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Ökofrevel im Auenland

Von ANDREAS FREY

29. April 2020 · Neuseeland gilt als das umweltbewusste Musterland, wo die Koexistenz von Natur und Wohlstandsgesellschaft zu gelingen scheint. Die Realität sieht leider anders aus.

Düngung aus der Luft im Tukituki-Tal in der Region Hawke’s Bay auf der Nordinsel. Dieses „Top Dressing“ erlaubt das Düngen der hügeligen Weiden und etablierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem viele Neuseeländer als Piloten in der Royal Airforce gedient hatten. Foto: Mauritius

M omentan kommt niemand mehr nach Neuseeland, der kein Neuseeländer ist oder dort wohnt. Das abgelegene Land ist dabei von der aktuellen Pandemie bislang sehr viel weniger betroffen als etwa Deutschland, wo pro einer Million Einwohner mehr als zwanzigmal so viele Menschen mit Covid-19-Infektion gestorben sind. Doch schon vor der Pandemie erwartete Aotearoa, wie das Land auf Maori heißt, seine Gäste mit strengen biologischen Einreiseformalitäten. Die Biosecurity-Behörde scannt jedes Gepäckstück auf undeklarierte Wanderschuhe, Zelte oder Lebensmittel, auf denen sich Schädlinge oder Erreger von Pflanzenkrankheiten einschleichen könnten, und verhängt gefürchtet hohe Bußgelder. Das Land möchte seine einzigartige Flora und Fauna schützen. Das ist „Kaitiakitanga“, wie es auf Maori heißt, der richtige Umgang mit dem Anvertrauten. Seit Herbst vergangenen Jahres muss jeder Tourist eine Steuer bezahlen, die dem Naturschutz zugutekommt. Das Traumland am anderen Ende der Welt, so scheint es, lebt wie die Hobbits ganz im Einklang mit der Natur. Von diesem Image lebt nicht zuletzt der Fremdenverkehr, um den sich in Neuseeland seit 1901 das heute älteste Tourismusministerium der Welt kümmert.

Doch Neuseeland hat eine dunkle Seite. Es beutet seine Natur immer erbarmungsloser aus. Die Landwirtschaft und allmählich auch der Tourismus gefährden mittlerweile ganze Ökosysteme. Zahlreiche Arten sind vom Aussterben bedroht, und der Mensch dringt weiter in bisher unberührte Landschaften vor. Das Naturparadies steht vor dem Kollaps.

Zu diesem drastischen Ergebnis kommen nicht überbesorgte Ökologen, sondern die Regierung selbst. Ein Jahr ist es her, dass Umweltministerium und Statistikamt einen Bericht vorlegten, der den Schaden umfänglich dokumentiert. Besonders gefährdet sind demnach Flüsse und Seen, 95 Prozent aller Fließgewässer im Tiefland sind verschmutzt. Die Wasserqualität ist dort so schlecht, dass in den meisten von ihnen nicht gebadet werden darf. In jedem zweiten Fließgewässer liegt die Kontamination mit Bakterien um ein Fünffaches über den Richtlinien des Gesundheitsministeriums.

Ein toter Kauri-Baum in einem Wald bei Auckland Foto: Getty

Dazu sind Böden kontaminiert oder degradiert, landesweit verschwinden Feuchtgebiete. Insgesamt sind in Neuseeland mittlerweile fast viertausend einheimische Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Unter Stress stehen auch die empfindlichen Ökosysteme in den Meeren um die beiden Hauptinseln. Und die Aussichten sind ernüchternd: Der Klimawandel wird die angespannte Lage in den kommenden Jahrzehnten noch weiter verschlimmern, an Land ebenso wie im Meer.

