjui und Robert Kariba eine „living collection“ von Warburgia ugandensis.

Dass diese Bestände ebenfalls Hege und Pflege brauchen, also keinesfalls gratis zu haben sind, führt ein Abstecher nach Muguga vor Augen. In diesem Waldgebiet im Bezirk Kiambu nordwestlich von Nairobi hat das KEFRI seinen Sitz, und das ICRAF unterhält auf ausgewählten Parzellen eine „living collection“ aus den 1990er-Jahren. Für den Genetiker und Züchtungsforscher Prasad Hendre, der Zakayo Kinyanjui und seinen Mitarbeiter Robert Kariba begleitet, ist der Ausflug ins Grüne eine Premiere. Zwar ist der Anblick verwucherter Baumreihen nicht besonders spektakulär, nicht zu übersehen ist jedoch, welchen Anreiz die indigenen Bäume bieten: An einigen Stämmen fehlt Rinde, denn es handelt sich um Prunus africana, eine als Heilpflanze geschätzte Art, deren Früchte und Samen sich nicht konservieren lassen. „Die Borke wird als Tee oder mit Suppe eingenommen“, erklärt Kinyanjui, alles zugunsten von „men’s health“. Werde allerdings zu viel entfernt, sterbe der Baum ab.  

Die Samen von Prunus africana lassen sich nicht gekühlt konservieren, deshalb gehören lebende Bäume zur Genbank. Weil der Rinde heilsame Wirkung zugeschrieben wird, dienen die frei zugänglichen Exemplare oft als Apotheke.

Der nächste Halt führt zu Warburgia ugandensis. Die Forscher klettern einen kleinen Abhang hinunter und stehen dann zwischen Bäumen, um die sich offensichtlich jemand kümmert und das Unterholz entfernt. Die Inhaltsstoffe der Blätter und Zweige wirken antimikrobiell, zur Zahnpflege kaut man darauf. Der Geschmack ist pfeffrig scharf – und erinnert daran, dass Bäume nicht zu unterschätzen sind.  


Nächstes Kapitel:

Der unermüdliche Gärtner


Der unermüdliche Gärtner

Von SONJA KASTILAN (Text)
und FRANK RÖTH (Fotos)

28.06.2022 · Warum forstet ein Tierarzt am Rande von Nairobi seit Jahren ein Grundstück auf, das ihm gar nicht gehört? Ein Besuch im Brackenhurst Forest.

Mit einer toten Kuh am Waldrand fing alles an. Er habe sich eigentlich nur auf den Weg gemacht, um sich zu beschweren, einen Kadaver könne man ja nicht einfach liegen lassen, erzählt Mark Nicholson. Sein Haus steht 25 Kilometer nördlich von Nairobi an einem Hang. In wenigen Minuten spazierte er straks über den Berg und suchte das Gespräch mit seinen Nachbarn auf der anderen Seite. Dort wird eine weitläufige Hotelanlage aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts als Retreat und Konferenzzentrum betrieben, damals wechselte gerade die Direktion. „Warum nicht etwas Interessantes mit dem Land anstellen?“, habe er gefragt. „Was zum Beispiel?“ Seine Antwort: „Verwandelt es in einen afrikanischen Wald.“  

Heute, mehr als zwanzig Jahre später, schlendern Gäste zwischen weiß getünchten Bungalows durch einen anerkannten botanischen Garten. Und jeder, den Mark Nicholson über das Gelände führt, kann selbst auf einem kurzen Rundgang allerhand über die afrikanische Flora lernen, mit Blick auf Ostafrika und kenianische Besonderheiten. Wer hätte gedacht, dass sich die Blätter eines Ficus zum Schmirgeln eignen? Oder dass eine Pflanzengattung namens Blighia mit lediglich vier Arten an die Meuterei auf der Bounty erinnert, beziehungsweise an deren Kapitän? 

Mehr als  120.000 Bäume und Büsche sind Mark Nicholson noch nicht genug.
Mehr als 120.000 Bäume und Büsche sind Mark Nicholson noch nicht genug.

Vorbei an gepflegten Beeten wandern wir an einem Nachmittag Mitte März über getrimmte Rasenflächen und gepflasterte Wege, dann geht es raschelnd durchs Unterholz. Nicholson, in Shorts und Hemd, wirkt mit über 70 fit und drahtig. Zu jedem Gewächs hat er eine Geschichte parat, kennt Namen und Nutzen, sei es vom Schattengeber Newtonia buchananii, den seine Tochter 2006 pflanzte, von der seltenen gelb blühenden Variante eines Leberwurstbaums, Kigelia africana subspec. moosa, oder der Dornenhecke einer Rosa abyssinica. Sie soll die einzige in Afrika heimische Rose sein, mit ihren schlichten weißen Blüten ist diese buschige Wildform für Kenias kommerzielle Züchter aber nicht von Interesse. „Es besteht heute die Gefahr, dass man eine Art verliert, bevor man ihren Wert richtig schätzen lernt“, sagt Nicholson, der sich unter anderem dafür einsetzt, die Hülsenfrüchte der krautigen Sesbania sesban als Fischfutter zu nutzen, somit teure Sojaimporte zu ersetzen.  

