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Offshore-Parks : Öko-Forschung in den Wind geschrieben?

  • -Aktualisiert am

Bild: dapd

Mehr als 10.000 Windanlagen im Meer verändern Lebensräume - und schaffen neue. Sogar attraktive, heißt es. Doch ehe man Genaueres weiß, stoppt die Forschung.

          5 Min.

          Vögel erkennen, ob sich Windräder drehen oder nicht, und weichen aus, Schweinswale werden kaum vom Lärm belästigt: Offenbar beeinträchtigen Windanlagen auf See die Umwelt weniger als befürchtet. Das haben Forscher im Rahmen der Forschungsinitiative „Research at Alpha Ventus“ (Rave) herausgefunden, die den Bau und Betrieb des Testfelds am ersten fertiggestellten deutschen Windpark vor Borkum begleitet. Die ökologischen Untersuchungen des Projekts koordiniert das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg. Jüngst hat die Bundesbehörde die ersten Ergebnisse vorgestellt. Demnach bleiben die größeren Tiere in Luft und Wasser weitgehend unbeeinflusst. Aber was ist mit dem Bodenleben? Die Arbeiten hierzu wurden fürs Erste gestoppt.

          Krebse, Muscheln und Würmer leben am Meeresgrund. Wir haben sie kaum im Blick und unterschätzen deswegen womöglich ihre Bedeutung. Doch wenn sich bei diesen sogenannten Benthosorganismen etwas ändert, kann sich das auf die ganze marine Nahrungskette auswirken, denn das Benthos ist das Nährstoff-Bindeglied zwischen den pflanzlichen Primärproduzentenund höheren Nahrungsebenen. Wie die Bodentiere auf die Offshore-Rotoren reagieren, haben Lars Gutow vom Alfred-Wegener Institut in Bremerhaven und sein Team untersucht. Auch hier zeichnet sich Positives ab: Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten scheint es dem Bodenleben besser zu gehen - nicht trotz, sondern vermutlich gerade wegen der Meereswindmühlen. „Windparks bieten offensichtlich gewisseChancen für den Schutz“, sagt Gutow. Denn: „Eine der größten Belastungen, die wir der Nordsee aufgebürdet haben, ist die Fischerei mit Grundschleppnetzen. Die hat der Lebensgemeinschaft am und im Boden sehr zugesetzt. An den Windparks ist diese Fischerei nun untersagt und die Organismen scheinen sich zu erholen.“

          Miesmuscheln, die einen festen Untergrund brauchen, wachsen nun verstärkt an den Trägerstrukturen der Rotoren. Plötzlich sammelt sich dortenorm viel Biomasse, womöglich 5000 bis 6000 Kilogramm pro Anlage. Damit werden Nährstoffe lokal gebunden. „Das an sich ist kein Problem. In der Nordsee gibt es insgesamt genügend Nährstoffe, die das System füttern. Aber im Nahbereich der Anlagen könnten sich einzelne Stoffflüsse komplett verändern“, erläutert Gutow.

          Bessere Zeiten:  Norbert Röttgen, damals noch Umweltminister von Gnaden der Kanzlerin,  bei der Inbetriebnahme von „Alpha Ventus“ Ende April 2010.

          Sanken zum Beispiel planktonische Algen vorher ungenutzt zu Boden, landen ihre Nährstoffe nun im Magen der Muscheln. Sie werden zu Stoffwechselendprodukten umgebaut oder stecken im Muschelkörper. „Damit kommt eine ganz andere Qualität von Nahrung am Boden an.“ Auf lange Sicht, schätzt der Biologe, könnte dies langlebigere Tiere anziehen, wie etwa Seeigel oder Seesterne. „Vögel, die stattdessen auf angestammte Arten als Futter spezialisiert sind, bleiben dann aus.“

