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TV-Kritik „hart aber fair“ : Der Dreck muss weg

Die Plastikindustrie darf sich nicht zu sicher fühlen: Robert Habeck Bild: WDR/Dirk Borm

Die Kunststoffschwemme, die unsere Meere verschmutzt, ist eine ökologische Bombe. Darüber wollte man in „hart aber fair“ sprechen. Und darüber, was uns am „Plastikfasten“ gefallen könnte. Doch ist das die Lösung?

          Problem erkannt, Problem gebannt? Der Umweltschutz liefert auch nach vierzig oder fünfzig Jahren ökopolitischer Kernerarbeit immer noch allerfeinstes Anschauungsmaterial dafür, warum diese Formel schön aussieht, aber leider selten funktioniert – weil nämlich der Mensch eben Mensch ist und kein wandelnder Algorithmus. Die Frage ist immer dieselbe: Wann siegt das schlechte Gewissen über die Trägheit des Systems und unsere eigene Bequemlichkeit? Das einzugestehen, war schon die erste, angesichts von Diesel-Trauma und Klimadauerkrise scheinbar übermenschliche Hürde, die gestern in der „Hart aber fair“-Sendung mit Frank Plasberg in der Rolle des ökologischen Gewissensforschers zu nehmen war.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Plastik hat in Grindwalmägen nichts zu suchen, nichts im Fisch oder im Albatros und erst recht nicht im Mineralwasser. Das war die Ausgangslage, und das hat die im Ersten zurzeit laufende Serie über die Lage der Weltmeere mit eindrucksvollen Bildern jedem Zuschauer klar gemacht. Und jeder konnte, was bei manchen abstrakten Umweltthemen – Ozon, Stickoxide, Bodenerosion oder Überdüngung – schon sehr viel schwerer ist, mit den Bildern einiges anfangen.

          Der Plastikmüll ist ein Megaproblem

          Sie zu verdrängen kann in dem Fall nicht gelingen. Denn Plastiktüten und Verpackungsmüll sind hier das Problem. Ein Megaproblem, da waren sich Plasbergs Talkgäste von vorneherein und ausnahmslos einig, wenn man allein die Menge an Mikroplastik sieht, die in quälend langsamer Geschwindigkeit aus dem Wohlstandsmüll entsteht und die Nahrungsnetze buchstäblich verstopft: Geschätzte 150 Millionen Tonnen jährlich, eine unvorstellbare Zahl. Eine, die gepaart mit den Bildern von Tauchern und Tieren, die durch eine alptraumhafte Welt zwischen Plastikfetzen und Partikelwolken schweben, maximale Durchschlagskraft erzeugen sollte - so dürfte sich das Plasberg als Diskussionsleiter vorgestellt haben.

          Die Sache ist nur die, dass das Problembewusstsein selbst wie ein träger, langer Fluss mäandert, immer auf der Suche nach Ausflüchten und Erklärungen, mögen sie auch noch so hilflos scheinen. Der Hauptgeschäftsführer von Plastics Europe musste da nicht einmal besonders harte Lobbyarbeit leisten in der Sendung, er musste nur den Anschein erwecken, dass er selbst eigentlich Plastik hasst und wann immer möglich meidet, und dass die Kunststoffchemie nach dem Eintritt in den Markt vor siebzig Jahren ansonsten ja ziemlich „clever“ war. Langlebige Produkte, die frische Lebensmittel konservieren und an denen man sich nicht die Finger schmutzig macht, das war seinerzeit wohl das, was man heute – wenn auch widerwillig - Sprunginnovation nennen würde.

          Schlechtes Gewissen kauft nicht ein

          Die Finger schmutzig macht man sich aber halt doch, wenn auch drei Generationen später. Um dieses kleine Eingeständnis kamen der Lobbyist und der studientreibende Handelslehrer an seiner Seite, der offenbar erfolgreich die Lebensmittelindustrie berät, nicht herum. Aber das war für die beiden auch kein wirkliches Dilemma, denn das schlechte Gewissen kauft nicht ein. In der Verbraucherrealität ist das Problem längst so unausweichlich, sind Plastikprodukte so ubiquitär, dass auch der neue bundesdeutsche Grünen-Held Robert Habeck ebenso wie die Gewissensforscherin Heike Vesper vom WWF und der Meeresgutachter Dirk Steffens allergrößte Mühe hatten, die wiederum sehr abstrakte umweltpolitische Bühne aufzumachen, in der es um Lösungen geht nach dem guten alten Ökomotto: Global denken, lokal handeln.

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