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Sanddorn in Not : Die Vitamin-Bombe des Ostens

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Eine Ursache hat weder das Ministerium noch das ihm unterstehende Landesamt für Landwirtschaft gefunden. „Das kratzt an unserer Ehre, das gebe ich zu“, sagt Vietinghoff. „Es gibt kein Muster, keine Analogien zu anderen Schadorganismen. Das Einzige: Es gibt ein West-Ost-Gefälle der Wildbestände an den Küsten.“ Soll heißen, das Ausmaß des Sterbens nimmt vom Westen Mecklenburgs bis zum Osten Vorpommerns ab. Kranke Pflanzen stehen aber überall, daher hat sich das Ministerium ans Julius-Kühn-Institut gewendet, das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen.

Aus Mecklenburg-Vorpommern wurden mehrere Proben nach Baden-Württemberg geschickt, die von unbekannten Erregern befallenen Sanddornblätter landeten dort in Dossenheim bei Wilhelm Jelkmann. Er leitet das Institut für Pflanzenschutz in Obst und Weinbau und hat nun zwei Mitarbeiter auf den Sanddorn angesetzt. Diese erstellen eine Art genetischen Fingerabdruck, isolieren und sequenzieren Erbinformationen, identifizieren praktisch alles, was sich in und auf der Pflanze befindet, um diese Daten in einen Rechner zu füttern.

Eine spezielle Software ordnet die Daten zu: der Pflanze, den Bakterien, Viren, vielleicht den Schuppen eines Menschen oder eines Insekts. Werden irgendwelche Mikroorganismen gefunden, werfen die Forscher einen Blick in die Datenbanken, um zu sehen, ob es Erreger sind, die womöglich schon andere Pflanzen geschädigt haben. Jelkmanns Ansatz ist, das Sterben des Sanddorns mit dem Sterben von Weinreben zu vergleichen.

„Klimawandel ist oft eine viel zu einfache Erklärung“

Die von Winzern gefürchtete Esca-Krankheit wird von Pilzen verursacht, und Forscher gehen davon aus, dass sich verschiedene Spezies auf Trieben, Blättern und Holz der Reben tummeln. Erst bei Stress, Dürre, Hitzeperioden schaden die Pilze den Reben, so dass die Rebstöcke austrocknen. „Der Klimawandel ist oft eine viel zu einfache Erklärung, die man aus dem Hut zaubert.

„In der Regel gibt es keine einfachen Erklärungen“, sagt Jelkmann. Also experimentiert sein Team weiter, versucht es zum Beispiel mit Inokulationen. Dabei übertragen die Biologen einen isolierten Pilz auf eine gesunde Pflanze und kontrollieren, ob die gleichen Symptome auftreten. Sollten die Dossenheimer Wissenschaftler einen Erreger finden, hieße das noch nicht, dass dieser allein verantwortlich ist. Es könne ganze Forscherkarrieren dauern, bis sie die Ursachen des Sanddornsterbens ermittelten, sagt Jelkmann.

Benedikt Schneebecke in Marlow versucht deswegen, sich selbst zu helfen, und hat eigens Wasserleitungen verlegt. Ab und zu ragt ein Stöckchen aus der Erde, dort blinzeln Wasserhähne. Auf 25 Hektar spannt sich das Netz, unterirdisch, alle fünfzig Zentimeter ein Loch, daraus rinnt das Wasser Tropfen für Tropfen. Diese Bewässerung soll seinen Sanddorn besser gegen die Krankheit wappnen, hofft Schneebecke.

Vitamin-Bombe in Orange: Appetitlich prall sehen die Früchte von gesunden Sträuchern aus.
Vitamin-Bombe in Orange: Appetitlich prall sehen die Früchte von gesunden Sträuchern aus. : Bild: ZB

Er hat Angst, dass sich der Erreger über die Wurzeln verbreitet, also reißt er außerdem das Wurzelwerk der kranken und abgestorbenen Pflanzen heraus. Sanddorn setzt sich nur flach, aber breit in der Erde fest; die Wurzeln strecken sich bis zu zehn Meter aus, reichen bis drei Meter in die Tiefe. Unwahrscheinlich, dass er alle befallenen Enden herausrupfen kann.

Auf einem Hektar stehen rund 1500 Pflanzen. Setzt Benedikt Schneebecke neue Stecklinge in die Erde, hält er mindestens einen Kilometer Abstand zu den befallenen Flächen seiner Plantage. Schneebecke braucht den Sanddorn. Dreißig Prozent seines Umsatzes mache dieser aus, im Winter verkaufe er Tannenbäume, die auf den Feldern neben dem Sanddorn wachsen. „Ich will dahin kommen, fünfzig Prozent des Umsatzes mit dem Sanddorn zu machen“, sagt Schneebecke. „Ich kann nicht nur auf Weihnachtsbäume setzen – ich könnte nicht mehr ruhig schlafen, wenn ich denken würde, dass meine komplette Existenzgrundlage verlorengeht.“

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