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Offshore-Parks : Öko-Forschung in den Wind geschrieben?

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Daneben sprechen aber auch wichtige Gründe für eine fortlaufende Umweltdatenerfassung. Ullrich Knopf ist Projektleiter Offshore beim „Tüv Süd Industrie-Service“ in Hamburg, der Zertifizierungen von Windparks vornimmt. Knopf interessiert vor allem der Bewuchs auf den Tragstrukturen der Anlagen, denn der beeinflusst die Stabilität: „Die Unterbauten haben einen bestimmten Durchmesser. Vergrößert sich der Durchmesser durch Bewuchs, entstehen durch die gleiche Welle wesentlich stärkere Kräfte an der Anlage.“Aber wie dick genau wachsen die Muschelschichten genau? Solche Daten sind Mangelware für die südliche Nordsee. Knopf hat lange gesucht, bis er auf Gutow gestoßen ist und entsprechende Informationen bekommen hat.

Was aber tun, wenn diese fehlen? „Wir können uns natürlich immer auf die Richtlinien zurückziehen, die verfügbar sind“, sagt Knopf. Die allerdings lauten recht vage und sind ergänzungsbedürftig. Det Norske Veritas,eine Stiftung, die sich mit der Weiterentwicklung von Standards beschäftigt, macht jedoch keine Vorgaben über die erlaubte Bewuchsdicke von Unterwasserbauten im fraglichen Seegebiet. Und der Germanische Lloyd gibt hierzu an, man solle auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Doch es geht bei neuen Technologien ja gerade darum, bestehende Standards weiterzuentwickeln. „Letztlich geht es um Sicherheit und dafür ist es immer besser, fortlaufend vor Ort zu messen“, plädiertKnopf.

Sicherheit und Risiko neuer Energietechniken auszuloten gehört zu den Aufgaben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, das die Rave-Studien in Auftrag gegeben hatte. Auf Anfrage antwortete der stellvertretende Pressesprecher Jürgen Maaß: „Projekte der Windenergie sind und bleiben ein Schwerpunkt der Förderung des BMU. Auch die ökologische Begleitforschung, insbesondere von Offshore-Projekten, ist weiterhin wichtig. In diesem Bereich sind keine Mittelabsenkungen geplant.“ Insgesamt gesehen sind also womöglich keine Kürzungen zu erwatren, dennoch gibt es nicht unbegrenzt Geld und Einzelprojektebleiben auf der Strecke. Gutows Benthosstudien jedenfalls bleiben vorerst wissenschaftlich unvollendet - ein Verlust an Wissen und Forschungsgeldern, die bereits dafür ausgegeben wurden.

Was das Forschungstestfeld Alpha Ventus anbelangt fällt auf, dass nur ein Zehntel der insgesamt rund 50 Millionen Euro zur Klärung von ökologischen Fragen ausgegeben wird. Das Gros fließt in die Technikentwicklung - etwa in ein Dimensionierungskonzept inklusive Wirtschaftlichkeitsprüfung für Tragstrukturen oder verbesserte Rotorblätter. Schließlich soll die steife Brise an der Küste dem Atomausstieg und dem Klimaschutz ordentlich Rückenwind geben. In Zukunft sollen sich mehr als 10 000 Rotoren allein in der Nordsee drehen: Laut der Deutschen Energie Agentur sind vier Parks in Betrieb mit derzeit 94 und künftig über 520 Rotoren. 23 Offshore-Parks mit 4025 Anlagen sind im Bau oder in Planung und für weitere 54 Parks mit 6348 Anlagen laufen die Genehmigungsverfahren.

Das Fundament des Umspannwerks wurde mit einem Schwimmkran aufgestellt und dreissig Meter tief auf dem Meeresgrund verankert

Diese schiere Menge greift nicht nur in Lebensräume ein, sie schafft ganz neue Lebensräume. Wie es dort dann weitergeht, lässt sich kaum einschätzen. Deswegen verfolgt die Forschung derzeit einen neuen Ansatz, der die ganze Küste im Blick hat und Beobachtungen sowie theoretische Modelle zusammen bringt.

Mögen im Fall der Benthosstudien rund um Alpha Ventus die Ansichten auseinandergehen, ineinem Punkt sind sich nahezu alle Forscher einig: Erst wenn mehr empirisches Wissen vorhanden ist, wird man etwas Nachhaltiges über die ökologischen Effekte der gewaltigen Windparks erfahren. Das setzt allerdings voraus, dass die Einzelstudien dann bis zum Ende laufen können.

Die Windfrage: Öko oder Ökotechnik - was meinen Sie?

 

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