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Gletscher ade

Von JENS GIESEL · 11.11.2019
Malaspina Gletscher (1986–2000) / Satellitenbilder: NASA Earth Observatory / Bearbeitung: Jens Giesel

Seit Jahrzehnten schwinden fast überall die Gletscher. Das Ausmaß des Rückgangs zeigt sich am deutlichsten aus der Vogelperspektive: Satellitenaufnahmen zeigen das Abschmelzen von vier Gletschern im Zeitraffer.

Columbia-Gletscher

Satellitenbilder: NASA Earth Observatory / Bearbeitung: Jens Giesel

Der Columbia-Gletscher im Süden Alaskas ist einer der sich am schnellsten verändernden Gletscher der Welt.

Als britische Entdecker ihn 1794 zum ersten Mal untersuchten, reichte sein Ende bis zum nördlichen Rand von Heather Island, einer kleinen Insel in der Nähe der Mündung der Columbia-Bucht. Der Gletscher hielt diese Position bis 1980, als ein schneller Rückzug begann, welcher bis heute andauert.

Inzwischen hat der Gletscher mehr als die Hälfte seiner Gesamtdicke und seines Gesamtvolumens verloren. Seine Front hat sich mehr als 20 Kilometer nördlich in die Bucht zurückgezogen. 2011 trennte sich der Gletscher in den Westarm und den Hauptzweig.

Durch den außerordentlich warmen Sommer 2019 hat sich das Abschmelzen des Columbia-Gletschers noch einmal beschleunigt. Wissenschaftler glauben, der Hauptzweig könnte sich irgendwann bis zum Divider Mountain zurückziehen. Der Berg ist in der Mitte des Hauptastes am oberen rechten Rand der Satellitenbilder zu sehen.

Okjökull-Gletscher

Der kreisförmige Okjökull-Gletscher (links) war ursprünglich Teil der Langjökull-Gletschergruppe (rechts oben) Satellitenbilder: NASA Earth Observatory / Bearbeitung: Jens Giesel

Am 18. August 2019 traf sich eine Gruppe von Wissenschaftlern und Umweltaktivisten um eine Gedenktafel zu enthüllen für den ersten verschwundenen Gletscher. Sie erinnert an Okjökull – ein einstiger Gletscher, der im Laufe des 20. Jahrhunderts zum Erliegen gekommen ist und 2014 offiziell für tot erklärt wurde.

Eine geologische Karte aus dem Jahr 1901 bezifferte Okjökull auf eine Fläche von etwa 38 Quadratkilometern. 1978 zeigte eine Luftaufnahme, dass der Gletscher nur noch 3 Quadratkilometer groß war. Heute ist weniger als ein Quadratkilometer übrig. Die Satellitenbilder oben zeigen den Gletscher während der letzten Phase seines Niedergangs am im September 1986 (links) und im August 2019 (rechts).

Der Untergang des Gletschers ist jedoch nicht nur eine Frage der Schrumpfung der Fläche. Gletscher bilden sich aus Schnee, der sich mit der Zeit zu Eis verdichtet. Das Eis kriecht dann unter dem Einfluss der Schwerkraft abwärts. Okjökull hat sich jedoch so stark verdünnt, dass er nicht mehr genug Masse hat, um zu fließen. Nach einigen Definitionen ist er damit ein toter Gletscher.

Okjökull, auch Ok genannt (Jökull ist isländisch für Gletscher), war Teil der Langjökull-Gruppe – einer der acht regionalen Gletschergruppen Islands. Das Eis bedeckt ungefähr 10 Prozent der Insel und ist somit ein wesentlicher Bestandteil der Landschaft. Der Verlust von Gletschereis hat weitreichende Auswirkungen und kann sich auf die Wasserressourcen, die Infrastruktur und sogar auf das Aufsteigen des Landes auswirken, wenn es unter einer leichteren Eislast anhebt.

Mont Blanc

Satellitenbilder: NASA Earth Observatory / Bearbeitung: Jens Giesel

Ein sich schnell verändernder Gletscher bedroht ein beliebtes Wandergebiet in den Westalpen Europas. Experten haben berichtet, dass ein 250.000 Kubikmeter großes Stück Eis sich vom Planpincieux-Gletscher lösen wird, der sich an einem steilen Abhang am Grand Jorasses-Gipfel im Mont-Blanc-Massiv festhält.

