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Wie Meeresmüll verhindern? : Politpoker mit Plastik

  • -Aktualisiert am

Berliner Müll. Bild: dpa

Vierzig Jahre lang ist nichts passiert. Jetzt kümmert sich die große Politik um den Plastikmüll, der in die Meere gespült wird. Ein überzeugendes Konzept dafür allerdings liefert ein anderer.

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          Die Warnung fiel deutlich aus: Plastik und anderer Müll im Meer könne Fischen schaden, Plastikpartikel würden von kleineren Meeresorganismen aufgenommen. In Regionen, in denen sich das Plastik sammle, drohten Schäden für die Umwelt. Eine Verringerung sei dringend nötig. So ähnlich klang es auch, als Bundesforschungsministerin Johanna Wanka am vergangenen Donnerstag in Berlin ein neues Forschungsprogramm über „Ökologische Aspekte von marinem Mikroplastik“ vorstellte, ausgestattet mit 7,5 Millionen Euro von zehn EU-Ländern. Es sei viel zu wenig bekannt über Ausmaß und Auswirkungen der Müllverschmutzung im Meer, sagte Wanka. Deutschland gehe nun „in eine Vorreiterrolle“.

          Doch die zitierte Warnung stammt schon aus dem Jahr 1975. Damals veröffentlichte die amerikanische National Academy of Sciences den Bericht „Assessing Potential Ocean Pollutants“ und riet exakt zu dem, was Wankas Programm erst jetzt leistet - die Entwicklung einheitlicher Messmethoden. Vierzig Jahre nach dem Aufruf ist Mikroplastik, Partikel von weniger als fünf Millimeter Größe, in Eisbohrkernen in der Arktis zu finden.

          Bei der Präsentation der neuen Initiative fiel vor allem auf, wie ungenau die Datenlage über das ist, was für unzählige Meeresorganismen, vom Kleinkrebs bis zum Wal, zu einem oft tödlichen Alltag geworden ist. Von 270 000 Tonnen Plastik, die jährlich im Meer endeten, sprach Wanka. Dagegen bezifferte erst Mitte Februar eine Forschergruppe um Jenna Jambeck von der University of Georgia den jährlichen Eintrag auf 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen, also ein Vielfaches.

          Während die Geomikrobiologin Antje Boetius von der Universität Bremen bei der Präsentation behauptete, dass marine Bakterien nicht in der Lage seien, das Material abzubauen, lieferte 2013 Tracy Mincer aus Woods Hole Hinweise auf genau solche Aktivitäten. Zudem wies Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung darauf hin, dass es bei früheren Messkampagnen erhebliche Fehlerquoten von bis zu 70 Prozent gegeben habe. Wenig ist auch darüber bekannt, wie toxisch das zerfallende Plastik auf Organismen wirkt. Diese lückenhafte Wissensbasis fördert Unter- wie Übertreibungen. So können die Nordseefischer froh sein, dass die fehlerhafte Behauptung in Wankas Begleitmaterial, Mikroplastik befinde sich „inzwischen in fast jedem Magen von Nordsee-Fischen“, nicht von der Boulevardpresse aufgegriffen wurde - das hätte Existenzen gefährden können. Das Ministerium korrigierte die Aussage später.

          Zugemüllt: In Panama-City in Florida hat das Meer Plastik an den Strand gespült.

          Um Größenordnungen folgenreicher ist aber, dass es bisher keine global koordinierten Maßnahmen gegen die Plastikverschmutzung der Meere gibt. Zur deutschen „Vorreiterrolle“, von der Wanka sprach, gehört, dass das Thema von Juni an bei der deutschen Präsidentschaft der Gruppe der sieben großen westlichen Industrienationen, den G7, eine Rolle spielen soll. Doch was sollen sie tun?

          Zirkulierende Pläne, das Plastik wieder aus dem Meer zu filtern, stufte Antje Boetius als Phantasterei ein. Als Möglichkeiten bleiben, den Konsum von Plastik einzuschränken, wie dies die EU nun vor allem mit Tüten tun will; neuartige Kunststoffe zu entwickeln, die sich in Meerwasser ohne toxische Rückstände rasch auflösen; oder Plastik bereits in Flüssen abzufangen, über die der Großteil ins Meer gelangt.

          Am effektivsten wäre es wahrscheilich, vor allem in Asien eine Kreislaufwirtschaft zu fördern. Dazu gibt es seit kurzem eine vielversprechende Initiative, die „Plastic Bank“. Kunststoffe sollen zu wertvoll werden, um sie wegzuwerfen. Die Gründer der Plastic Bank wollen flächendeckend Maschinen aufstellen, die Plastikmüll in einen Grundstoff für 3D-Drucker verwandeln. Dann könnten sich vor allem ärmere Menschen Gebrauchsgegenstände drucken, die sie sich sonst nicht leisten können - der Anreiz, Plastik zu sammeln, wäre groß. Rückenwind durch die G7-Staaten kann die Initiative gut brauchen.

          Die Meeresforscherin Antje Boetius hob in Berlin vor allem die Langfristigkeit des Problems hervor: „Wir schaffen auf dem Meeresgrund eine Plastikschicht, mit der sich unsere Generation markiert“. Ihre Kollegin Melanie Bergmann rückte Leid und Tod der Meeresbewohner in den Fokus. Klar wurde: In den vergangenen vierzig Jahren ist der Preis kollektiver Ignoranz gewaltig gewachsen.

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