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Sanddorn in Not : Die Vitamin-Bombe des Ostens

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Die ertragreiche Sorte Leikaro ist heute in ganz Mitteleuropa beliebt und geht auf die Arbeit des Züchters Hans-Joachim Albrecht in den 1970er Jahren zurück. Der Gartenbauingenieur entwickelte diese und weitere Kultursorten an einer Baumschule in Berlin-Treptow, weil die DDR-Führung auf der Suche nach Vitamin-C-Spendern war, als Alternative zu teuer importierten Südfrüchten. Mit den Züchtungen hatte man dann auch im Westen Erfolg, das brachte Devisen.

Sanddorn statt Südfrüchte

Fünf, sechs Reihen hinter der Leikora sticht eine graue Fläche heraus, voller abgestorbener Sträucher. Das sei der Befallsherd, sagt Schneebecke, von dem sich das Sterben wie in Fingerform ausbreite. „Ich mache Befahrungen alle paar Tage, aber im Grunde habe ich keine Lust mehr durch die befallenen Kulturen zu fahren, weil wir nichts machen können.“ Schneebecke rechnet dieses Jahr damit, sechzig Tonnen Sanddorn zu ernten. Zwanzig Tonnen würde er durch das Sanddornsterben verlieren und damit etwa 70.000 Euro an Einnahmen im Vergleich zum Vorjahr.

Eigentlich will er expandieren, sein Ziel: jedes Jahr 120 bis 160 Tonnen Sanddorn ernten. Also schreibt er einen Brief an das Ministerium für Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern: „Unsere Existenz ist bedroht und eine Kulturpflanze vor dem Aussterben. Und das Ministerium muss etwas tun, es muss eine Stelle schaffen, um am Sanddorn zu forschen. Da reicht ein Mitarbeiter.“ Klar, den müsse man finden und finanzieren, sagt Schneebecke. „Aber allein, was ich an Schaden habe, damit hätte ich zwei Stellen finanzieren können.“

Sein Geländewagen lenkt auf den Hof ein. Schließlich habe er mehrere hunderttausend Euro investiert, allein in die Schockfrosterzellen, zwei weiße Container, die auf seinem Hof haushoch aufragen. Schneebecke steigt aus dem Auto, zieht die Tür eines Schockfrosters auf, es dampft, drinnen herrschen minus 26 Grad. Weiße Kisten sind übereinandergestapelt, die Mitarbeiter versuchen, an einem Tag 48 Boxen zu füllen, jede fasst sieben Kubikmeter.

Auf Forst Schneebecke in Mecklenburg-Vorpommern wird die Ernte durch eine Anlage erleichtert, die schockgefrosteten Sanddorn von Zweigen und Blättern trennt.
Auf Forst Schneebecke in Mecklenburg-Vorpommern wird die Ernte durch eine Anlage erleichtert, die schockgefrosteten Sanddorn von Zweigen und Blättern trennt. : Bild: ZB

Ventilatoren pressen die Luft zwischen die Beeren, unter Jacke und Hose. „Damit die Beeren sich leichter von den Ästen lösen lassen“, ruft Schneebecke über das Umluftbrummen und greift nach den Zweigen in einer Box, es knackt wie ein Lagerfeuer. Orange Beeren rieseln hinab, für Schneebecke sind es kleine Perlen.

Ein Gabelstapler zieht eine Box heraus, fährt sie zu der Erntemaschine, die schüttelt die Beeren von Zweigen und Blättern. Die Beeren landen auf einem Fließband, das die Ernte auf ein Sieb spuckt, in die Hände der Helfer. Die ruckeln das Sieb hin und her, um die letzten Blätter von den Früchten zu trennen, verpacken sie knisternd in Lebensmittelfolie, eine Mosterei wartet schon darauf. Eine digitale Waage zeigt: 355 Kilo, jede Kiste enthalte 350 Kilo Beeren, sagt Schneebecke. „Hier freut sich der Kunde, wenn wir ein bisschen mehr reinpacken.“ Er zwinkert, und sein Mitarbeiter schaufelt schnell wieder ein, zwei Kellen hinaus.

Keine Ursache gefunden

Das Sanddornsterben nannte der Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus, schon 2018 dramatisch: „Wir müssen uns dieses Problems jetzt verstärkt annehmen.“ Sein Ministerium schreibt auf eine Anfrage im vergangenen Herbst, man prüfe eine finanzielle Unterstützung für betroffene Landwirte, habe entlang der Ostseeküste kartographiert, wie krank der Sanddorn sei.

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