Wer als Individualtourist durch das Land reist, merkt von der Umweltbelastung allerdings nicht viel. Die Strände sind immer noch golden, das Meer türkis, die Seen glasklar. Man bestaunt Gletscherzungen, die bis in Regenwälder hineinreichen, man sieht einsame Buchten, zischende Geysire, majestätische Vulkane. Und man marschiert auf den Great Walks durch schier endloses Grün.

Wer aber genauer hinsieht, kann die Folgen der Naturausbeutung durchaus erkennen. So stehen im Land der Schafe immer mehr Kühe auf den Weiden. Viele Farmer stellen auf Milchwirtschaft um, und inzwischen ist das weiße Gold das mit Abstand wichtigste Exportgut Neuseelands. Mehr als zehn Millionen Kühe rupfen mittlerweile ihr Gras auf den endlosen Weideflächen, sieben Millionen Stück Milchvieh und dreieinhalb Millionen Fleischrinder. Auf jeden Neuseeländer kommen also zwei Rinder, womit sich die Zahl der Wiederkäuer seit den neunziger Jahren fast verdoppelt hat. Hauptsächlich waren es Milchkühe; die Zahl der Fleischrinder sank im gleichen Zeitraum um mehr als ein Viertel. Seit 1989 haben sich die Exporte neuseeländischer Milchprodukte vervierfacht, die Erlöse sogar verachtfacht. 95 Prozent der produzierten Mengen gehen ins Ausland. Vor allem China kann vom neuseeländischen Milchpulver nicht genug bekommen.

Im selben Zeitraum hat sich die Zahl der Schafe in Neuseeland fast halbiert, von 50 auf 27 Millionen. Dieser Wandel von einer extensiven Schafwirtschaft zu einer intensiven Milchwirtschaft hatte massive Konsequenzen für die Umwelt: Kühe brauchen mehr Platz, sie produzieren mehr Gülle, Dung und Methan, zudem hat ihr Urin einen höheren Stickstoffgehalt als der von Schafen. Und neuseeländische Kühe stehen das ganze Jahr auf der Weide. Dadurch gehen Schätzungen zufolge zwei Drittel der in neuseeländischen Gewässern nachgewiesenen Nitrate auf das Konto der Milchwirtschaft. Dabei sind die Fluren vieler Landesteile gar nicht als Kuhweiden geeignet. Damit Grünfutter überhaupt gedeiht, streuen die Farmer tonnenweise Kunstdünger aus. Die Mengen haben sich in zwanzig Jahren versechsfacht.

Kühe nahe Hamilton auf der Nordinsel, unweit des Ortes, an dem die Szenen des Hobbit-Dorfes in der Verfilmung von Tolkiens „Der Herr der Ringe" gedreht wurden. Foto: Bloomberg



Und nicht nur dieser Trend hat es in sich: Die Milchwirtschaft verbraucht Unmengen von Wasser. Die meisten Viehfarmen sind ausgerechnet dort, wo es am wenigsten regnet. Ohne Bewässerung gäbe es für die Kühe nichts zu fressen. Doch dieses Wasser fehlt später in den Flüssen und den Feuchtgebieten, folglich sinkt der Grundwasserspiegel. Bewässert werden die Felder von haushohen Beregnungsanlagen, lang wie Güterzüge. Damit sie über die Felder ziehen können, werden Baumreihen abgeholzt und Uferböschungen entfernt. Die Folgen dieses Kahlschlags sind fatal: Fallwinde trocknen die Böden aus und wehen sie fort – Starkregen spült den mit Dünger und Dung kontaminierten Schlamm schließlich in die Flüsse. Die Folgen sind massive Belastungen mit Nitrat und Phosphat.

Nun sind die Kiwis, wie sich die Neuseeländer selbst nennen, kein ängstliches Völkchen, auch und gerade in Krisenzeiten wie diesen. Trotzdem nehmen sie die Verschmutzung ihrer Gewässer als das mit Abstand größte Umweltproblem wahr, wie Umfragen zeigen. Tatsächlich sind drei Viertel aller heimischen Süßwasserfische vom Aussterben bedroht. Bis sich die Ökosysteme wieder erholen, wird es Jahrzehnte dauern. Jacinda Ardern, die Premierministerin, sprach sogar von mindestens einer Generation.