          Die weitere Entwicklung an den neuen, künstlichen „Lebensräumen“ können der Wissenschaftler und seine Kollegenvorerst nicht mehr verfolgen, ihr Projekt wurde gestoppt. Gutow ist enttäuscht, vor allem wissenschaftlich. „Jetzt bleiben angefangene Studien unvollendet. Wie der Link zwischen dem Nahrungsnetz im Mikrobereich und den großen Tieren unter dem Einfluss von Windkraftanlagen auf längere Sicht reagiert, bleibt ununtersucht.“ Da die Prozesse im Bodenleben sehr langsam ablaufen, zeigen sich deren volles Ausmaß und mögliche Folgen frühestens nach drei bis vier Jahren. Doch Alpha Ventus ist erst seit 2010 am Netz. „Die Gelder für das Projekt fehlen also genau in der biologisch entscheidenden Zeit.“

          Auch ein Wissenschaftler aus einem anderen Fachbereich äußert Bedenken: „Die Biologie zum Bodenleben kann damit erst einmal keine aktuellen Daten mehr zuliefern“, fasst Kay Emeis zusammen, der die Küstenforschung am Helmholtz-Forschungszentrum Geesthacht leitet. Zusammen mit seinem Team untersucht Emeis geophysikalische und chemische Prozesse rund um die Windparks. Seine Arbeit ist zwar bisher nicht von Kürzungen, aber indirekt doch betroffen. „Mir fällt nur ein einziger rationaler Grund für den Stopp ein: Das Ökologie-Teilprojekt von „Rave“ war von Anfang an darauf ausgelegt, das Standarduntersuchungskonzept, das Windparkbetreiber für die Genehmigung vorlegen müssen, zu evaluieren und zu verbessern. Das ist von dauerhaft angelegten Beobachtungsstudien zu trennen.“

          Die Homepage des Bundesamtes in Hamburg informiert hierzu, dass im Rahmen der Umweltforschung „neue Methoden (z. B. Erfassungsgeräte)“, aber auch „großräumigere Untersuchungen“ und „umfangreichere Untersuchungen“ erfolgen. Wie umfangreich, steht dort nicht. „In meinen Augen reicht es nicht, Methoden zu verbessern. Um erste Pilotergebnisse zu verifizieren, muss man diese Verfahren dann auch anwenden“, meint Emeis.

          Frischer Wind: Die Anzahl an Windparks in der deutschen Nordsee wird sich in den nächsten Jahren vervielfachen

          Für ein langfristiges Monitoring reicht das Budget jedoch nicht. Christian Dahlke vom BSH, der alle Rave-Umweltstudien koordiniert, bestätigt das. „Es wetteifern immer verschiedene Interessen miteinander. Grundsätzlich verstehe ich, dass die Wissenschaft Daten immer wieder neu prüfen und bestätigen will. Ich bin dagegen dafür verantwortlich, dass Forschungsgelder so verteilt werden, dass vor allem praxisrelevante Ergebnisse herauskommen“, so der Jurist. Mit den vorliegenden Schätzungen „hat die kleinräumige Benthosforschung bereits erreicht, was sie sollte. Weiteres Monitoring mag Nuancen mehr Erkenntnis liefern. Aber was jetzt nach zwei Jahren ist, wird sich auch ein Jahre später nicht grundlegend verändert haben.Nur um das noch einmal zu bestätigen, kann ich keine Gelder bewilligen. Dafür sind fünf Millionen Euro für alle Studien zusammen zu knapp.“

          Daneben sprechen aber auch wichtige Gründe für eine fortlaufende Umweltdatenerfassung. Ullrich Knopf ist Projektleiter Offshore beim „Tüv Süd Industrie-Service“ in Hamburg, der Zertifizierungen von Windparks vornimmt. Knopf interessiert vor allem der Bewuchs auf den Tragstrukturen der Anlagen, denn der beeinflusst die Stabilität: „Die Unterbauten haben einen bestimmten Durchmesser. Vergrößert sich der Durchmesser durch Bewuchs, entstehen durch die gleiche Welle wesentlich stärkere Kräfte an der Anlage.“Aber wie dick genau wachsen die Muschelschichten genau? Solche Daten sind Mangelware für die südliche Nordsee. Knopf hat lange gesucht, bis er auf Gutow gestoßen ist und entsprechende Informationen bekommen hat.

