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Die Vision zum Klimaschutz : Das Jahr, das viel verspricht

Bild: F.A.Z.

2050 ist die neue große Zielmarke der Klimapolitik: Weltwunder Klimaneutralität. Mit ihr wäre der Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter geschafft. Geht das überhaupt?

          4 Min.

          Noch dreißig Jahre hart arbeiten – wie klingt das? Machbar! Die Klimapolitik hat eine Marke gefunden, an der sie sich orientieren kann: 2050. Dies soll das Jahr sein, in dem – locker gesprochen – alles gebacken sein soll. Die Erderwärmung soll ihren Endpunkt erreicht haben, dann gilt: Keine Tonne Kohlendioxid zusätzlich mehr in die Atmosphäre freisetzen als in den irdischen Speichern aufgenommen wird. Netto-Null-Emissionen weltweit heißt das oder „Klimaneutralität“. 2050 also soll das Problem gelöst sein, das in Umfragen die Mehrheit der jungen Generation – und nicht nur sie – als die wichtigste Aufgabe der Politik sieht.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          2050 ist ein nicht zu ferner Horizont, der für die meisten heute Lebenden erlebbar und vorstellbar ist. Mit globaler Klimaneutralität in dreißig Jahren ist das zu schaffen, so sagt der Weltklimarat IPCC, und das Pariser Klimaabkommen wird erfüllt: maximal zwei Grad Erwärmung im globalen Schnitt und wenn möglich nur 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Ein Grad Erwärmung haben wir bereits überschritten.

          Unerreichbar weit weg für die gegenwärtige Generation

          Lange war in der Klimapolitik das Jahr 2100 als langfristiges Klimaziel politisch fest gebucht. Nicht zuletzt, weil die Erwärmungsszenarien in den Klimamodellen routinemäßig bis zum Ende des Jahrhunderts (und meist darüber hinaus) gerechnet werden. 2100 ist das Datum, das unerreichbar weit für die gegenwärtige Generation scheint, das aber apokalyptische Phantasien weckt inklusive Überhitzung um mehrere Grad weltweit und Meeresspiegelanstiegen über einen Meter. Die Krux: Es ist zu weit weg, um schnelle, plausible Lösungen darauf auszurichten.

          Der Knick für den Ausstieg, durchgerechnet für den „Emissionslücken-Report“ der UN-Umweltbehörde Unep. In den blauen, grauen und schwarzen Szenarien sind die mittelfristigen Emissionsprognosen dargestellt, die sich an politischen Erwartungen bzw. an den im Pariser Klimavertrag enthaltenen nationalen Klimazielen orientieren.

          2050 ist nicht nur psychologisch idealer, es ist auch das perfekte klimapolitische Datum. Es lenkt den Blick weg von den Schlachtfeldern um die kurzfristigen Klimaziele. Vor wenigen Tagen hat das Umweltprogramm der Vereinten Nationen den „Emissions Gap Report“ zu den Emissionslücken für die kommenden zehn Jahre veröffentlicht.

          Er lässt ahnen, warum die Frustrationsschwelle politisch erhöht werden soll. 55 Milliarden Tonnen Kohlendioxid gelangten durch Verbrennung fossiler Brennstoffe und durch Abholzungen vergangenes Jahr in die Luft. Eine neue Rekordmarke. Dieses Jahr wird ein weiterer Höchstwert erwartet, zwischen ein und zwei Prozent sind die Emissionen zuletzt jedes Jahr gestiegen.

          Weil Kohle in der Stromversorgung inzwischen oft ersetzt wird durch billigeres Fracking-Gas und den inzwischen konkurrenzfähigen erneuerbaren Strom, steigt die Kurve nicht mehr ganz so schnell – aber sie steigt. Damit aber die weltweite Erwärmung bei zwei Grad eingedämmt werden kann, so der Unep-Bericht, müssten die Emissionen bis 2030 per sofort Jahr für Jahr um 2,7 Prozent gesenkt werden – für das 1,5-Grad-Ziel um kräftige 7,6 Prozent. Die Bestrebungen der Staatengemeinschaft müssten schlagartig verfünffacht werden. Zu den von den Klimavertragsstaaten bereits gemachten Zusagen müssten bis zum Jahr 2030 zusätzlich 32 Milliarden Tonnen Kohlendioxid jährlich eingespart werden. Anders formuliert: Maximal noch 340 Milliarden Tonnen Kohlendioxid dürfen in die Luft geblasen werden, um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Bei den aktuellen Emissionen wären das weniger als acht Jahre.