Die Verschmutzungen der Gewässer sind mehr als nur ein Ärgernis für passionierte Naturfreunde. Sie sind eine Gefahr für die Gesundheit der Menschen. Dreieinhalb Jahre ist es her, dass die Bewohner der Kleinstadt Havelock North auf der Nordinsel kontaminiertes Trinkwasser tranken. Etwa 5000 Menschen wurden krank davon, vier starben. Schuld waren Fäkalien von Schafen, die in das Leitungswasser gelangt waren. Auf der Südinsel schwimmt die Fäkalienbrühe mitunter sichtbar in kleinen Rinnsalen den Flüssen zu. Die Gesundheitsgefahr, die davon ausgeht, ist ungleich größer. Kuhdung enthält Campylobacter, einen Durchfallerreger. In Neuseeland ist die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken, doppelt so hoch wie in Großbritannien und dreimal so hoch wie in Australien.

Besonders hoch ist die Gefahr in der Region Canterbury auf der Ostseite der Südinsel. Die Gegend um die Großstadt Christchurch gehört zu den trockensten Regionen des Landes, denn sie liegt genau im Regenschatten der neuseeländischen Alpen, dem topographischen Rückgrat der Insel. Der Westen der Südinsel ist daher nass, der Osten trocken, zuweilen bis hin zur Dürre, wobei zwischen dem Übermaß und dem Mangel an Regen nur ein paar hundert Kilometer liegen. Und ausgerechnet der trockene Osten der Südinsel ist nun zum Hotspot der neuseeländischen Milchwirtschaft geworden, satte Weiden, so weit das Auge reicht, doch keine Region ist stärker verschmutzt. Wirklich grün sind hier nur die Algenblüten in den Gewässern. Schwangeren wird geraten, Leitungswasser lieber nicht zu trinken. Deutlich erhöhte Nitratwerte stehen im Verdacht, das Blue-Baby-Syndrom auszulösen, eine schwere Missbildung des Herzens. Zudem häufen sich in der Region Canterbury die Darmkrebsfälle, deren Zusammenhang mit der Milchwirtschaft bislang allerdings nicht belegt ist.

Bewässerung bei Ashburton in der Region Canterbury, denn die Berge im Hintergrund halten den Regen zurück. Foto: Imagebroker/Fotofinder

D er schärfste und zugleich lauteste Kritiker der ungezügelten Landwirtschaft Neuseelands ist der Gewässerökologe Mike Joy von der University of Wellington. Er halte die Kontamination der Gewässer in Canterbury für eine der schlimmsten Umweltkatastrophen in der Geschichte des Landes, schrieb er vergangenen Sommer in einem Gastbeitrag für die New York Times. Umweltbestimmungen seien in Canterbury außer Kraft gesetzt, nach außen jedoch versuche Neuseeland, das Problem herunterzuspielen, um das saubere Image nicht zu gefährden. „Stattdessen erzählen wir der Welt von unseren Hobbits, unseren makellosen Flüssen, unserer unberührten Natur, doch diese Dinge sind alle erfunden.“ Joy mag der lauteste Kritiker sein, allein ist er nicht. Russell Death von der Massey University in Palmerston North appellierte schon mehrmals an die Behörden, die Ökologen nicht weiter zu ignorieren. Auf einer Konferenz bemängelte er, dass sich die Lage noch immer nicht bessere, obwohl es sogar schon Tote gab. „Ich dachte wirklich, dass sich etwas ändert, sobald die ersten Menschen sterben“, sagte er, „aber das scheint nicht der Fall zu sein.“ Und auch Umweltminister David Parker machte sich bei der Milchindustrie keine Freunde, als er aussprach, was alle sehen: Neuseeland hat zu viele Kühe.

