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Lederschildkröten : Kalt erwischt in der Biskaya

  • -Aktualisiert am

Eine Lederschildkröte kann zweieinhalb Meter lang werden, aber das dauert ein paar Jahre. Bild: Biosphoto/juniors@wildlife

An der französischen Atlantikküste stranden in diesem Herbst besonders viele Lederschildkröten. Warum das so ist und was das für die Zukunft ihrer Art bedeutet.

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          Unter dem grauen Himmel dehnt sich der Sand. Ganz hinten, dort, wo sich an der Landspitze die Wellen brechen, liegt ein schwarzer Felsen in der Gischt. Beim Näherkommen verwandelt er sich in einen Panzer, aus dem Kopf und vier Beine herausragen. Am Strand von Bretignolles-sur-Mer wurde an diesem stürmischen Oktobermorgen eine Lederschildkröte angespült.

          Immer öfter schickt der Atlantik solche Kadaver, vor allem im Herbst. „Es wird wohl wieder ein Lederschildkrötenjahr“, sagt Florence Dell’Amico, Zoologin im Aquarium von La Rochelle. „Wir haben in unserer Region jetzt schon dreißig Meldungen von angespülten Tieren. So viele wie in den letzten zwei Jahren zusammen.“ Die Hafenstadt La Rochelle liegt etwa hundert Kilometer südlich des kleinen Urlaubsortes Bretignolles, zwischen den französischen Großstädten Nantes und Bordeaux an der Bucht von Biskaya. Dell’Amico leitet hier das Centre des Tortues, an dem ein landesweites Monitoring-Programm für Meeresschildkröten angeschlossen ist: Von den weltweit sieben Arten kommen vier in französischen Gewässern vor, seit 1968 zählt man bereits die Schildkröten der Region. Die gestrandeten, aber auch all jene, denen Hochsee-Seglern begegnen oder die Fischer aus ihren Netze retten und weiterschwimmen lassen.

          Den Quallen hinterher

          Das große Rätsel der Statistik, das sind die Lederschildkröten (Dermochelys coriacea). Mal kommen sie zu Hunderten, mal nicht einmal eine Handvoll. Zwischen 2002 und 2010 gab es kaum tote, inzwischen wechselt die Zahl von Jahr zu Jahr. Die gestrandeten Tiere sind meistens noch jung und messen etwa einen Meter von der Nasenspitze bis zum Schwanz – für ihre Art ist das nicht groß, sie sind vielleicht neun Jahre alt. Lederschildkröten wachsen in den durchschnittlich 45 Jahren ihres Lebens zu Riesen heran und werden bis zu zweieinhalb Meter lang. Es gibt sie in allen tropischen und subtropischen Bereichen der Weltmeere. Aber die Exemplare, die in Europa auftauchen, das weiß Dell’Amico seit 2017 aufgrund von genetischen Vergleichen ihrer Tiere mit denen in den Brutgebieten, stammen alle aus dem Westen: Sie sind in Französisch Guyana, Surinam oder auf den Inseln rund um Trinidad geschlüpft. Es ist gewissermaßen eine Familie, die da zu Tausenden den nördlichen Atlantik bereist.

          Wo sich Lederschildkröten aufhalten, nachdem sie geschlüpft sind und ihre Heimatstrände verlassen haben, ist schwierig zu erforschen. Deshalb wurden erwachsene Tiere mit Sendern ausgestattet, um ihre Routen über Jahre hinweg aufzuzeichnen, und auch Meeresströmungen simuliert. Diese Karte fasst verschiedene Daten zusammen.

          Lederschildkröten kehren, sobald sie mit etwa zwölf Jahren geschlechtsreif sind, alle paar Jahre zu ihren Geburtsstränden zurück. Das Leben der Mütter ist gut dokumentiert, Dutzende von ihnen wurden schon mit Sendern ausgestattet und via Satellit beobachtet. Aber was machen die Jungtiere? Forscher sprechen von den „verlorenen Jahren“, denn was die Tiere machen, wie sie nach Europa kommen und warum manchmal so viele sterben, das ist alles noch nicht erforscht. Die Meeresschildkröten sind gelatinovor, sie ernähren sich von Quallen, die sie mit Stacheln in ihrem Schlund kleinreißen. Wer also Lederschildkröten sucht, der muss die tiefen, nährstoffreichen Bereiche der See durchforsten. Hier gibt es riesige Schwärme der Glibbertiere, an denen sich die Lederschildkröten satt fressen können. Quallen driften, sie bleiben nicht an einem Ort und reisen auch mit den Meeresströmungen – hungrige Lederschildkröten schwimmen ihnen wohl einfach hinterher.

          Das ist bisher die plausibelste Annahme. Eine aktuelle Studie, erschienen im Fachblatt „Movement Ecology“, bestätigt sie und erzählt noch viel mehr – über die Hochsee-Routen der jungen Schildkröten. Die Untersuchung lässt leider auch ahnen, welches Unheil es bedeuten könnte, wenn nun tatsächlich wieder ein Schildkrötenjahr aufzieht.

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