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Der Wald und das Weltklima : Ist hier noch Platz für eine Billion Bäume?

Wo ist Grönland geblieben? Die arktische Insel fehlt auf dieser Karte des weltweiten Waldbestandes (Grün und Gelb) und seiner Änderungen (übrige Farben) des Global-Forest-Change-Projektes der University of Maryland ebenso wie Spitzbergen und die Antarktis - schlicht weil dort keine Wälder wachsen, zumindest zu den gegenwärtigen klimatischen Bedingungen auf der Erde. Bild: M. C. Hansen et .al. Science 15 Nov 2013: Vol. 342, Issue 6160, pp. 850-853 DOI: 10.1126/science.12

Die gute Nachricht lautet: Die Hälfte aller Flächen, die auf einer menschenleeren Erde bewaldet wären, sind es noch immer. Die schlechte: Wir brauchen ganz dringend mehr Wälder – und zwar sehr bald!

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          Sauerstoffmangel ist eine Urangst des Menschen. Daher ist verständlich, wenn so mancher seiner Abscheu über die jüngsten Brände in Brasilien mit dem Hinweis Nachdruck verlieh, die Regenwälder des Amazonas produzierten „20 Prozent des Sauerstoffs unseres Planeten“. Dies twitterte etwa der französische Präsident Emmanuel Macron am 22. August 2019 über einem Bild lichterloh brennender Urwaldwipfel, und auch der UN-Generalsekretär soll diese Zahl verbreitet haben.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Allein, sie ist falsch. Wie Yadvinder Malhi, der Direktor des Oxford Centre for Tropical Forests, in seinem Blog vermutet, handelt es sich dabei um den großzügig aufgerundeten Anteil von 16 Prozent, den die Wälder am Amazonas zur globalen Landpflanzen-Photosynthese beisteuern. Berücksichtigt man aber, dass 42 Prozent der Photosynthese des Planeten von Meeresorganismen, dem Phytoplankton, geleistet wird, schrumpft der Anteil des Amazonas auf 9 Prozent. Doch mehr als die Hälfte des dabei abgesonderten Sauerstoffs wird des Nachts von denselben Urwaldpflanzen, die ihn tagsüber produziert haben, wieder verbraucht. Aber auch den Rest schluckt das Ökosystem Wald wieder selbst, vor allem die Aktivität der Mikroorganismen, die abgestorbenes Pflanzenmaterial zersetzen. Über kürzere als geologische Zeiträume betrachtet, ist die Sauerstoffproduktion eines Waldes unterm Strich gleich null.

          Wozu dann Wälder?

          Trotzdem sind Wälder wichtig. Bevor der Mensch vor rund 12.000 Jahren mit dem Ackerbau und damit den ersten Rodungen begann, wuchsen auf unserem Planeten 6,6 Billionen Bäume. Heute sind es noch etwas über drei Billionen. Der britische Ökologe Thomas Crowther, der heute an der ETH Zürich lehrt, hat dies 2015 zusammen mit seinen Mitarbeitern aus einer Kombination von Satellitendaten und Zählungen am Boden ermittelt. Heute werden Crowther zufolge jedes Jahr etwa 15 Milliarden Bäume gefällt. Dabei brauchen wir Wald, und nicht nur zur Verzierung von Golfplätzen, sondern als Lebensraum für Tiere und Pflanzen, als Bestandteil des Klimasystems, als Speicher für Feuchtigkeit und mehr denn je als Senke für Kohlenstoff. Bäume entfernen CO2 aus der Atmosphäre, bauen den darin enthaltenen Kohlenstoff längerfristig in ihr Holz ein und reichen ihn durch Laubfall und Wurzelbildung an die Böden weiter. Je weniger Wälder es gibt, desto mehr verschiebt sich das Gleichgewicht zwischen Aufnahme und Freisetzung von Kohlenstoff durch die Biosphäre in Richtung eines höheren Gehaltes an atmosphärischem Kohlendioxid, was mittel- bis langfristig die globalen Durchschnittstemperaturen steigen lässt.

          Daher ist die Häme darüber, dass das von Macron getwitterte Feuerfoto vor 2003 aufgenommen wurde, genauso wohlfeil wie der Hinweis, in Brasilien sei in den vergangenen Wochen doch weniger intakter Urwald in Brand gesteckt worden als Pflanzenmaterial bereits gerodeter Flächen. Wo es jetzt brennt, war in aller Regel einst Urwald. Seit 1970 wurden allein im brasilianischen Teil des Amazonasbeckens 80 Millionen Hektar Wald zerstört – mehr als das Doppelte der Fläche Deutschlands. Und Brasilien ist lange nicht das einzige Problem, wie man auf obiger Weltkarte sehen kann.

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