Die gelb blühende Variante eines Leberwurstbaums, Kigelia africana subspec. moosa, ist selten. Die Frucht kann bis zu einem Meter lang werden.

In Kenia aufgewachsen, in England ausgebildet: Als Tierarzt hat sich Nicholson in mehreren afrikanischen Ländern ums liebe Vieh gekümmert und auch die einst größte Rinderfarm auf dem Kontinent betreut. Kaum im Ruhestand, wurde er ungeahnt zum passionierten Landschaftsgärtner – und Bewahrer einer anderswo schwindenden Biodiversität. „Zuerst haben wir die Exoten wie Pinien und Eukalyptus entfernt, dann einheimische Bäume gepflanzt“, beschreibt der Veterinär mit knappen Worten, wie er im Jahr 2001 anfing, das Nachbargrundstück aufzuforsten. Was einmal als ein Aboretum geplant war, entwickelte sich auf 20 und bald 30 Hektar zu einer viel komplexeren Vegetation: 650 verschiedene Busch- und Baumarten gedeihen nun im „Brackenhurst Forest“, der ohne den Einsatz von Chemie, aber mit viel Schweiß und Muskelkraft renaturiert wurde. Mit all den Moosen, Farnen, Lianen, Orchideen und Sukkulenten hat die Artenvielfalt weiter zugenommen. Außerdem kehrten mit den afrikanischen Pflanzen zahlreiche einheimische Schmetterlinge und Vögel zurück, 2015 sogar die schwarz-weißen Stummelaffen. Selbst Regen nimmt jetzt im Boden und Wurzelwerk einen langsameren Verlauf, das Wasser bleibt dem Ökosystem länger erhalten. Auf einer einst für Plantagen gerodeten Fläche ist in zwei Jahrzehnten ein natürlicher Wald auferstanden, wenn auch gezähmt. Bis 2030 sollen es 40 Hektar sein, aus denen fremde Arten verbannt sind; invasive Ziersträucher fernzuhalten ist jedoch eine Sisyphosarbeit.  

Rosa abyssinica ist keine gewöhnliche Heckenrose, sondern die einzige in Afrika tatsächlich heimische Art.
Rosa abyssinica ist keine gewöhnliche Heckenrose, sondern die einzige in Afrika tatsächlich heimische Art.

„Kenianer sagen oft, die einheimischen Bäume würden so langsam wachsen, und pflanzen deshalb lieber Exoten. Das trifft auf trockene Zonen vielleicht zu, aber nicht hier. „Was in dieser Höhe wächst, wird relativ schnell groß“, sagt Nicholson, der hier im Hochland von Nairobi, in der Provinz Kiambu, versucht, bedrohten Arten ein Dasein ex situ zu ermöglichen, manchmal fern ihrer Heimat, dafür geschützt. Ein wichtiges Beispiel dafür ist Widdringtonia whytei, eine aus Malawi stammende, dort schon sehr rar gewordene Zypresse. Solche Rettungsprogramme und damit den Wald finanziert Nicholson vorwiegend mit Spenden über seine kleine Organisation „Plants for Life International“.  

Was ist noch Busch, was schon Baum oder nur ein üppiges Kraut? Es fällt Mark Nicholson nicht immer leicht, die Grenze zu ziehen, aber er weiß, dass er mehr als 120.000 Büsche und Bäume setzte, seit er die Hotelanlage mitsamt Wald unter seine Fittiche nahm. Mindestens 90 Prozent hätten überlebt. Nicht jede Art kommt mit bis zu 2250 Metern über Meeresniveau zurecht, Sämlinge aus heißen, trockenen Regionen tun sich im Brackenhurst Forest schwer, „are not happy here“. Von manchen Zöglingen gewinnt Nicholson inzwischen Saatgut, doch: „Rare Bäume sind nicht ohne Grund selten.“ Es könne zwanzig, dreißig Jahre oder länger dauern, bis ein Baum alt genug sei, um zu blühen und selbst Früchte zu tragen. Und die müssten ja dann keimen. Dass ihm das mit Scorodophloeos endlich gelang, ist ein Erfolg, heikel noch sei Entandrophragma angolense, deren nächstverwandte Art am Kilimandscharo mehr als 80 Meter hoch ragt: „Der da vorne hat vierzig Meter, das ist schon sehr groß. Stellen Sie sich das Doppelte vor, das wäre enorm.“ Er spielt mit dem Gedanken, eine eigene Samenbank anzulegen, im Moment seien Bäume aber wichtiger: 


„Wenn man Samen gewinnen kann, fein, behalte ein paar. Ansonsten sollte man sie in die Erde stecken und das, was sprießt, hegen.“
MARK NICHOLSON

Dass mit der wachsenden Bevölkerung Kenias der Druck auf unbebaute Flächen zunimmt, ist Mark Nicholson schmerzlich bewusst. In der Zeit von 1960 bis heute stieg die Einwohnerzahl in Kenia von rund 8 Millionen Menschen auf schätzungsweise 50 bis 55 Millionen. Wie sich der Zuwachs auf die Hauptstadt auswirkt, beobachtet er vom eigenen Garten aus. „Ich kann den Kilimandscharo sehen. Früher war der Schnee an fünfzig Tagen im Jahr gut zu erkennen, jetzt sind es vielleicht fünf. Die Luftverschmutzung hat stark zugenommen“, sagt Nicholson und lädt zum Tee auf seiner Veranda ein.  