Die Umweltkrise allein den Landwirten in die Schuhe zu schieben wäre aber falsch. Es sind am Ende auch die Touristen, die das Land langsam an die Grenzen der Belastbarkeit bringen. Die meisten Menschen besuchen das Land im südhemisphärischen Sommer, also in den Monaten Dezember, Januar und Februar. Knapp vier Millionen Touristen kommen jedes Jahr ins Land, fast so viele Menschen, wie in Neuseeland leben. Das Land ist dünn besiedelt, insofern können sich die Menschen gut verteilen. Doch zur Hauptsaison wird es sogar in Neuseeland eng. Die Infrastruktur, so sagen es viele Einheimische, sei nicht für so viele Menschen ausgerichtet. Die großen Fernstraßen sind vergleichbar mit deutschen Landstraßen und während der Urlaubszeit verstopft durch Lastwagen, Pick-up-Trucks und Campermobilen. Immer wieder kommt es zu schlimmen Unfällen. Zudem zerstören Erdbeben und Starkregen regelmäßig ganze Straßenabschnitte, so blieb etwa der State Highway 6 entlang der Westküste Ende des vergangenen Sommers nach mehreren Erdrutschen wochenlang gesperrt. „Neuseelands Straßen sind anders“, heißt es auf Schildern entlang der State Highways. „Planen Sie mehr Zeit ein.“

Die Folgen des Massentourismus zeigen sich nicht nur auf den Straßen. Selbst einige der 14 Nationalparks sind in den Sommermonaten proppenvoll, manche Unterkünfte Monate im Voraus ausgebucht. Echten Ökotourismus gibt es im auch politisch ziemlich grünen Neuseeland erstaunlicherweise erst wenig. Stattdessen wird sogar in den sakrosankten Nationalparks so manches nicht immer naturnahe Outdoorspektakel angeboten: Heli-Skiing, Off-Road-Driving, mit 50 Sachen über malerische Strände brettern. Über den Naturdenkmälern brummen Flugzeuge und Hubschrauber – man will ja noch mal schnell hoch auf den malerischen Gletscher fliegen, bevor ihn der Klimawandel dahinrafft.

Der Nationalpark Abel Tasman im Norden der Südinsel ist der kleinste und zugleich beliebteste. Mehr als 2500 Sonnenstunden im Jahr machen die Golden Bay zum Teil des Pflichtprogamms jeder Neuseeland-Rundreise. Auf dem Abel Tasman Coastal Track, einem der „Great Walks“, kann man in drei Tagen die Küste entlanglaufen. Doch die Beschaulichkeit wird mittlerweile nicht nur von den hohen Besucherzahlen getrübt, sondern auch von röhrenden Schnellbooten.

In der Tasman Bay im Norden der Südinsel wird es auf den Ausflugsbooten zum „Split Apple Rock" zuweilen eng. Foto: Mauritius


