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UN-Klimagipfel : Urvölker in der Weltrettungsfalle

Indigene demonstrieren auf dem Klimagipfel in Marrakesch. Bild: Reuters

Indigene sind Minderheiten, doch sie sind wild entschlossen wie wenige, wenn es um Klimaschutz und Weltrettung geht. Jetzt droht ihnen allerdings die grüne Politik auf die eigenen Füße zu fallen.

          Sie sind die heimlichen Wächter des Waldes und ein kleiner, aber lauter Wächterrat für den Weltklimaschutz: Eingeborenenvölker, indigene Gruppen, legen ihre Finger gerne in die Wunden der Klimapolitik. Auch in Marokko, wo derzeit der 22. Klimagipfel der Vereinten Nationen stattfindet und wo schützenswerte, üppige Wälder eine Naturerscheinung sind, die das Wüstenklima nicht zulässt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Kein Zweifel, die Indigenen der verschiedenen Länder haben sich, obwohl sie kleine Minderheiten, großartig organisiert und ihre Rolle gefunden in der Weltumweltdiplomatie: Sie sind gewissermaßen das personifizierte Gewissen einer Weltrettungsgesellschaft, die sich in Paris vor einem Jahr auf eine Projektsatzung verständigt hat. Weil aber dieses Klimaabkommen für die Indigenen bisher nicht mehr als ein Papier der guten Absichten ist, sind sie in den beiden Klimagipfelwochen von Marrakesch auch wieder persönlich in stattlicher Zahl zugegeben. Und auch wenn sie wie immer ihre Interessen  auf Nebenbühnen vertreten, oft in Sprechchören und begleitet von lauter Trommelmusik, so können sie inzwischen zumindest sicher sein, gehört zu werden.

          Lord Stern unterstützt Indigene

          Sir Nicholas Stern, der berühmte Klimaökonom aus London, unbestritten einer der Väter des Pariser Klimaabkommens, hat dies schon vor der Vertragsstaatenkonferenz in Marrakesch deutlich gemacht, als er sich auf einer Veranstaltung zur Lösung der Klimakrise auf das Podium der Indigenengruppen setzte und in ihren Chor einstimmte: Klimaschutz, vor allem der Schutz der Wälder als Kohlenstoffspeicher,  sei am effizientesten mit den angestammten Bewohnern zu erreichen – mit den Leuten, die von Natur aus größte Interesse am Erhalt der grünen Ressourcen haben. Unterstützung erhielt er dabei von den Wirtschaftskollegen des World Resources Institute (WIR), die – nicht zum ersten Mal, aber mit einer neuen Studie aus Südamerika – eine schlagende Rechnung aufmachten: Außerhalb der indigenen Waldareale werde zwei- bis dreimal so viel Urwald gerodet wie innerhalb der Reservoire. Was spürbare Folgen hat, weil die indirekte Freisetzung an Treibhausgasen zunimmt und andernorts die Emissionen eingespart werden müssen.  Allein der Schutz der Regenwälder, in denen indigene Völker leben, wäre den WIR-Zahlen zufolge in Brasilien klimapolitisch in den nächsten zwanzig Jahren zwischen 523 Milliarden und 1,1 Billionen Dollar wert, in Bolivien bis zu 119 Milliarden und in Kolumbien bis zu 277 Milliarden Dollar. 

          Der Treffpunkt der Eingeborenenvertreter ist in einem Nebenzelt des Klimakonferenzzentrums.

          Wer glaubt, das ist ein starkes Argument für die Klimapolitik, sieht sich allerdings getäuscht. Eine neue Untersuchung, die vom internationalen  Naturschutzverband  „Conservation International“ in Marrakesch präsentiert wurde, zeigt: Wenn es konkret wird, werden die Indigenen wie in der Vergangenheit üblich selten gefragt und ihre Interessen oft umgangen. Besonders dramatisch ist das deshalb, weil es offenbar die Klimaschutzprojekte selbst betrifft. Bei Stichproben in Kolumbien, Nicaragua, Vietnam, Kenia und Peru, wo jeweils mit Geldern aus den Klimaschutztöpfen der Vereinten Nationen gearbeitet wurde, war die angestammte Bevölkerung im Entscheidungsprozess außen vor. Für die Indigenen-Organisationen ist das ein Alarmzeichen, was die Umsetzung des Pariser Abkommens angeht - insbesondere, wenn bald die von 2020 an fest zugesagten 100 Milliarden Dollar im „Green Climate Fund“ zu verteilen sind. Edwin Vasquez, Koordinator der Indigenengruppen im Amazonasgebiet, hat an die Klimadiplomaten klare Forderungen gestellt: „Der Klimafonds muss dafür sorgen, dass sämtliche Projekte gestrichen werden, die nicht vorher eine Einwilligungserklärung („informed consent“) der Indigenen Bevölkerung eingeholt haben.“ Nicht um den Klimaschutz zu torpedieren, sondern um die eigenen Landrechte zu verteidigen gehe es den Indigenen. Die UN-Sonderberichterstatterin für die Rechte Indigener Völker, Victoria Tauli-Corpus, berichtete von einem Fall in Kolombien, als ein Wasserkraftwerk im Regenwald  gegen den Willen der Ureinwohner mit dem Hinweis durchgesetzt wurde, Wasserkraft sei eine klimafreundliche Energiequelle und das Vorhaben ein von der Weltgemeinschaft gewünschtes Klimaschutzprojekt.

          Die Sieger als Verlierer des Klimaschutz?

          Die Indigenen finden sich also nach dem klimapolitischen Durchbruch von Paris in einer eigenen politischen Zwickmühle: Einerseits haben sie mit allen traditionellen Mitteln den Erfolg des Klimaschutzes mit herbeigeführt, andererseits drohen ihnen jetzt dadurch Landnahme und Einbußen. Die Sieger könnten zum Verlierer werden. Die Vereinten Nationalen haben inzwischen zwar zugesagt, dass die Projekt künftig nur unter der Maßgabe einer Zustimmung durch Indigene an das zugesagte Geld kommen, doch Tauli-Corpuz hält die Zusicherung des Klimafonds für ungenügend: „Die Behörden und die bisherigen Mechanismen in den einzelnen Ländern schützen die Indigenen-Mitbestimmungsrechte viel zu ungenügend.“

          Der alte und in vielen Ländern verhärtete Kampf um eigene Landrechte für Indigene geht damit in die nächste schwierige Phase. Was auf dem Spiel steht, hat eine Studie des WIR zusammen mit dem Woods Hole Research Center und der Rights and Resources Initiative (RRI) vor kurzem deutlich gemacht: Gut ein Viertel des Kohlenstoffs in den Urwäldern ist in den Böden gespeichert, die von Eingeborenen bevölkert  werden. Aber nur Zehntel dieses Kohlenstoffreservoirs steht bisher den Indigenen rechtlich zu – womit nicht nur die Menschen selbst in ihrem Lebensraum, sondern auch die Bäume und Böden als „politische Verfügungsmasse“ zur Disposition stehen. Was damit geschieht, bestimmen andere.      

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