Brackenhurst Forest beherbergt sieben verschiedene Kaffee-Arten, Coffea arabica hat hier im Vergleich die größeren Früchte.
Brackenhurst Forest beherbergt sieben verschiedene Kaffee-Arten, Coffea arabica hat hier im Vergleich die größeren Früchte.

Die Fahrt um den Hügel dauert keine zehn Minuten. Kaum hat man das dichte Waldstück am Retreat hinter sich gelassen, leuchtet helles Grün auf weiter Fläche: Teeplantagen, nur von wenigen alten Gehölzen durchsetzt, dahinter flimmert grau die Stadt Nairobi. Seinem Haus hat Nicholson unbeabsichtigt das Panorama genommen, als er ringsherum Bäume pflanzte, die sich prächtig entwickelten. Jedoch funkeln seine blauen Augen voller Schalk, als er im Garten bei Fernblick von den Affen berichtet, die kürzlich alle Früchte stibitzten, und erst recht, als er von dem Auftrag für die amerikanische Botschaft erzählt, die ihn als Landschaftsgärtner engagierte: „Sie wissen wirklich nichts über Pflanzen.“ Dass man Brackenhurst Forest verkaufen, die Bäume durch Häuser ersetzen könnte, diese Vorstellung stimmt ihn traurig. Ein Trust für diesen botanischen Garten wäre eine Möglichkeit, aber auch sicher, angesichts der wuchernden Stadt?  

Auf seiner Suche nach Baumsaaten und Sprösslingen hat Mark Nicholson Hunderttausende von Kilometern im Auto zurückgelegt, reiste von Kenia ins angrenzende Äthiopien und nach Tansania. Am nächsten Tag wollte er wieder aufbrechen, sein Ziel galt dem Lorbeergewächs Ocotea usambarensis, in feuchten Wäldern auf Höhen bis 2500 Meter eine Schlüsselbaumart. Ihr Holz ist begehrt, die Bestände sind deshalb stark reduziert. Zehn Sämlinge brachte Nicholson zurück, sie bereichern nun den Brackenhurst Forest. 

Blatt für Blatt

Wir nehmen Bäume meist als selbstverständlich war, obwohl sie unentbehrlich für unser Überleben sind – und nicht nur als Obstproduzenten oder Kohlenstoffspeicher. Das „European Journalism Centre“ vergibt 2021 acht Recherchestipendien an europäische Medien, um die Berichterstattung über globale Entwicklungsthemen zu fördern. Zu den ausgewählten Bewerbern gehören drei Projekte deutscher Zeitungen, darunter die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung; insgesamt beläuft sich die Förderung auf 900.000 Euro, unterstützt von der Bill und Melinda Gates Stiftung.

Mit diesem „European Development Journalism Grant“ wird das F.A.S.-Wissenschaftsressort im Team mit freien Autoren und Fotografen in den kommenden Monaten das Projekt „Baumpalaver“ verfolgen, das daran angelehnt ist, dass sogenannte Palaverbäume traditionell das Zentrum afrikanischer Dörfer darstellen. Mit einer Artikel-Serie wollen wir, in loser Folge, den Blick auf Bäume an sich lenken, deren Funktion und Bedeutung für uns Menschen deutlich machen. Nicht nur als Instrument im Kampf gegen den Klimawandel, sondern auch als Hilfsmittel, mit dem Menschen ihren Lebensstandard, ihre Gesundheit und ihre Umwelt nachhaltig verbessern können: Wie tragen Wälder zu unser aller Gesundheit und Wohlbefinden bei? Was passiert mit Dörfern oder Städten, denen es an Bäumen mangelt? Und wie hängen Ökosysteme zusammen, gerade in Anbetracht von Epidemien, wenn Menschen zunehmend in die Lebensräume von Tieren und Pflanzen eindringen, Wälder zerstören?

All diesen Fragen möchten wir in verschiedenen Ländern nachgehen und in Reportagen Menschen vorstellen, deren Ideen die Entwicklung ihrer Gemeinschaften, Dörfer und Städte nachhaltig vorantreiben.
Sonja Kastilan

Die Reportage ist Teil des „Baumpalaver“-Projekts der F.A.S., die Recherche wurde durch einen „European Development Journalism Grant“ des European Journalism Centre ermöglicht.

Weitere Beiträge aus dieser Reihe sind online unter www.faz.net/wald zu finden.

Klimawandel Plantagen im Indischen Ozean
https://www.faz.net/aktuell/wissen/erde-klima/wald/warum-mangroven-ein-verbuendeter-in-der-klimakrise-sind-17921601.html
Mangroven Ein Wald am Limit

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 29.06.2022 11:47 Uhr