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Antarktis : Rätselraten um Rekordschmelze an Heiligabend

Trügerische Schönheit? Die Chiriguano Bay am Rand der Antarktis Bild: AFP

Was war da los? Ein belgischer Klimaforscher berichtet über eine Rekord-Eisschmelze in der Antarktis, die an Heiligabend ihren Höhepunkt erreicht haben soll. Hat die Hitzewelle auf der Südhalbkugel den Eiskontinent erfasst?

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          Nicht falsch verstehen, nicht überbewerten, Vorsicht bei der Interpretation der Schaubilder: Das sind die Hinweise, mit denen der belgische Klimaforscher Xavier Fettweiss eine Publikation versehen hat, die in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich ist.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Fettweiss überwacht für das Klimalabor der Universität Liège in Belgien die alljährliche Schmelzsaison rund um den Südpol. Er liefert auf Basis historischer und möglichst aktueller Daten Echtzeit-Vorhersagen für ein paar Tage im Voraus – und zwar für den gesamten Südkontinent. Seine Hauptarbeitsgeräte sind deshalb Computermodelle, die einerseits mit den alten Messdaten gefüttert und andererseits mit Algorithmen so gerechnet werden, dass das physikalische Geschehen auf dem Eiskontinent möglichst realistisch simuliert werden kann. Und zwar auch dort, von wo keine Daten verfügbar sind – was für den allergrößten Teil der kaum bewohnten Antarktis gilt. 

          Im Ergebnis ergibt die Rechnerei jede Menge Zahlen, Karten und Kurven – jeden Tag neue, doch die sind unter dem Strich alles andere als Messdaten. Sie müssen erst noch durch solide Satellitendaten im Nachhinein bestätigt werden. Deshalb die Vorsicht in Fettweiss' Analyse.

          Die Kurve (rot), die den Verlauf der simulierten Eisschmelze in der Antarktis zeigt. Der belgische Klimaforscher Xavier Fettweis hat sie auf Twitter publiziert.
          Die Kurve (rot), die den Verlauf der simulierten Eisschmelze in der Antarktis zeigt. Der belgische Klimaforscher Xavier Fettweis hat sie auf Twitter publiziert. : Bild: Fettweiss

          In den ersten Dezember-Tagen stellte Fettweiss eine ungewöhnliche Veränderung fest. Die 5-Tages-Prognose-Kurve, die das Abschmelzen der Eismassen im Verlauf des Südhemisphären-Sommers zeigt und in einem gewissen Unsicherheitsbereich die „normale“ Eisschmelze wie eine Glockenkurve aussehen lässt, zeigte einen steilen Anstieg. Nicht nur das: Von zwei, drei kurzen Einbrüchen abgesehen stieg die Kurve immer steiler an. In kürzester Zeit wurden immer größer Flächen des Südkontinents von einem seit 1979 nicht beobachteten Ausmaß beobachtet. Die Anomalie wuchs immer schneller. Bis sie an Heiligabend, dem 24. Dezember offensichtlich ihren absoluten Höhepunkt erreichte. Mehr als 15 Prozent der Fläche des Eiskontinents, so war die Kurve zu deuten, waren an diesem Tag so warm geworden, dass sich Schmelzwasser bildete – „zumindest vorübergehend“, so Fettweiss. 15 Prozent der Fläche sind mehr als doppelt so viel wie üblich. Betroffen waren insbesondere die küstennahen Gletscher, weniger das Innere der Kilometer dicken westlichen und östlichen Eispanzer. Federweiss weiter: „Von November 2019 bis heute liegt die Menge an gebildetem Schmelzwasser 230 Prozent über dem Durchschnitt, auch das ein Rekord – und die Schmelzsaison ist noch lange nicht vorbei.“

          Wie diese Modelldaten zu deuten sind, ist sich Fettweiss nicht sicher. Warten aber wollte er nicht auf die Bestätigung durch unabhängige Satellitendaten. Deshalb postete er seine Befunde mit dem Hinweis der Vorläufigkeit und der Unsicherheit, was die Schmelzwasserdaten angeht, auf Twitter. Mit dem erwartbaren Resultat: Während etwa Meteorologe und Klimareporter Eric Holthaus wie andere Klimaaktivisten mahnend auf den Zusammenhang zur Erderwärmung hinwiesen und dies als ein weiteres Zeichen des sich anbahnenden Klimakollaps und des „Klimanotstandes“ gedeutet sehen wollten, wiegelten andere ab: Was sagt schon ein Modellergebnis über die langfristige Entwicklung aus?

          Doch Fettweiss hätte seine Dezember-Bilanz der Schmelzsaison wohl kaum publiziert, wenn er den Vorgang nicht ungewöhnlich fände und nicht tatsächlich auch einen Trend darin zu erkennen meint. Die Beobachtung beschleunigter Eisschmelzen in weiten Teilen der Antarktis passe gut zu der Beobachtung, dass der stabile polare Atmosphärenwirbel, der sich über dem kalten Südkontinent bildet und normalerweise wenig Zufuhr von Warmluft aus nördlicheren Regionen zulässt, seit einiger Zeit schwächelt. Möglicherweise dringe immer mehr Warmluft in die Randbereiche der Antarktis. Zur Zeit wird vor allem Australien von einer beispiellosen Hitzewelle geplagt. Etwas Ähnliches wird auch bei den Meeresströmen, dem zirkumpolaren Strom rund um den Südkontinent, beobachtet. Auch hier vermutet man, dass die Schelfeisunterkanten von Warmwassermassen angegriffen werden. Bei Fettweis fehlte auch nicht der Hinweis auf die Ausdehnung des südpolaren Meereises: „Wir haben  historisch gesehen derzeit die zweitniedrigste Meereisausdehnung“, so Fettweiss. Aktuelle Daten des amerikanischen National Snow and Ice Data Center (NSIDC) bestätigen das.

          Doch die Modelldaten und Befunde von Fettweiss und die amerikanischen NSIDC-Messdaten müssen keineswegs zusammenhängen. Es bleibt vorerst unklar, was die Simulation der Eisschmelze angetrieben hat. Aber die Wissenschaftler werden genau jetzt hinsehen auf die Schmelzwassermengen – zumal nach den wissenschaftlichen Warnungen in „Nature“, in denen die jüngsten Entwicklung der klimasensiblen Kippelemente berichtet wurde. Insbesondere große Teile der Westantarktis haben nachweislich schon so viel Eis verloren, dass ein beschleunigtes und vor allem unumkehrbares Abrutschen der gewaltigen Eispanzer nicht mehr ausgeschlossen wird. Aus der Ostantarktis berichteten Polarforscher vor wenigen Monaten in „Scientific Reports“ über mehr als 65.000 überraschend große Gletscherseen mit einer Gesamtfläche von mehr als 1300 Quadratkilometern, die man auf Satellitenbildern an den Rändern der Ostantarktis unterhalb der Eisdecke entdeckt hat.

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