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Radioaktiver Abfall : Schluss mit dem Selbstbetrug

  • -Aktualisiert am

Castorbehälter in der Lagerhalle des Atomüll-Zwischenlagers Gorleben. Das geplante atomare Endlager droht dort zu scheitern Bild: ddp

Die Suche nach einem endlos sicheren „Endlager“ ist die reine Illusion. Die Geologie wird politisch missbraucht. Suchen wir einfach erstmal ein Lager.

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          Seit langem machen Energieunternehmen und Politik sich selbst und damit auch der Öffentlichkeit vor, es gebe zwei Typen von Lagern für radioaktiven Abfall: Zwischenlager und Endlager. Aus der Sicht eines Geowissenschaftlers ist diese Unterscheidung so scharf nicht, denn ein Endlager in dem Sinne, dass man dort die Abfälle "für immer" so einlagern könnte, dass der Mensch nie wieder etwas von ihnen bemerkt, ist utopisch.

          Sicher, es gibt Lager, die nur für kurze Zeiten vorgesehen sind, kurz selbst nach menschlichen Maßstäben. Wenn man abgebrannte Brennelemente einfach unter das Dach eines laufenden Reaktors legt, was zu unser aller Erstaunen offenbar an der Tagesordnung ist, so ist dies sicher die kurzlebigste Form eines Zwischenlagers - selbst wenn kein Tsunami oder Flugzeugabsturz die Lagerungszeit verkürzt. Aber was das seit langem, bislang vor allem in Gorleben, gesuchte "Endlager" betrifft: Weiß irgend jemand von uns, was in 100 000 Jahren passieren wird? Natürlich nicht, denn ehrlich gesagt wissen auch wir Geowissenschaftler nicht einmal, was in 200 Jahren passieren wird. Wird ein verheerendes Erdbeben in Mitteleuropa zu Zerstörungen führen? Wird das Klima so gänzlich anders sein, dass der gesamte oberflächennahe Wasserkreislauf anders sein wird als heute? Wir wissen es nicht, und wer ohne die Angabe einer Wahrscheinlichkeit eine Vorhersage für so etwas macht, ist nicht ehrlich.

          Insofern wäre es an der Zeit (zumal mit der Zusage des neuen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, auch "im Ländle" nach Endlagermöglichkeiten zu suchen), eine neue, dringend nötige Rationalität in die Debatte einkehren zu lassen. Sich also auch einzugestehen, dass es Vorhersagbarkeit für geologische Zeiträume nicht gibt. Somit ist es utopisch oder unehrlich, ein Endlager nach dem Motto zu suchen: "Rein mit dem Müll, zumachen, und dann brauchen wir nie mehr darüber nachzudenken". Wenn man dies akzeptiert, verliert aus meiner Sicht die ganze Frage auch an Brisanz, denn dann geht es nur noch um eines: Wir müssen einen Standort finden, der momentan die radioaktiven Abfälle von uns fernhält - was nur für untertägige Standorte zutrifft. Dieser Standort muss außerdem groß genug sein, um alle ordentlich in gut gebaute und regelmäßig gewartete Kastorbehälter gefüllte Abfälle aufzunehmen. Und er muss drittens militärisch gesichert werden können.

          Solche Standorte gibt es zuhauf! Die Bundesrepublik ist voller alter Bergwerke, die, mit der entsprechenden Sorgfalt vorbereitet, die Anforderungen erfüllen. Mittels Tunnelbaumaschinen kann man innerhalb weniger Jahre (und im Vergleich zu den Gorleben-Untersuchungskosten sogar preiswert) Untertageanlagen fast beliebiger Größe bauen, wenn die vorhandenen nicht ausreichen sollten. Standorte, die heute auch so trocken sind, dass die Kastoren nicht korrodieren und keine radioaktive Brühe ausläuft. Und die, wenn neue Technologien eine Veränderung erfordern oder ermöglichen, oder wenn in ferner Zukunft vielleicht doch das Wasser zu rinnen beginnt, ausgeräumt werden können.

          Natürlich würde der Schutz eines solchen Geländes und die regelmäßige Kontrolle und Wartung der Kastoren Geld kosten. Aber auch die untertägige Einlagerung von Akten des Bundesarchivs kostet solches Geld. Vermutlich könnte man für das Geld, das bereits in Gorleben verbaut wurde, ein solches Lager Hunderte von Jahren betreiben und schützen.

          Spätestens seit dem Asse-Desaster ist klar: Wir suchen kein Endlager, wir suchen ein Lager für radioaktive Abfälle. Ob das ein ehemaliges Uranbergwerk ist, in dem ohnehin natürliche Radioaktivität seit Hunderten von Jahrmillionen vorhanden war, oder ob das in Salzen, Tonen, Gneisen oder Graniten liegt, ist egal. Denn wenn sich etwas ändert, ist es sehr einfach wieder zu räumen, gleich aus welchem Gestein. Die geologischen Anforderungen erfüllen Standorte in mindestens sechs Bundesländern. Jetzt geht es um eine politische Entscheidung. Die Geologie sollte dabei nicht länger als Feigenblatt von denen missbraucht werden, die eine politische Entscheidung nicht fällen wollen.

          Zum Autor

          Gregor Markl lehrt Petrologie an der Universität Tübingen. Er war Vorsitzender der Deutschen Mineralogischen Gesellschaft, Direktor des Tübinger Instituts für Geowissenschaften und ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

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