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Paläontologie : Der Mensch erschien im Pliozän

Bild: Science

Lucy war gestern. Das Skelett der Frühmenschendame „Ardi“ ist viel älter - und räumt auf mit mancher Idee über die frühe Evolution des Menschen und seine vermeintliche Nähe zu anderen heutigen Primaten.

          Fünfzehn Jahre ist es her, da erschien in Nature ein Artikel über eine bis dahin unbekannte Frühmenschenart aus dem Pliozän, einer geologischen Epoche vor den Eiszeiten. Ardipithecus ramidus (zu Deutsch etwa "Bodenaffe an der Wurzel") nannten Tim White von der University of California sowie zwei Forscher aus Japan und Äthiopien das Wesen, bei dessen Gattung es sich ihrer Meinung nach um "die lange gesuchte Wurzel der Hominiden" handeln könnte, also die Vorläuferin unser eigenen Gattung sowie aller unserer (heute ausgestorbenen) Verwandten, die uns stammesgeschichtlich näher stehen als die Schimpansen.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          "Das war damals eine ziemlich steile These", gesteht Tim White heute. Tatsächlich hatten White und seine Kollegen damals nur ein paar Zähne und Schädelfragmente beschrieben. Immerhin, mit 4,4 Millionen Jahren waren sie älter als jeder andere damals bekannte Frühmenschenfund. Trotzdem: Diese Krümel sollten den berühmten Australopithecus ("Südaffe") als frühesten Vorfahren des Menschen entthronen? Also jene Gattung, von der 1974 mit "Lucy" ein halbwegs vollständiges, 3,2 Millionen Jahre altes Skelett gefunden worden war?

          Sie sollten. Seit vergangenem Freitag ist Lucy ihren Status als Ikone des Frühmenschentums wohl endgültig los. Da präsentierte Science nicht weniger als elf Fachartikel, verfasst von Tim White und 46 weiteren Wissenschaftlern. Auf dem Cover des Hefts prangte etwas, das auf den ersten Blick an Lucy erinnert. Es ist aber "Ardi", das mit 4,4 Millionen Jahren älteste halbwegs vollständige Frühmenschenskelett - eben ein Ardipithecus ramidus.

          Fundort Äthiopien

          Die ersten Fragmente von Ardi waren bereits im November 1994 aufgetaucht, in genau derselben Sedimentschicht, aus der auch jene Splitter stammen, deren Beschreibung White und Kollegen kurz zuvor in Nature veröffentlicht hatten. Der Fundort liegt im Norden Äthiopiens, in einer braunen, von wenigen Bäumen bestandenen Ödnis um das Dörfchen Aramis westlich des Flusses Awash. Diese nur wenige Meter mächtige Sedimentschicht war für die Forscher Traum und Albtraum zugleich. Traumhaft war ihr geologischer Zustand, vor allem, dass sie sich exakt auf 4,4 Millionen Jahre datieren ließ (siehe "Die Zeitkapsel von Aramis"). Und sie steckte voller Fossilien, die allerdings - und das war dann der Albtraum - vor der Ablagerung buchstäblich zerkrümelt worden waren.

          Ardi war da keine Ausnahme. "Ende 1994 hatten wir mehr als 100 Einzelfunde", erinnert sich White, "der Höhepunkt war ein Kieferknochen mit Bezahnung." Fast alles andere war im Wesentlichen fossiler Knochengries. Da ist es ein paläontologisches Wunder, dass sich am Ende - nach 15 Jahren Puzzlearbeit mit einem Instrumentarium, das vom Zahnarztbesteck bis zum Computertomographen reichte - doch noch mehr als 125 Knochenbrösel dem Skelett eines offenbar weiblichen Ardipithecus ramidus zuordnen ließen. Daneben wurden Fragmente 35 weiterer Individuen beiderlei Geschlechts geborgen sowie Abertausende von Fossilien jener Tiere und Pflanzen, die Ardi und ihre Artgenossen damals umgaben.

          Die nun veröffentlichte monumentale Analyse des Fundkomplexes von Aramis wirft ein in vieler Hinsicht neues Licht auf die frühe Evolution des Menschen - und das, obwohl in den 15 Jahren, in denen White und seine Mitstreiter still vor sich hin arbeiteten, ältere Frühmenschenfunde aufgetaucht sind, darunter sogar ältere Vertreter der Gattung Ardipithecus (siehe "Die Fossilien der Menschenfamilie"). Doch nichts davon kommt Ardi gleich. "Erst wenn man verschiedene Teile eines Individuums findet, kann man anfangen, seine Biologie zu verstehen", sagt White.

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