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Schrumpfendes Ozonloch : Der Kreis schließt sich

Das Ozonloch über der Antarktis am 24.09.2006 (r.) und am 09.06.2013 auf einer Computergrafik Bild: NASA/dpa

Dass die Weltgemeinschaft je ihre globalen Umweltprobleme in den Griff bekommen könnte, schien aussichtslos. Jetzt ist belegt: Das Ozonloch heilt – und lässt die Ökokritiker alt aussehen.

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          Freuen wir uns, das Ozonloch über dem Südpol erholt sich. Endgültig, sagen die Wissenschaftler. Eine gute Nachricht, eine historische mithin. Eine von der Sorte, mit der man zumindest die älteren Gesellen im AfD-Lager mächtig ärgern kann, weil für sie das Ozonloch genauso wie das Waldsterben und der Klimawandel nie wirklich existiert haben. Erinnern wir uns: Lange vor den „Lügenpresse“-Netzkampagnen hatte die Umweltbewegung einiges an schriller Demagogie („Ökofaschismus“) zu schlucken. Dabei hatte sie oft genug nur den (staatlich finanzierten) wissenschaftlichen Ermittlungsstand aufgegriffen, was ihnen bei dem in den achtziger Jahren aufgetauchten Ozonloch auch gar nicht anders möglich war, weil für sie die Stratosphäre in über fünfzehn Kilometern Höhe am Pol nicht gerade einfach zu erreichen ist.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Damals, in den Achtzigern, wurden apokalyptische Szenarien verbreitet, nachdem britische Polarforscher über dem Südpol eine gefährliche Ausdünnung der Ozonkonzentration entdeckt hatten. Die Ozonhülle schützt uns vor der gefährlichen Ultraviolettstrahlung und damit vor Hautkrebs. Der Mainzer Atmosphärenchemiker Paul Crutzen und zwei Kollegen, denen dafür später der Nobelpreis zuerkannt wurde, hatten die Schuldigen schnell gefunden: FCKW-Gase. Extrem stabile halogenierte Kohlenstoffverbindungen, die Chlor und Brom enthalten und von der Industrie schon in rauhen Mengen als Treib- und Kühlmittel eingesetzt wurden. Sie sammelten sich in der Atmosphäre an und setzten, angetrieben von den ersten Lichtstrahlen nach der Polarnacht, hoch oben auf den polaren Eiswolken eine zerstörerische Kaskade in Gang. Schnell hatte der Schock über das Ozonloch länderübergreifend die Politik erfasst. Die Gegenkampagnen der Industrie liefen ins Leere.

          In klimapolitischer Hinsicht ein Markstein

          So kam die Wende. Mit dem „Montrealer Protokoll“ von 1987 und den Nachbesserungen 1990 in London wurde ein bis dahin einmaliges weltweites Produktionsverbot für bestimmte FCKW-Verbindungen in zehn Jahren durchgesetzt. Ein Etappensieg des Multilateralismus. Als die Staatengemeinschaft zwei Jahre später in Rio zum „UN-Erdgipfel“ noch drei weitere Umweltkonventionen und zwei Rio-Deklarationen vereinbarten, schien es nur eine Frage der Zeit, bis sich der Nachhaltigkeitstraum der Umweltbewegten erfüllen würde. Daraus wurde halbwegs ein Albtraum. Wüsten-, Bio- und Klimakonventionen, letztere vor allem mit dem Kyoto-Protokoll, brachten zwar einen lebendigen Konferenzzirkus hervor; realpolitisch aber sind die Umweltverträge nie aus dem Schatten des ökonomischen Primats herausgetreten und standen deshalb auch bald auf dem Neben- oder Abstellgleis. Je energischer die Wissenschaft die globalen Probleme aufbereitete und je schärfer die Kampagnen, desto hartleibiger wurde der Widerstand. Dass die Weltgemeinschaft je ihre globalen Umweltprobleme in den Griff bekommen könnte, ja diese überhaupt jemals überall ernst genommen würden, schien aussichtslos. Das Gefeilsche hörte einfach nicht auf.

          Nur eines, und das war im vergangenen Dezember durchaus ein Punkt, als man das Pariser Klimaabkommen zum Abschluss brachte, hat die Umweltbewegten nie verzagen lassen: Das Montrealer Protokoll schien zu greifen, der FCKW-Ausstieg funktionierte. Nicht dass das Produktionsverbot für Kältemittel mit dem weltwirtschaftlich völlig anders gelagerten Entzug von der fossilen Brennstoffdroge zu vergleichen wäre; auch die Mehrheitsentscheidungen waren beim Montrealer Protokoll anders, und die Suche nach dem Königsweg ist im Labyrinth der Klimadiplomatie ungleich schwieriger. Dennoch dürften die Zeichen einer zweifelsfreien Erholung der Ozonschicht, die jetzt mit dem bisher besten Datenmaterial belegt wurde, künftig auch in klimapolitischer Hinsicht als Markstein gelten. Planetare Solidarität kann sich auszahlen, auch gegen Widerstände.

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