          Reicht das Klimapaket? Die zur Erreichung der deutschen Klimaziele nötigen Emissionsreduktionen, wie sie beim Umweltbundesamt nachzulesen sind.

          Anzeichen für eine Wende in diesem Umfang gibt es aber nirgends. Im Gegenteil: Der Unep zufolge führen die bisherigen nationalen Klimaziele dazu, dass die Emissionen in zehn Jahren um ein Drittel über der Zielmarke liegen. Die Welt steuert auf eine Erwärmung um mindestens drei bis vier Grad zu – auf einen „gefährlichen Klimawandel“, wie das in früheren IPCC-Berichten hieß. Der Begriff taucht heute kaum noch auf, weil man aufgrund vieler empirischer Belege annehmen muss, dass es schon ab zwei Grad zu geophysikalischen und ökologischen Veränderungen kommen kann, die unwiderrufliche, geradezu schlagartige Veränderungen in Gang setzen – die Kippelemente des Klimas, etwa das Abschmelzen der Polarkappen oder die großflächige Austrocknung des Amazonas-Regenwalds.

          Die Zeit rennt der Klimapolitik also davon. Der Druck steigt. Doch die Zielmarke 2050 wirkt, zumindest auf dem Papier: In der Allianz der Klimaschutzwilligen, die nun die Bezeichnung „Net-Zero 2050“ trägt, haben sich weltweit schon 102 Städte, zehn Großregionen wie die Europäische Union, 87 Konzerne, 15 Großinvestoren und 65 Staaten mit dem Ziel Klimaneutralität bis 2050 zusammengefunden. Darunter sind allerdings nur fünf Länder der G-20-Staaten und nur zwei – Frankreich und Großbritannien – haben bindende Gesetze dafür verabschiedet.

          Sieben der größten Länder, die an der Spitze der Treibhausgasproduzenten stehen, sind noch weit weg von einem Einschwenken auf den Pariser Pfad der Klimaneutralität: Australien, Brasilien, Kanada, Japan, Südkorea, Südafrika und die Vereinigten Staaten, deren Mitgliedschaft im Pariser Vertrag nach der Kündigungsandrohung durch die Regierung Trump fraglich ist.


          Wer hilft dem Klima?

          1) Kein Land erreicht „sehr gut“. Quellen: CCPI; EU- Kommission; Global Energy; Climate Change Performance / F.A.Z.-Grafik Brocker

            Deutschland sieht sich als Vorbild, was die Klima-Politik angeht. Doch andere Länder sind schon viel weiter.
            Von ANNA STEINER

            Vereinigte Staaten




            Die Vereinigten Staaten haben sich unter Donald Trump aus dem Pariser Klimaabkommen zurückgezogen. Der Präsident behauptet, einen menschengemachten Klimawandel gebe es nicht. Zuletzt nahm er den sogenannten „Clean Power Plan“ zurück, der unter seinem Vorgänger Barack Obama verabschiedet worden war. Das Gesetz sollte die Treibhausgas-Emissionen im Verkehrssektor und in der Öl- und Gasindustrie drastisch senken. Das Ziel: den menschengemachten Klimawandel zu bekämpfen, dessen Existenz Trump leugnet. An seine Stelle trat im Mai ein Gesetz, das eine weitaus geringere Emissionsreduktion vorsieht und darauf abzielt, ärmere Haushalte zu entlasten. Experten rechnen damit, dass die CO2- Emissionen in den Vereinigten Staaten bis 2030 stark steigen werden. Allerdings entwickeln sich die Preise bei den erneuerbaren Energien günstig: Innerhalb nur eines Jahres mussten acht Kohle-Unternehmen Insolvenz anmelden. Die Konkurrenz durch billiges Fracking-Erdgas, Wind und Solar ist zu groß. Und nach der Verfassung obliegt die Umsetzung der Klimapolitik nicht der obersten Staatsebene um Trump, Umwelt- und Klimaschutz wird vor allem in den einzelnen Bundesstaaten geleistet. Kalifornien etwa will ab 2045 nur noch Ökostrom produzieren. Auch auf Ebene der Städte gibt es einige ambitionierte Klimaschutz-Programme, die von Trumps Politik weitgehend unberührt bleiben.

