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Zunderschwamm : Ötzi auf Tinder

Da knistert es: Der Zunderschwamm – englisch: „Tinder“ – kann es ganz schön heiß werden lassen. Bild: Charlotte Wagner

Das Feuerzeug des Mannes liegt im Wald. Ein besonderer Pilz, der zur jungsteinzeitlichen Outdoor-Ausrüstung zählte.

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          Seit dem 22. Dezember,  5.19 Uhr, ist auch astronomisch gesehen Winter. Der Herbst ist definitiv vorbei und damit auch die Zeit der Pilze. Sofern ihre Fruchtkörper nicht schon Schnecken, Wildschweinen oder Pilzsammlern zum Opfer fielen, sind sie nun vergammelt. Das heißt, die meisten von ihnen. Einige bilden dauerhafte Schirme, die konsolenförmig an Bäumen sitzen und im Laufe der Jahre sogar weiterwachsen. In gemäßigten Regenwäldern wie denen Tasmaniens können sie so groß wie Waschbecken werden.

          Ulf von Rauchhaupt
          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn man dergleichen bei uns antrifft, so handelt es sich oft um den Zunderschwamm (Fomes fomentarius) aus der Ordnung der Stielporlingsartigen. Meistens siedelt er an nicht mehr ganz fitten oder bereits abgestorbenen Buchen. Für den Menschen war er lange der wichtigste unter den Ständerpilzen. Auch Ötzi führte ein daraus hergestelltes Produkt mit sich. Zusammen mit einem Stück Pyrit fungierte es als das Feuerzeug des Mannes, der um 3200 v. Chr. hoch in den Alpen wahrscheinlich einer Pfeilwunde erlag, bald darauf einschneite und dadurch samt seiner spätneolithischen Outdoor-Ausrüstung tiefgefroren überdauerte.

          Durch Zusammenschlagen von Pyrit und Feuerstein erzeugte Ötzi Funken, die das Pilzmaterial zum Glimmen brachten, womit sich mit etwas Geschick ein Feuer anzünden ließ. Daher der Name Zunder, dessen englische Entsprechung „Tinder“ heute so manchem wieder Knistern und Brenzligkeit verheißt, wenn auch der etwas anderen Sorte.

          Ohne Fachkenntnis bleibt es kalt

          Ein Feuer mit Pilzzunder zu entfachen, dazu dürften heute wesentlich weniger Menschen in der Lage sein, selbst wenn sie wissen, dass man dazu nicht einfach den Pilz selbst hernehmen kann. Vielmehr gilt es, zunächst sein Hutfleisch, die sogenannte Trama (lateinisch für „Gewirk“), von der oberen Kruste sowie dem darunter gelegenen Röhrengewebe zu trennen. Die Trama wird dann in Stücke geschnitten und zusammen mit Pflanzenasche mehrere Stunden lang gekocht. Die Asche enthält Kaliumoxid, das mit Wasser zu einem stark basischen Hydroxid reagiert. Die heiße Kalilauge macht das Pilzfleisch mürbe, so dass es nach dem Trocknen durch Klopfen und Walken zu einer filzigen Masse weiterverarbeitet werden kann. Erst diese taugt zum Funkenfänger.

          Das ist nicht das Einzige, was sich mit dem Zunderschwamm anstellen lässt. So werden ihm allerhand Heilkräfte nachgesagt. Blutstillend soll er wirken und antibakteriell. Allerdings ist der Birkenporling (Fomitopsis betulina) hier vielleicht wirksamer – auch Ötzi hatte welchen dabei, mutmaßlich zu medizinischen Zwecken. Wissenschaftlich greifbarer ist ein Heileffekt von Zunderschwamm für Bienen: 2018 wiesen amerikanische Forscher in Scientific Reports nach, dass ein Extrakt aus dem Pilz gegen Viren hilft, die von der unter Imkern gefürchteten Milbe Varroa destructor übertragen werden. Dazu passen Beobachtungen von Bienen, die sich an Pilzmyzel gütlich taten.

          Schließlich lassen sich aus der Trama des Zunderschwamms auch treffliche Kappen oder Handtaschen mit einer wildlederartigen Haptik herstellen; ein Zentrum dieses Handwerks hat sich in Resten in Rumänien erhalten. Für Schuhsohlen ist das Material den transsylvanischen Pilzkürschnern offenbar nicht widerstandsfähig genug. Als Obermaterial aber findet es in veganem Schuhwerk Verwendung, das im Internet angeboten wird. Wobei hier eine Grundsatzdiskussion noch aussteht: Pilze stehen den Tieren stammesgeschichtlich deutlich näher als jede Pflanze.

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