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Tunguska-Asteroid : Feuerwerk über der Taiga

Bild: Sandia National Laboratories

Im Juni 1908 zerstörte tief in Sibirien eine rätselhafte Explosion ein ganzes Waldgebiet. Das Geheimnis ist heute weitgehend gelüftet. Mit beunruhigendem Resultat. Offenbar gehört weniger dazu, eine große Katastrophe auszulösen, als gedacht.

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          Leonid Alexejewitsch Kulik verstand das alles nicht. Im Sommer 1927 war der Petersburger Mineraloge nach jahrelangen Verzögerungen durch den russischen Bürgerkrieg endlich an die Ufer eines Flusses namens "Steinige Tunguska" gelangt. Hier, mitten in Sibirien, hatte er gehofft, eine riesige Menge reinen Eisens bergen zu können. Das jedenfalls hatte er der Sowjetregierung versprochen. Doch hier war kein Eisen, hier war überhaupt nichts so, wie es nach Kuliks Meinung sein sollte.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei waren die bewaldeten Hänge des Tunguska-Gebietes 19 Jahre zuvor von einer gewaltigen Explosion erschüttert worden. Augenzeugen hatten berichtet, am frühen Morgen des 30. Juni 1908 Leuchterscheinungen am wolkenlosen Himmel wahrgenommen zu haben, dann Detonationen. Ein Zeuge beschrieb außerdem eine heiße Druckwelle. Der Boden hatte gezittert. Erdbebenwellen waren noch in Europa registriert worden. Für Kulik konnte das nur eines bedeuten: Hier war ein großer Meteorit niedergegangen.

          Lange Zeit ein Rätsel

          Was es wirklich war, darüber rätselte die Wissenschaft bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Eine nicht unwichtige Einzelheit verspricht die neuste Veröffentlichung zum Thema sogar erst jetzt zu klären. Sie erscheint jetzt im International Journal of Impact Engineering und wurde von Mark Boslough und David Crawford verfasst. Beide arbeiten an den Sandia National Laboratories in Albuquerque, New Mexico - nicht zufällig ein Forschungsinstitut, das sich hauptsächlich mit allem rund um das Thema Kernwaffen befasst. Denn das über der Tunguska entfesselte Inferno kann sich durchaus mit der einer sehr großen modernen Atombombe messen: Bisherige Schätzungen belaufen sich auf eine Energie, welche die Detonation von 10 bis 15 Megatonnen des chemischen Sprengstoffes TNT freisetzen würde.

          Wäre damals wirklich ein Eisenmeterorit mit einer Bewegungsenergie dieser Größenordnung in die Atmosphäre über Sibirien eingedrungen, dann hätte Leonid Kulik an der Tunguska auf einen gut einen Kilometer breiten und 200 Meter tiefen Krater treffen müssen, ähnlich dem Barringer Crater in Arizona. Doch Kulik fand keinen Krater. Eine wassergefüllte Kuhle, die er trockenlegen ließ, enthielt statt Meteoreisen nur alte Baumstümpfe. Auch spätere Expeditionen fanden keine Einschlagspuren. Nur Millionen umgeknickter Bäume in einem Gebiet von 50 Kilometer Durchmesser.

          Inspiration für Lems „Die Astronauten“

          So wurde das "Tunguska-Ereignis" zum Rätsel. Die Hypothesen darüber, was dort im Sommer 1908 explodiert war, reichten von einem in der Erdatmosphäre verdampfenden Kometen - gar einem, der mit schwerem Wasser angereichert war und als natürliche Wasserstoffbombe detonierte - über Antimaterie, kleine Schwarze Löcher bis hin zu einem havarierten außerirdischen Raumschiff - eine Idee, die in Stanislaw Lems Roman "Die Astronauten" zu literarischen Ehren kam. Auch diverse cineastische Erzeugnisse, von Tarkowskis "Stalker" bis zu den "X-Files", ließen sich von Tunguska anregen.

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