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Umweltlärm und Vogellieder : Das Getöse um den Lockdown

Dachsammer Bild: E. Derryberry et al/Science

Einen Lockdown will keiner mehr. Eines aber hat der erste dennoch gelehrt: die ohrenbetäubende Macht des Menschen über die natürlichen Elemente. Eine Glosse über das Aufatmen der Vögel im Ausnahmezustand.

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          Die lebenskluge These des Corona-Vordenkers Christian Drosten, wonach die Pandemie letzten Endes ein Naturphänomen sei, dem man entschlossen entgegentreten müsse, ließe sich durch die Bemerkung ergänzen, dass dieses Naturphänomen dem Menschenvolk doch auch die Augen zu öffnen vermag für dringend notwendige Korrekturen – nicht zuletzt seines Verhältnisses zur Natur selbst. Anfangs waren es die Schadstoffe und Treibhausgase in der Luft, die mit den Corona-Maßnahmen radikal heruntergefahren wurden und in Peking und Mailand wenigstens vorübergehend frische Luft wieder erfahrbar machten. Dann kam die Stille dazu.

          Überhaupt diese Unschuld nackter, unverbrauchter Natur: Welchen Erholungswert sie für uns besitzt, drang bei vielen erst mit dem Virologen-Rat, möglichst oft nach draußen zu gehen, allmählich wieder tiefer ins Bewusstsein. Und wer genau hingehört hat, der konnte vielleicht auch ein Pandemiephänomen entdecken, das Elizabeth Derryberry und ihre kalifornischen Ornithologenfreunde in der Metropolregion San Francisco systematisch erfassten: den reinen Klang unverrauschter Vogelgesänge.

          Ein paar Wochen lang, zwischen April und Mai, als die Autos in der Garage großteils stehen blieben und die kalifornischen Fabriken im Lockdown stillstanden, spitzten die Vogelforscher die Ohren im Stadtgebiet und im Umland und lauschten den dialektreichen Gesängen der schwarz-weiß behelmten Dachsammern. Die Aufnahmen des Singvogels wurden mit dem bioakustischen Archivmaterial aus dem Jahr 2015 verglichen, und das Ergebnis lässt keine zwei Meinungen zu: In der Pandemie waren die Gesänge der Sperlinge an gleicher Stelle nicht nur viel besser zu hören, wie in „Science“ nachzulesen ist; ihre Reichweite verdoppelte sich mithin im Stadtgebiet.

          Die Vögel sangen zudem einfach harmonischer und melodischer, befanden die Wissenschaftler – und zwar ganz einfach, weil sie vorübergehend nicht mehr gegen den Alltagslärm anplärren mussten, um von ihresgleichen noch gehört zu werden. Für die Vogelforscher steht dabei die Beobachtung im Vordergrund, wie spontan sich Vögel in ihrer Sangeskunst den Verhältnissen anzupassen vermögen. Wenn das so ist, war die wiedergewonnene Klangqualität ein flüchtiges Vergnügen. Denn nicht nur das Ende des Lockdowns, auch die historischen Waldbrände an der Westküste dürften den erhabenen Ammergesang über Nacht wieder zum Verstummen gebracht haben. Alles wie gehabt.

          Was bleibt, ist der Lärm – und die Sicherheit, dass der Mensch das Naturphänomen mit dem ausgeprägtesten Hang zur ohrenbetäubenden Virulenz ist.

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          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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