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Klimawandel in den Alpen : „Soll er doch endlich stürzen“

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Der Hochvogel bröckelt. Den Allgäuer Alpen droht ein gewaltiger Felssturz. Bild: Prisma Bildagentur

Der Hochvogel bricht auseinander. Die Bewohner der umliegenden Täler wollen das lieber nicht so ernst nehmen, Wissenschaftler halten den drohenden Felssturz aber nur für einen Vorboten.

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          Im Bücherregal meiner Eltern war ein Fach für Steine reserviert: Manche Bergsteiger sammeln Gipfelsteine wie Großwildjäger Trophäen. Ein silbergrauer Brocken mit Zacken stach besonders hervor: „Hochvogel“ stand darauf mit der Filzstiftschrift eines Erwachsenen geschrieben, darunter mein Name und ein Datum. Mein Vater war nach dieser Tour sehr stolz auf mich. Auf den Hochvogelgipfel kommt man nur über Klettersteige. Der Berg ist eine Art Wahrzeichen der Allgäuer Alpinisten. Seine 2592 Meter hohe Spitze liegt etwa zweihundert Meter über allen anderen in der Umgebung, und man kann ihn auch aus der Ferne leicht ausmachen. Ich war keine zwölf Jahre alt, als ich zum ersten Mal oben stand. Ich erinnere mich an einen Schwarm Dohlen. An eine Felsspalte etwa einen Meter neben dem Gipfelkreuz, in der man windgeschützt seine Brezen vespern konnte. Und besonders an die weißgrauen, mächtigen und unzerstörbar wirkenden Felswände rundherum.

          Heute nehmen Geologen an, dass es damals, in den achtziger Jahren, schon längst begonnen hatte. Während wir unter wolkenlosem Himmel auf den Gipfel kraxelten, verschoben sich drinnen insgeheim die Klüfte, all die Narben und Wunden aus dem Zurechtgeschiebe der Alpen brechen jetzt mit Hilfe des einfließenden Wassers wieder auf. Der Klimawandel mit seinen immer stärker werdenden Regengüssen bringt den Hochvogelgipfel zusätzlich unter Druck und beschleunigt den Prozess. Wer in diesem Sommer auf den Gipfel stieg, könnte ihn zum letzten Mal so groß und mächtig erlebt haben, wie er seit Bergsteigergedenken war. Meine Brotzeitsenke von einst ist heute ein tief klaffender Riss, und Wissenschaftler sagen, dass seine südliche Hälfte bald ins Tal stürzen wird.

          Verdächtige Spalten

          Im Jahr 2014 waren Bergsteigern zum ersten Mal verdächtige Spalten in den Felstürmen an der Südseite aufgefallen. Durch diese Wand führt der älteste Klettersteig am Hochvogel, ein bayerischer Fabrikant mit Alpinisten-Ader ließ ihn 1904 von seinen Arbeitern in den Fels hauen. Eine Genusstour für Schwindelfreie: Die Gipfelstürmer steigen direkt durch den Fels und genießen eine spektakuläre Aussicht. Nach dem Hinweis der besorgten Kletterer sperrte die hier für die Sicherheit zuständige Alpenvereinssektion Donauwörth den Weg und bat Wissenschaftler um ihre Einschätzung. Beim Hubschrauberflug der Geologen fiel auf, dass nicht nur einzelne Formationen wanken, sondern dass der ganze Gipfel auseinanderbricht. Jede Sekunde der heraufziehenden Tragödie wird seither dokumentiert. Der Klettersteig bleibt geschlossen.

          Das spürt man vor allem im Örtchen Hinterhornbach in Tirol. Es liegt auf der österreichischen Seite des Berges, in einer verwunschenen Ecke des Lechtals, dort, wo die Klammen weißblaues Wasser rauschend ins Tal schicken. Christoph Eisnecker bewirtet in vierter Generation die Wanderer. Sein Wirtshaus steht dort, wo man früher parkte, um auf dem Bäumenheimer Weg dann nach oben zu gehen. Als brauner Streifen im satten Weidengrün hinter dem Haus ist er gerade noch erkennbar. „Seit ich denken kann, war das eine breite Spur, jetzt wächst es langsam zu“, sagt Eisnecker. „Der Bäumenheimer Weg war eine Berühmtheit. Ohne ihn kommt kaum noch jemand wegen des Hochvogels zu uns. Soll der Gipfel doch endlich stürzen. Dann machen wir einen neuen Weg.“

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