Overtourism nennt sich dieses Phänomen, ein mittlerweile etablierter Begriff im Land. Demnach hat Neuseeland nicht nur zu viele Kühe, sondern auch zu viele Touristen. Trotzdem soll die Zahl der Gäste aus Übersee möglichst weiter steigen, der neue Markt heißt auch hier China. Auch auf immer mehr Campingplätzen stehen Anweisungen heute nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Chinesisch, insbesondere in den Top Ten „Holiday Parks“, den Plätzen der höchsten Kategorie. Chinesen bilden mittlerweile die zweitgrößte Touristengruppe – am häufigsten besuchen immer noch Australier den nur wenige Flugstunden entfernten, landschaftlich aber so vollkommen anders gearteten Inselstaat. Für viele Deutsche, die nach Amerikanern und Engländern fünftgrößte Gruppe, ist eine Fernreisen nach Neuseeland heute keine Erfüllung eines Lebenstraums mehr, auf das man Jahrzehnte hinspart, sondern eine Konsumreise zum Abhaken. Die Maori standen solchem Durchreise-Tourismus schon immer skeptischer gegenüber als die „Pakeha“, die europäischstämmigen Neuseeländer. Das erklärt die Distanz, die sie oftmals wahren. Wer ihre Kultur wirklich kennenlernen möchte, muss länger verweilen als nur einen Haka lang. Mit einem Anteil zwischen, je nach Berechnung, knapp 15 und mehr als 17 Prozent der Bevölkerung sind die Nachfahren der polynesischen Erstbesiedler der Inseln keine kleine Minderheit. Außerhalb der großen Städte leben die meisten von ihnen im Osten der Nordinsel, den Touristen vergleichsweise selten besuchen. So bleiben ihnen auch oft die sozialen Probleme verborgen, die sich aus den Verdrängungsprozessen im Gefolge der europäischen Einwanderung ergeben haben. Seit den 1980er Jahren ist hier allerdings vieles besser geworden – so werden die Maori in den Schulen nicht mehr davon abgehalten, ihre Sprache zu sprechen. Seit 1987 ist „Te Reo Maori“ neben Englisch Amtssprache des Landes, und heute beginnen auch immer mehr Pakeha, sie zu erlernen.

Überhaupt dürfen die manifesten Probleme des Landes nicht darüber hinwegtäuschen, wie sehr man hier um Lösungen bemüht ist. Auch in Umweltfragen. Offiziell zuständig für den Schutz von Land, Wasser sowie historischer Stätten ist das Department of Conservation, die Naturschutzbehörde. Zudem unternehmen Wissenschaftler und NGOs große Anstrengungen, die endemische Flora und Fauna zu erhalten. Als sich seine Landmasse vor achtzig Millionen Jahren vom Südkontinent Gondwana ablöste, entwickelte sich auf der isolierten Landfläche ein einzigartiges Ökosystem. Die Ankunft des Menschen im 13. Jahrhundert hat diese so besondere Lebensgemeinschaft empfindlich und in Teilen irreversibel gestört. Drei Viertel aller noch vor tausend Jahren in Neuseeland heimischen Tier- und Pflanzenarten sind danach ausgestorben. Heute versuchen Biologen, gefährdete endemische Arten auf kleinen Inseln oder in eingezäunten Schutzgebieten anzusiedeln, um sie vor dem Aussterben zu bewahren. Neuseeland kämpft wie kein anderes Land auf der Welt gegen schädliche invasive Organismen. Daher die rigiden Kontrollen bei der Einreise.

Weniger rigide sind die Bestimmungen beim Bau neuer Siedlungen. Die neuseeländischen Städte haben sich in den vergangenen dreißig Jahren um fast ein Drittel ausgedehnt, sie fressen sich immer weiter in die Natur hinein. Mehr Siedlungen sind vor allem in der Region Canterbury und um Auckland herum entstanden, der Hauptgrund hierfür ist das Bevölkerungswachstum in den urbanen Zentren des Landes.

In Auckland, der größten und wichtigsten Stadt des Landes, leben mehr als ein Viertel aller Neuseeländer. Immer mehr Menschen aus aller Welt zieht es in die subtropische Metropole am Isthmus der Nordinsel, die Folgen lassen sich beim Anflug auf die Stadt am besten beobachten. Die einzigen Hochhäuser stehen in Downtown Auckland, dem Finanz- und Wirtschaftszentrum des Landes. Sonst leben die Aucklander in eigenen, meist einstöckigen Holzhäusern in den Vororten. Der Großraum Auckland ist zersiedelt, zersplittert, zubetoniert und wahnsinnig teuer geworden. Ein U-Bahn-Netz gibt es (noch) nicht, die meisten Menschen verbringen mehrere Stunden pro Tag im Stau. Flankiert wird Suburbia von den malerischen Yachthäfen. Denn Reiche und Superreiche gibt es auch hier.