Die obigen Satellitenbilder zeigen mehr als 30 Jahre Veränderungen an einem Teil des Mont-Blanc-Massivs, einschließlich des Planpincieux-Gletschers. Das erste (linke) Bild wurde am im August 1985 aufgenommen. Das zweite Bild zeigt dasselbe Gebiet im August 2019. Die Gletscher des Mont-Blanc haben massiv an Eis verloren, da die Lufttemperaturen in Europa stetig angestiegen sind.

Der Planpincieux-Gletscher neigt dazu, Eis von seiner Vorderseite in großen Blöcken zu verlieren. Das liegt daran, dass es sich um einen "hängenden Gletscher" handelt, dessen Vorderseite an einem steilen Hang thront. Wenn das Eis in Richtung des Randes der Schlucht rutscht, können sich Bruchstücke lösen und in das darunter liegende Tal stürzen. Nach dem extrem warmen Sommer 2019 bewegte sich die Gletscherfront bis Ende September bis zu 50 Zentimeter pro Tag.

Wissenschaftler können nicht mit Sicherheit sagen, wann der Zusammenbruch eintreten wird. Vorsorglich haben italienische Behörden eine Straße gesperrt, die nach Val Ferret führt, einem Tal in der Nähe der Stadt Courmayeur. Die Gegend ist ein beliebtes Wander- und Touristenziel.

Das Schmelzen ist nicht auf Planpincieux beschränkt; andere Gletscher über die Alpen sind in den letzten Jahrzehnten ebenfalls geschrumpft und dünner geworden. 2014 veröffentlichte Studien haben Verluste im gesamten Mont-Blanc-Gebiet zwischen 2003 und 2012 gemeldet, und der Abwärtstrend hat sich bis 2018 fortgesetzt. Einem Computermodell zufolge könnten die Gletscher Argentière und Mer de Glace – die größten in den französischen Alpen – bis Ende des 21. Jahrhunderts verschwinden.

Yakutat-Gletscher

Satellitenbilder: NASA Earth Observatory / Bearbeitung: Jens Giesel

Der Yakutat-Gletscher im Südosten Alaskas und ist einer der am schnellsten zurückweichenden Gletscher der Welt. Als er im Jahr 1894 vermessen wurde, befand sich seine Endmoräne auf trockenem Land in einer küstennahen Ebene. Innerhalb eines Jahrzehnts begann sich der Gletscher zurückzuziehen und ein kleiner Schmelzwassersee – der Harlequin Lake – tauchte an seinem Ende auf. Seitdem hat sich der See dramatisch vergrößert.

In den letzten Jahrzehnten waren die Veränderungen am Gletscherende besonders schnell. Seit 1987 (erstes Bild) hat sich Yakutat über 10 Kilometer zurückgezogen. Am schnellsten war der Rückgang in der Zeit zwischen 2013 (zweites Bild) und 2018 (drittes Bild). Während dieser Zeit zog sich der Gletscher mehrere Kilometer zurück, als eine Reihe von Eisbergen in den See kalbten.

Einst Teil eines viel größeren Eisfeldes, zieht sich Yakutat seit Hunderten von Jahren zurück. Während andere nahe gelegene Gletscher sich zurückzogen, wurde das Yakutat-Eisfeld von höher gelegenen Gebieten abgeschnitten, die einst einen stetigen Eisfluss aus dem Norden lieferten.

Abgesehen von dieser natürlichen Veränderung hat die vom Menschen verursachte globale Erwärmung die Geschwindigkeit des Rückzugs beschleunigt. Zwischen 1948 und 2000 stiegen die durchschnittlichen Jahrestemperaturen am Yakutat um 1,38° Celsius. Zwischen 2000 und 2010 stiegen sie um weitere 0,48° C. Die wärmeren Temperaturen fördern das Schmelzen und die Sublimation von allen der Luft ausgesetzten Eisflächen.


Quelle: NASA Earth Observatory

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 11.11.2019 13:50 Uhr