            Marokko




            Marokko ist das einzige Land, dem es gelingen kann, das 1,5-Grad-Ziel vorzeitig zu erreichen. Die Regierung hat eine Energie-Strategie verabschiedet, die den Ausbau von erneuerbaren Energien bis 2030 auf 52 Prozent vorsieht. Möglich machen das riesige Solarparks. Um wirklich als Vorbild zu dienen, müsste Marokko allerdings auch aus der Kohle aussteigen. Ein Kohlekraftwerk befindet sich jedoch gerade noch in Bau, und der Anteil der Kohle im Energiemix soll bis 2030 sogar ausgebaut werden.

            Deutschland




            Deutschland wäre gern ein Vorbild in Sachen Klimaschutz. Im internationalen Vergleich ist es aber nur Mittelmaß. Zu diesem Ergebnis kommt der Klimaschutz-Index der Organisation Germanwatch, der die Bundesrepublik auf Platz 27 von 60 untersuchten Ländern verortet. Immerhin: Gerade hat die Bundesregierung ein Klimaschutzpaket verabschiedet. In den nächsten drei Jahren soll es 54 Milliarden Euro kosten. Zum Vergleich: In den Jahren 2010 bis 2016 gab der deutsche Staat jährlich nur zwischen 8,5 und 10,8 Milliarden Euro aus. Bis 2050 will Deutschland weitgehend klimaneutral wirtschaften. Das Gesetzpaket sieht vor, die Mehrwertsteuer für Bahntickets von 19 auf 7 Prozent zu senken und damit das Auto im Verhältnis teurer zu machen. Die Abgabe auf Flugtickets soll steigen. Der Staat unterstützt außerdem denjenigen, der eine neue, umweltfreundlichere Heizung einbaut, sein Haus energetisch saniert oder sich ein Auto kauft, das weniger Kohlenstoffdioxid ausstößt. Außerdem sollen die Stromverbraucher über eine geringere EEG-Umlage entlastet werden. Der Kohleausstieg bis 2038 ist beschlossene Sache – heute allerdings gehört Deutschland noch zu den Ländern, die am stärksten auf die schmutzige Braunkohle setzen. Mit dem Klimaschutzpaket wurde auch eine CO2-Steuer beschlossen, die Einnahmen für den Klimafonds bringen soll. Aus diesem wiederum sollen die anderen Maßnahmen finanziert werden. „Wir haben allen Anlass zu handeln“, sagte Finanzminister Olaf Scholz bei der Verabschiedung des Gesetzes. Das stimmt wohl. Mit den bisherigen Maßnahmen wird Deutschland es nicht schaffen, die Pariser Klimaziele auch nur annähernd zu erreichen.

            Russland




            Russland, der viertgrößte Treibhaus-Emittent, steht beim Klimaschutz schlecht da. Immerhin: Das Land ist dem Klimaabkommen von Paris im September beigetreten und wird voraussichtlich auch seine Grenzwerte einhalten. Allerdings nur, weil diese so wenig ehrgeizig sind. So darf Russland bis 2030 noch mehr Treibhausgase ausstoßen als bislang. Die Regierung sieht sich auf diese Weise nicht gezwungen, eine klimafreundlichere Politik zu machen. Die Überprüfung einer solchen fiele ohnehin schwer, weil kaum Klimadaten erhoben werden. Präsident Wladimir Putin leugnet den Klimawandel nicht. Er hält aber an Kohle- und Atomenergie fest. Es wäre ja auch nicht „angenehm für die Menschen, auf einem Planeten zu leben mit einer Palisade aus Windrädern und mehreren Schichten Solarpaneelen auf dem Boden“, sagt er.