Auckland steht wie keine andere Gegend in Neuseeland für den Trend der achtziger und neunziger Jahre hin zu einer konsequenten Marktöffnung für eine globalisierte Welt und dem Rückzug des Staates aus vielen Bereichen der Daseinsfürsorge. Das neuseeländische Modell der raschen und rigorosen Privatisierung von Staatsbetrieben galt viele Jahre weltweit als Vorbild. Mittlerweile sind sich viele Einheimische nicht mehr so sicher.

Der Rest des Landes fremdelt jedenfalls mit der heimlichen, neureichen Hauptstadt im Norden, das wahre Neuseeland beginne erst südlich der Stadtgrenze Aucklands, spotten sie. Wahr ist aber auch: Ohne die Wirtschaftskraft Aucklands, ohne die Einnahmen aus der Landwirtschaft, ohne die Touristenschwärme wäre das Land in den letzten dreißig Jahren nicht zu dem Wohlstand gekommen, den es heute genießt. Eine Schwerindustrie gab es in dem Land nie, Rohstoffe nur wenige. Insofern ist es unwahrscheinlich, dass es in absehbarer Zeit zu grundstürzenden Veränderungen in jenen Sektoren kommt, in denen die größten Umweltprobleme entstehen. Neuseelands Volkseinkommen hängt an Kühen und Touristen.

Welche einzigartigen Naturschätze aber durch ein wackeres „Weiter so“ noch verlorengehen könnten, lässt sich nirgendwo besser verstehen als in der Region Northland nördlich von Auckland. Nach drei Stunden Autofahrt erreicht man hier den Waipoua Forest, den letzten großen Wald, in dem noch die imposanten neuseeländischen Kauri-Bäume (Agathis australis) wachsen. Einst von den europäischen Siedlern großflächig gerodet, gibt es heute nur noch wenige Exemplare. Die kolossalen Bäume werden bis zu fünfzig Meter hoch, der Stammumfang beträgt locker zehn Meter. Als Gott des Waldes verehrte ihn die traditionelle Maori-Mythologie, manche Exemplare sind tausend Jahre und älter. Der höchste heute lebende Kauri heißt Tane Mahuta, er ragt 51,2 Meter empor und ist älter als der erste Mensch, der seinen Fuß vor 800 Jahren auf dieses Land setzte.

Seit einigen Jahren sind die Baumriesen allerdings in großer Gefahr. Ein Pilz befällt die Bäume, lässt Wurzeln faulen, färbt den Stamm gespenstisch weiß und lässt ihn bluten. Einmal infiziert, ist ein Baum nicht mehr zu retten. Verbreitet wird der Pilz meist durch den Menschen, seine auf dem Waldboden liegenden Sporen bleiben in den Schuhen hängen. Das Einzige, was den Pilz stoppen könnte, ist ein komplettes Betretungsverbot des Waldes. Aber dazu konnten sich die Behörden bislang nicht durchringen. Das möchte man seinen Besuchern aus aller Welt nicht zumuten. Die werden nach dem auch in Neuseeland herbeigesehnten Ende des großen Lockdowns schnell wieder ins Land strömen. Kauris aber müssten für Jahrzehnte in die Quarantäne.


Nächstes Kapitel:




Von wegen Kaitiakitanga

Von ULF von RAUCHHAUPT

Umweltgeschichte ohne Mythos: Der Raubbau an der Natur Neuseelands begann keineswegs erst in der westlich-industriellen Moderne.

