https://www.faz.net/-gwz-158rv

Rohstoff Titan : Ein Luxusprodukt, das jeder braucht

  • -Aktualisiert am

Titanschwamm ist schwer zu gewinnen. Umso wichtiger wird das Recyclen von Titanschrott Bild: Dieter Rüchel

Leicht, aber extrem fest: Nicht nur für den Flugzeugbau ist Titan das Metall der Wahl. Auch in der Medizin und der Architektur ist es begehrt. Doch die Gewinnung ist schwer und allmählich wird der Rohstoff rar.

          4 Min.

          „Das ist kein Schrott, das ist Rohstoff, wertvoller Rohstoff“, sagt Helmut Jost, Marketingleiter von Thyssen-Krupp Titanium. Er zeigt auf eine Kiste mit bierdeckelgroßen Stücken alten Titanblechs, die genau nach dem aussehen, was sie tatsächlich sind, nämlich Schrott. Sie warten in der neuen Werkshalle darauf, an einen Elektronenstrahl-Ofen verfüttert zu werden, ein blau-gelbes Monstrum, das rund 15 Meter in die Höhe ragt und sich bis zu 14 Meter in die Tiefe erstreckt.

          Er wird das Blech so stark unter Strom setzen, dass es sich auf rund 1700 Grad erhitzt und dadurch verflüssigt und es dann zu riesigen Quadern gießen. Diese werden anschließend geschmiedet und gewalzt - zu industriell weiterverarbeitbaren Produkten wie Blechen, Stäben und Rohren, dem sogenannten Halbzeug.

          Steigende Nachfrage

          Dass in Essen und überhaupt in Europa Titan recycelt wird, ist neu. Bisher wurde hier nur der eigentliche Rohstoff der Titanindustrie, der sogenannte Titanschwamm, geschmolzen. Erst im Oktober des vergangenen Jahres hat Thyssen-Krupp den Elektronenstrahl-Ofen in Betrieb genommen.

          Ungewöhnlicher Glanz: das Guggenheim-Museum in Bilbao
          Ungewöhnlicher Glanz: das Guggenheim-Museum in Bilbao : Bild: REUTERS

          „Wir mussten auf die gestiegene Nachfrage reagieren, es wurde ja immer schwerer, Titanschwamm zu beschaffen“, sagt Helmut Jost zu der Entscheidung für die rund 30 Millionen Euro teure Investition. Nach Angaben von ThyssenKrupp Titanium ist der Weltmarkt für Titan seit 1983 um drei bis sechs Prozent pro Jahr gewachsen. Zuletzt wurde dieses Wachstum vor allem durch die Luftfahrtindustrie mit ihren Großraummaschinen wie dem Airbus A380 und der Boeing 787 getrieben. Denn Titan hat gegenüber seinem Konkurrenten Stahl vor allem in der Luft einen enormen Vorteil: Es ist nur halb so schwer. „Titan ist der Ultrawerkstoff - leicht, aber superfest“, sagt Bernd Friedrich, Leiter des Instituts für Metallurgische Prozesstechnik und Metallrecycling der RWTH Aachen.

          Göttliches Metall

          Die von Friedrich genannten Eigenschaften sind längst nicht die einzigen, die dem Metall zu seinem geradezu überirdischen Image verhelfen. Benannt nach dem ältesten Göttergeschlecht der griechischen Mythologie, gilt es wie dieses als nahezu unverwüstlich. Und das zu Recht: Weil es sich bei Kontakt mit Sauerstoff mit einer dünnen, transparenten Oxidschicht umgibt, die fast gar nicht mehr reagiert, verwittert es kaum. Deshalb bestehen viele Geräte, die im Salzwasser eingesetzt werden, aus Titan, zum Beispiel das Bohrgestänge von Ölplattformen oder die Wärmetauscher von Schiffsmotoren und Meerwasserentsalzungsanlagen.

          Außerdem ist Titan nicht nur ungiftig, sondern löst anders als Nickel, Kobalt und Chrom auch keine Allergien aus. Das macht es für medizinische Produkte interessant, zum Beispiel für künstliche Hüftgelenke, aber auch für Alltagsgegenstände und Sportgeräte, wie Campingbesteck und Tennisschläger. Weil es darüber hinaus einen außergewöhnlich warmen Glanz hat, wird es auch für Schmuck und zunehmend in der Architektur verwendet, etwa für die Fassade des im Jahr 1997 eingeweihten Guggenheim-Museums in Bilbao.

          Aufwendige und teure Gewinnung

          Gerade letzteres Beispiel verdeutlicht, dass der Name Titan noch mit einer weiteren Eigenschaft verbunden wird - mit Exklusivität. Auch das hat seine Berechtigung, denn Titan ist teuer, etwa fünfmal so teuer wie Edelstahl. Deshalb wird es entweder nur als Luxusprodukt verwendet, nur dort, wo es keine Alternative gibt, oder nur dort, wo die höheren Kosten durch Einsparungen, etwa beim Kerosinverbrauch, wieder wettgemacht werden können.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schulklasse in Bayern

          „Für mich unbegreiflich“ : Krankenhausgesellschaft kritisiert RKI

          Im Streit um eine mögliche Abkehr von der Sieben-Tage-Inzidenz als Hauptrichtwert in der Corona-Politik bemängelt die Deutsche Krankenhausgesellschaft das Verhalten des RKI. Es könne nicht sein, dass das Institut auf allen Daten sitze, aber keine neuen Vorschläge mache.
          Einsatz in Kirli: Feuerwehrleute versuchen ein Feuer in der türkischen Provinz Antalya unter Kontrolle zu bringen.

          Brände in Türkei und Italien : Heftige Feuer im Mittelmeerraum

          In der Türkei und in Italien brennen die Wälder. Schuld sind womöglich Brandstifter. Eine seit Anfang der Woche andauernde Hitzewelle in Griechenland geht indes auf ihren Höhepunkt zu – mit Temperaturen von bis zu 45 Grad.
          Markus Söder im Landtag, im Vordergrund Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) am Rednerpult

          Testpflicht und Impfregime : Söders Sorgen

          Die Testpflicht ist das Eingeständnis von Bund und Ländern, dass ihre Strategie nicht aufgegangen ist. Die Impfmüdigkeit ist zu groß. Der Grund: Eigensinn und Politiker wie Hubert Aiwanger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.