            Brasilien




            Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro gehört zu den Klimawandel-Leugnern. Unter seiner Ägide wurde das Budget für den Klimaschutz um 95 Prozent gekürzt. Der Amazonas-Regenwald wird für Acker- und Weideland fleißig brandgerodet, was die größte CO2-Senke der Welt zerstört. Ein Umweltministerium gibt es de facto nicht mehr. Durch die Nähe zum Äquator kann Brasilien allerdings schon heute einen großen Teil seiner Energie aus der Photovoltaik gewinnen. Der Strom kommt sogar zu 83 Prozent aus Wind und Solar. Allerdings befinden sich auch noch vier Kohlekraftwerke in Planung.

            Indien




            Indien baut erneuerbare Energien ehrgeizig aus. 2030 sollen Wind und Solar 40 Prozent des Energiemix ausmachen – und das, obwohl sich der Strombedarf bis dahin wohl verdreifachen wird. Wenn Indien vom Bau der geplanten Kohlekraftwerke absähe, könnte das Land sogar alle Bedingungen erfüllen, um seinen Teil zum 1,5-Grad-Ziel beizutragen. Die Regierung unter Narendra Modi will, dass bis 2020 Solarparks mit einer Leistung von insgesamt 100000 Megawatt installiert sind. Hauptgrund für den Ausbau ist, dass Solarstrom billiger ist als Kohlestrom.

            China




            China ist der größte Klimasünder der Welt. Für fast ein Drittel aller Treibhausgasemissionen ist die Volksrepublik verantwortlich. Sie hat sich dem Pariser Klimaabkommen verpflichtet und ist auf gutem Weg, die dort vereinbarten Meilensteine zu erreichen. Diese allerdings genügen nicht einmal für das 2-Grad-Ziel. Angesichts der aktuellen nationalen Klimapolitik und des nach wie vor starken Wirtschaftswachstums rechnen Experten damit, dass China bis 2030 immer mehr Treibhausgase ausstoßen wird. Die Regierung tut einiges, um diese Entwicklung zu begrenzen. So wird etwa die Produktion von Elektroautos stark subventioniert. Im vergangenen Jahr kauften chinesische Verbraucher 1,1 Millionen E-Autos – und damit mehr als der Rest der Welt zusammen. Auch bei der Gebäudesanierung vermeldet das Land Fortschritte. China ist außerdem der größte Produzent von Solartechnologie, allerdings auch der größte Kohleverbraucher: 126Kohlekraftwerke befinden sich im Bau, 76 sind in Planung.


          Die jüngsten Berichte des IPCC dürften die Ausrichtung der Klimapolitik auf die Zielmarke 2050 zusätzlich beschleunigt haben. In den Berichten wurde erstmals ausführlich die Möglichkeit in Betracht gezogen, „in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts“ auf Großtechnologien zurückzugreifen, mit denen größere Mengen Treibhausgase wieder aus der Atmosphäre entzogen und gespeichert oder für Biosprit-Monokulturen genutzt werden sollten. „Negative Emissionen“ sind das. 101 von 116 Emissionsszenarien im fünften IPCC-Bericht nahmen solche negativen Emissionen in der Größenordnung von zehn bis zwanzig Milliarden Tonnen jährlich nach 2050 auf. Auch Geoengineering wurde angedacht, zumindest theoretisch, das den Strahlenhaushalt der Erde großtechnisch in Richtung Abkühlung schiebt und damit die überschießende Erwärmung rückgängig machen soll.

          Allein: Die Folgen und Risiken, von den Kosten ganz zu schweigen, sind heute unkalkulierbar. Und die Realisierbarkeit dieser hypothetischen Verfahren ist derzeit genauso unvorhersehbar wie die Gewinnung von Sonnenstrom in Fusionsreaktoren (siehe nebenstehenden Bericht). Auch deshalb also haben die Klimaneutralität bis spätestens 2050 und die „tiefe Dekarbonisierung“ – sprich: der Ausstieg aus den fossilen Verbrennungstechnologien – eine solche Attraktivität bekommen. Mit kühnen Utopien möchte keiner die Zukunft verwetten.

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