Zwei Meter zwanzig hoch ist der Zaun, sein Edelstahlgitter so engmaschig, dass man kaum hindurchsehen kann. Darüber ragt dachartig ein Aufsatz, der das Überklettern verhindern soll, wie einst die Betonröhren auf der Berliner Mauer. Im Unterschied zu dieser soll die 8,8 Kilometer lange Abriegelung um ein ganzes Tal nahe Wellington niemand einsperren, sondern tatsächlich Eindringlinge abhalten: Kaninchen, Wiesel, Katzen, Wildschweine, Rehe, Igel, Ratten. Sie alle – und noch ein paar mehr – sind absolut unerwünscht in „Zealandia“, dem Eco Sanctuary für die ursprüngliche Tier- und Pflanzenwelt Neuseelands.

Tatsächlich sind Säugetiere das größte Umweltproblem des Landes. Als es sich von den anderen Landmassen löste, regierten noch die Dinosaurier. Säugetiere – abgesehen von ein paar Fledermäusen und einem schon vor Jahrmillionen ausgestorbenen mausgroßen Wesen – gab es keine. Neuseeland entwickelte eine eigene, einzigartige Flora und Fauna. Die Krone dieses Ökosystems bildeten die Vögel, von denen etliche größere, da man vor nichts mehr davonfliegen musste, irgendwann das Abheben verlernten. Die größten waren die Moas, Laufvögel, von denen einige jedes Pferd überragt hätten und die nur einen Feind hatten: den Haastadler, die größte Adlerart, die es jemals gab. Doch diese Fauna gibt es so nicht mehr. Die Ankunft eines ganz bestimmten Säugetiers hat sie nicht überlebt: des Menschen.

Und nicht erst der Europäer. Die haben natürlich das Ihre beigetragen, nachdem sie ab etwa 1840 in größeren Zahlen auf die Inseln kamen – mit ihrem Hunger nach Holz für ihre Schiffe und Weidefläche für ihre Schafe. Auch wurden die meisten invasiven Wildtiere erst von den Engländern ins Land gebracht. Die Wallabys etwa. Die hatte sich der Gouverneur und spätere Premierminister Sir George Grey (1812 bis 1898) zum drolligen Schmuck seines Gartens aus Australien kommen lassen, heute sind sie in Neuseeland nach den ebenfalls australischen Possums die schlimmste Plage überhaupt. Wallabys werden vergiftet und erschossen, wo immer man ihrer habhaft wird, trotzdem werden es immer mehr. Auch viele neue Pflanzen, nicht zuletzt Bäume, machten nun der endemischen Flora Konkurrenz.

Doch das große Umweltdesaster begann schon viel früher. Um das Jahr 1280 müssen die ersten Kanus mit den Vorfahren der Maori aus Polynesien in Neuseeland gelandet sein. Zu diesem Zeitpunkt war die Landfläche der Inseln zu 80 Prozent bewaldet. Nur die Vulkanfelder im Zentrum der Nordinsel und die Gletscher und Hochgebirge der neuseeländischen Alpen waren baumlos. Als im 17. und 18. Jahrhundert die ersten europäischen Seefahrer auftauchten, waren diese Wälder bereits zur Hälfte verschwunden – gerodet und abgefackelt von den polynesischen Erstbesiedlern. Aber auch die Tierwelt war schon lange nicht mehr dieselbe. Die Polynesier hatten Hunde dabei, und in ihren Kanus hatten sich Ratten versteckt, die sich nun über die Eier von Bodenbrütern hermachten. Und die behäbigen und tagaktiven Moas waren leichte Beute. Sie und der von ihnen lebende Haastadler waren wohl bereits um das Jahr 1500 ausgerottet.


