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Sensationsfund „X-Woman“ : Entdeckten Forscher eine neue Menschenart?

Wissenschaftler in der Höhle, in der der Knochen entdeckt wurde Bild: AP

Ein Fossilfund in Zentralasien scheint von einer bislang unbekannten Menschenform zu zeugen, die vor mehr als einer Million Jahren entstanden ist. Dem Stammbaum des Menschen könnte demnächst ein neuer Zweig hinzugefügt werden.

          Dieses Mal ist es weder ein Erzbischof noch ein Nobelpreisträger. Nicht einmal ein gewiefter Genetiker, dessen Erbinformationen jetzt einer Öffentlichkeit vorgelegt werden, die sich allmählich daran gewöhnen muss, dass die Entzifferung eines menschlichen Genoms nur noch wenige Wochen dauert, bald vielleicht Tage, aber keinesfalls mehr ein Jahrzehnt.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Heute präsentiert das Fachmagazin „Nature“ auch nicht wie kürzlich das Erbgut eines Paläo-Eskimos, der vor gut 4000 Jahren auf Grönland seine Haare ließ, sondern ein Rätsel: Über einen „unbekannten Denisova Menschen aus dem südlichen Sibirien“ berichtet das Team um Svante Pääbo und Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Was ein bisschen nach Permafrost-Saga klingt, ist eine kleine Sensation: Die in Sibirien entdeckten fossilen Überreste zeugen von einem sehr alten Erbe – und einer Menschenform, deren genetische Linie sich vor mehr als einer Million Jahre von der unseren trennte. Handelt es sich gar um eine weitere, unbekannte Spezies, die in Zentralasien lebte, als sich der Homo sapiens aufmachte, von Afrika aus die Welt zu besiedeln?

          Ein zarter kleiner Knochen

          CTGA, die Buchstaben des Lebens, formulieren jetzt ein goßes Fragezeichen für Anthropologen, das etwa 16.500 DNA-Bausteine umfasst: Diese bilden das Mitochondrien-Erbgut, das mütterlich vererbt wird und in jeder Körperzelle gleich mehrfach vorhanden ist. Und so blieb es erstaunlich gut erhalten in einem Knochen, der 2008 in der Denisova-Höhle des Altai-Gebirges gefunden wurde. Dieses Gebein, das seine Entdecker vom Institut für Archäologie in Novosibirsk allein aufgrund der Morphologie als menschlich einstufen konnten, ist zwischen 30 000 und 48 000 Jahre alt – mindestens, denn so alt wird seine Fundschicht datiert. In der Nähe entdeckte Schmuckstücke ließen zunächst sogar einen modernen Menschen vermuten, ein winziges Stückchen immerhin davon.

          Der Eingang zur Denisova-Höhle

          Bei dem Fossil des Denisova Menschen handelt es sich lediglich um das letzte Glied eines kleinen Fingers. „Von einem fünf- bis siebenjährigen Kind“, schätzt Johannes Krause. Derart zart ist der Knochen, doch er gehörte keinesfalls einem modernen Homo sapiens, so viel steht fest. Im Vergleich der Mitochondrien weicht die Denisova-DNA zu stark ab. Und nach Neandertaler sieht das, was die Sequenzierautomaten bisher an Daten liefern, auch nicht aus – obwohl zur fraglichen Zeit beide Vertreter der Gattung Homo in dieser Region zahlreiche Spuren hinterlassen haben. Nur nicht diesen Fingerknochen, wie es scheint.

          Der neue Höhlenfund weist sogar doppelt so viele Unterschiede auf, wie zwischen modernen Menschen und Neandertalern zu finden sind. Daher ist ein Ursprung der Denisova-Mitochondrien vor rund einer Million Jahre zu suchen. Und könnte auf eine bisher unbekannte Auswanderungswelle aus Afrika hinweisen, vermutet Svante Pääbo. Für den Homo erectus ist diese Abspaltung beispielsweise zu spät, er verließ Afrika schon vor fast zwei Millionen Jahren, für den Homo sapiens viel zu früh, er machte sich erst vor 90 000 bis 50 000 Jahren auf den Weg.

          Einst hatten wir Gesellschaft

          Eine genetische Trennung der Linien macht allerdings noch keine neue Spezies: Womöglich erhielt sich diese sehr alte Mitochondrien-Linie über die Jahrtausende in einer wohl bekannten Art, dem Neandertaler. Ganz ausschließen lässt sich das bislang nicht, nur sehr wahrscheinlich scheint es nicht: „Wir haben von sechs Neandertalern das komplette Mitchondrien-Genom und von einigen weiteren Individuen wenigstens große Bereiche davon entziffert. Sequenzen ähneln sich – nichts erinnert an Denisova“, sagt Pääbo. Trotzdem wagt der Genetiker noch nicht, von einer neuen Spezies zu sprechen, er will die weiteren Analysen der Zellkern-DNA abwarten.

          So klein das Fundstück auch ist, so faszinierend die Möglichkeit, mit Hilfe der Genetik in 30 Milligramm Knochenpulver Unerwartetes zu entdecken, so wenig überrascht zeigen sich die Anthropologen, dass damals vielleicht noch eine weitere Menschenart lebte – neben Homo sapiens, H. neanderthalensis, H. floresiensis und womöglich einem Nachfahren des Homo erectus in Ngandong. Der Fund passt ins Bild: Unsere Vergangenheit zeige die Diversität, wie sie bei einem Säugetier zu erwarten sei, das sich ausbreitet, stellt Ian Tattersall vom American Museum of Natural History in New York fest. Zugleich betone der Fund unsere besondere Stellung: „Wir waren nicht immer allein, sind es aber heute.“ Tattersall bedauert allerdings, „dass nicht mehr Fragmente des Fossils erhalten sind, um dem Denisova-Menschen ein Gesicht geben zu können.“

          Es wäre das Antlitz eines Mädchens, das von den Leipziger Genetikern noch vorsichtig „X-Woman“ genannt wird. Im Labor läuft bereits die Analyse ihrer Zellkern-DNA, die das Denisova-Rätsel lösen soll. In ein paar Monaten könnte sich dann zeigen, ob sie einer bekannten Linie angehört – oder einem neuen Zweig im Stammbaum des Menschen.

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