          Was aber tun, wenn diese fehlen? „Wir können uns natürlich immer auf die Richtlinien zurückziehen, die verfügbar sind“, sagt Knopf. Die allerdings lauten recht vage und sind ergänzungsbedürftig. Det Norske Veritas,eine Stiftung, die sich mit der Weiterentwicklung von Standards beschäftigt, macht jedoch keine Vorgaben über die erlaubte Bewuchsdicke von Unterwasserbauten im fraglichen Seegebiet. Und der Germanische Lloyd gibt hierzu an, man solle auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Doch es geht bei neuen Technologien ja gerade darum, bestehende Standards weiterzuentwickeln. „Letztlich geht es um Sicherheit und dafür ist es immer besser, fortlaufend vor Ort zu messen“, plädiertKnopf.

          Sicherheit und Risiko neuer Energietechniken auszuloten gehört zu den Aufgaben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, das die Rave-Studien in Auftrag gegeben hatte. Auf Anfrage antwortete der stellvertretende Pressesprecher Jürgen Maaß: „Projekte der Windenergie sind und bleiben ein Schwerpunkt der Förderung des BMU. Auch die ökologische Begleitforschung, insbesondere von Offshore-Projekten, ist weiterhin wichtig. In diesem Bereich sind keine Mittelabsenkungen geplant.“ Insgesamt gesehen sind also womöglich keine Kürzungen zu erwatren, dennoch gibt es nicht unbegrenzt Geld und Einzelprojektebleiben auf der Strecke. Gutows Benthosstudien jedenfalls bleiben vorerst wissenschaftlich unvollendet - ein Verlust an Wissen und Forschungsgeldern, die bereits dafür ausgegeben wurden.

          Was das Forschungstestfeld Alpha Ventus anbelangt fällt auf, dass nur ein Zehntel der insgesamt rund 50 Millionen Euro zur Klärung von ökologischen Fragen ausgegeben wird. Das Gros fließt in die Technikentwicklung - etwa in ein Dimensionierungskonzept inklusive Wirtschaftlichkeitsprüfung für Tragstrukturen oder verbesserte Rotorblätter. Schließlich soll die steife Brise an der Küste dem Atomausstieg und dem Klimaschutz ordentlich Rückenwind geben. In Zukunft sollen sich mehr als 10 000 Rotoren allein in der Nordsee drehen: Laut der Deutschen Energie Agentur sind vier Parks in Betrieb mit derzeit 94 und künftig über 520 Rotoren. 23 Offshore-Parks mit 4025 Anlagen sind im Bau oder in Planung und für weitere 54 Parks mit 6348 Anlagen laufen die Genehmigungsverfahren.

          Das Fundament des Umspannwerks wurde mit einem Schwimmkran aufgestellt und dreissig Meter tief auf dem Meeresgrund verankert

          Diese schiere Menge greift nicht nur in Lebensräume ein, sie schafft ganz neue Lebensräume. Wie es dort dann weitergeht, lässt sich kaum einschätzen. Deswegen verfolgt die Forschung derzeit einen neuen Ansatz, der die ganze Küste im Blick hat und Beobachtungen sowie theoretische Modelle zusammen bringt.

          Mögen im Fall der Benthosstudien rund um Alpha Ventus die Ansichten auseinandergehen, ineinem Punkt sind sich nahezu alle Forscher einig: Erst wenn mehr empirisches Wissen vorhanden ist, wird man etwas Nachhaltiges über die ökologischen Effekte der gewaltigen Windparks erfahren. Das setzt allerdings voraus, dass die Einzelstudien dann bis zum Ende laufen können.

          Die Windfrage: Öko oder Ökotechnik - was meinen Sie?

           

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