„Die traditionelle Maori-Gesellschaft praktizierte durchaus Ressourcenschutz“
McGlone, Schriftsteller

Als der neuseeländische Biologe Matt McGlone die Evidenzen dafür 1989 im New Zealand Journal of Ecology zusammenstellte, wies er darauf hin, dass auch viele Forscher sich schwertaten mit dem Befund, bereits die Maori hätten begonnen, das Land zu ruinieren. Wissenschaftlich habe man sich dabei auf eine einflussreiche Veröffentlichung aus dem Jahr 1954 berufen können, welche die Änderung der Waldbedeckung Neuseelands in den vergangenen tausend Jahren überwiegend Klimaänderungen anlastete. Doch seit den 1980er Jahren ist sich die Forschung einig, dass weder das Klima noch andere natürliche Faktoren wie Vulkanismus auch nur annähernd reichen, um die drastischen Umweltveränderungen seit dem 14. Jahrhundert zu erklären. Archäologische und paläobotanische Befunde weisen vielmehr in eine andere Richtung. So begannen die Maori im 16. Jahrhundert, befestigte Siedlungen, sogenannte Pa, anzulegen – just zu der Zeit, als Moa-Knochen aus den Abfallgruben verschwanden und zweihundert Jahre Rodung die meisten Wälder des Flachlandes in Busch-, Farrn- und Grasland verwandelt hatte. Die Grenzen des mit jungsteinzeitlicher Technologie bestreitbaren Wachstums waren erreicht. Jetzt musste eine rasch gewachsene Bevölkerung um die Ressourcen Krieg führen. „Ohne Menschen wäre Neuseeland noch heute ein weitgehend bewaldetes Land mit seiner kompletten Tierwelt“, schreibt McGlone, der heute für das Umweltinstitut Manaaki Whenua (wörtlich „Schutz-Familie“) bei Christchurch tätig ist.

Aber was ist mit „Te Kaitiakitanga“, dem Maori-Begriff für den richtigen Umgang mit dem Anvertrauten? „Die traditionelle Maori-Gesellschaft praktizierte durchaus Ressourcenschutz“, schreibt McGlone. „Aber nur im Kontext einer bereits verarmten Landschaft und wo Nahrungsmittelknappheit in einem unangenehm verbreiteten Maße zum Leben gehörte. Wir machen einen Fehler, wenn wir diese Haltung in eine Zeit zurück projizieren, in der die Bevölkerung noch klein, aber im Wachstum begriffen war, die tierischen Nahrungsquellen dagegen ebenso üppig wie verletzbar.“ Die Idee, Jäger- und Sammler-Kulturen, jungsteinzeitliche oder ganz allgemein nichtwestliche vorindustrielle Gesellschaften hätten grundsätzlich in Harmonie mit ihrer Umwelt gelebt und eine weise, auf Nachhaltigkeit bedachte Umweltethik gelebt, hatte der berühmte amerikanische Anthropologe Jared Diamond bereits 1986 in Nature einen „Umweltschützer-Mythos“ genannt.

Sich von diesem Mythos zu lösen bedeutet heute freilich auch, Hoffnung zu trüben, die fortschreitende Umweltzerstörung ließe sich einfach durch Abkehr vom westlichen Lebenswandel und seinem Wirtschaftssystem abstellen. Es gibt auch aus vormoderner Zeit keine Blaupausen dafür, wie es einst besser ging. Umweltschutz braucht keine Revoluzzer, sondern Leute mit einem langen Atem, die wissenschaftliche Erkenntnisse schrittweise in Schutzmaßnahmen umzusetzen versuchen. Neuseeland ist trotz der besonderen Bedrohungen seiner verbliebenen Naturschätze – oder gerade ihretwegen – vielleicht doch beispielgebend. Nicht nur in Hightech-Sanctuaries wie „Zealandia“. Glaubt man etwa neuseeländischen Fernsehberichten, ist die ökologisch motivierte Jagd auf Kleinsäuger bald Volkssport. Dem wirtschaftlich so wichtigen Tourismus, dessen Hauptattraktion ja die Natur ist, fällt dabei eine nicht unwesentliche Rolle zu, auch wenn er, um selbst umweltverträglich zu sein, sich wohl am eher exklusiveren Ende positionieren muss. Damit sind dann auch die Besucher des Landes gefordert, ihren Beitrag zu leisten.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 29.04.2020 08:49 Uhr