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Artenschutz : O wie schön sind Panamabäume – für die seltenen Hyazinth-Aras

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Rund 6500 Hyazinth-Aras gibt es noch, und die größte Population ist im südamerikanischen Feuchtgebiet Pantanal heimisch. Bild: Imago

Eierdiebe, Wildfeuer, Abholzung: Hyazinth-Aras sind mehr denn je auf Hilfe angewiesen. Eine Reportage über das „Projeto Arara Azul“ in Brasilien, das seit 1990 der Erforschung und dem Schutz dieser seltenen Papageien gewidmet ist.

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          Der erste Baum an diesem Morgen steht nur ein paar Autominuten von der Forschungsstation entfernt, dicht gedrängt mit ein paar Dutzend Palmen und Laubbäumen auf einer kleinen Erhebung – eine Insel in einem Meer aus Gras. Capão heißen diese Wäldchen hier in Brasilien im Pantanal, einem der größten Feuchtgebiete der Erde. Es ist November, die Regenzeit beginnt gerade, in wenigen Wochen wird die Grasfläche überschwemmt sein, und dann steht der Baum tatsächlich auf einer Insel. Dass etwas Besonderes an diesem Baum ist, ist leicht zu erkennen. In zwei Metern Höhe umgibt ein silbernes Metallkleid seinen Stamm. Ein Schutz vor Tieren, die hochklettern könnten, erklärt die Biologin Neiva Guedes. Es ist ein Panamabaum, und hoch oben in einer natürlichen Höhle haben Vögel ihr Nest gemacht, die Guedes unbedingt schützen will: Hyazinth-Aras.

          Mehr als 350 Papageienarten gibt es weltweit. Die Aras sind die größten unter ihnen, und Anodorhynchus hyacinthinus, der Hyazinth-Ara, ist mit bis zu einem Meter Länge der größte der Aras. Doch weltweit leben laut Schätzungen nur etwa 6500 Exemplare in freier Wildbahn, die größte Population ist im Pantanal zu finden. Ihre Art ist gefährdet, weil die blauen Aras im Tierhandel begehrt sind und ihnen Wilderer nachstellen, weil immer größere Feuer das Pantanal in der Trockenzeit bedrohen. Und weil die imposanten Vögel echte Spezialisten sind: Sie ernähren sich fast ausschließlich von den Früchten zweier Palmarten, die Acuri- und Bocaiuva-Palmen genannt werden. Und sie bevorzugen für ihre Nester die Höhlen in großen, alten Panamabäumen (Sterculia apetala), hier Manduvi genannt.

          Um die Jungvögel zu untersuchen, klettert Lucas Rocha Novaes zu den Nestern und lässt die Aras dann gutverpackt zu Boden.
          Um die Jungvögel zu untersuchen, klettert Lucas Rocha Novaes zu den Nestern und lässt die Aras dann gutverpackt zu Boden. : Bild: Kai Kupferschmidt

          An einer Seite des Baums, den Guedes an diesem Morgen besichtigt, ist eine Schnur befestigt. Eine riesige Schleife, die von einem Ast hoch oben herabhängt. Die Forscher knoten ein festes Seil daran, ziehen dieses über den Ast und befestigen das Ende an einer Palme. Jetzt kann Lucas Rocha Novaes sich an das Seil einklinken und zur Nisthöhle hinaufklettern. In zehn Metern Höhe misst er mit einer Temperaturpistole, wie warm es im Nest und drum herum ist. Dann greift er behutsam mit Handschuhen hinein, holt das Jungtier heraus, packt es in einen Stoffbeutel und diesen in einen Korb, den er sanft zu Boden lässt. Dort nimmt Guedes den Korb in Empfang, und auf der ausgeklappten Ladefläche des Pick-ups holt sie den Vogel vorsichtig aus dem Beutel. Knapp drei Monate alt ist dieser Ara und bereits wunderschön mit seinem strahlend blauen Gefieder, nur die Haut ums Auge und am unteren Schnabel leuchtet gelb. „Was ein prächtiges Kerlchen“, sagt Guedes. Sie misst das Tier, wiegt es und nimmt eine Blutprobe. Nur so lässt sich das Geschlecht sicher bestimmen, das Gefieder verrät auch später nichts. Schließlich erhält es einen Metallring ans Bein, „Projeto Arara Azul“ steht darauf.

          Im November 1989 war Neiva Guedes ganz in der Nähe unterwegs. Die studierte Biologin arbeitete damals für die Umweltbehörde des Staates Mato Grosso do Sul in der Hauptstadt Campo Grande. Auf einer Fortbildungsveranstaltung im Pantanal sah sie, gerade 26 Jahre alt, das erste Mal Hyazinth-Aras in freier Wildbahn: „Das war Liebe auf den ersten Blick.“ Damals gab es laut Schätzungen weit mehr Tiere in Gefangenschaft als in der Natur. Der Vogel, so schien es damals, könnte schon bald aus dem Pantanal verschwunden sein. Guedes entschied sich, für den Erhalt der Art zu kämpfen. Sie quittierte ihren Job, ging zurück an die Universität, studierte Forstwissenschaften und startete 1990 das „Projeto Arara Azul“, inzwischen eines der am längsten bestehenden Artenschutzprojekte Brasiliens. Das Ziel: den Hyazinth-Ara zu erforschen, um ihn besser schützen zu können.

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