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Natur braucht eigene Rechte : Ende der ökologischen Symbolik

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Umweltkatastrophe in Deutschland: Was das verheerende Fischsterben in der Oder ausgelöst hat, ist noch immer unklar. Bild: dpa

Eigene Rechte für die Natur würden die (selbst-)zerstörerische Kraft des Menschen beschränken und die Freiheit gegenwärtiger und künftiger Generationen schützen. Sie anzuerkennen wäre alles andere als Verbotspolitik. Ein Gastbeitrag, über ein zutiefst liberales Projekt.

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          Wenn sich die Vertragsstaaten der Biodiversitätskonvention Ende des Jahres in Montreal treffen, um ein Post-2020-Rahmenwerk für die biologische Vielfalt zu verabschieden, haben sie eine letzte Chance, dem dramatischen Artensterben auf der Erde gemeinsam etwas entgegenzusetzen. Damit dies gelingt, sollten die Rechte der Natur als ein Baustein einer erfolgreichen Strategie für den Artenschutz anerkannt werden. Während der aktuelle Entwurf des Rahmenwerks die Rechte der Natur nicht explizit erwähnt, war es in einem ersten Entwurf aus dem Jahr 2020 als Rahmenbedingung vorgesehen, „die Rechte der Natur zu berücksichtigen und gegebenenfalls anzuerkennen“.

          In zahlreichen Staaten des globalen Südens sind Rechte der Natur in den vergangenen 15 Jahren in Verfassungen, Gesetzen oder Gerichtsentscheidungen bereits anerkannt worden, wie etwa in Ecua­dor, Indien oder Uganda. Der globale Norden zeigt sich hingegen bisher weitestgehend unempfänglich für die Idee, der Natur Rechte zu verleihen. Trotz der gravierenden Umweltkrisen des Anthropozäns, die ihren Ursprung im zerstörerischen Umgang des liberalen Westens mit der Natur seit der industriellen Revolution haben und heute die gesamte Welt betreffen, fällt es westlichen Gesellschaften und ihren Rechtsordnungen schwer, sich von ihrer streng anthropozentrischen Ausrichtung zu lösen. Seit den 1970er-Jahren, in denen die Idee der natureigenen Rechte in den USA und Europa erstmals diskutiert wurde, wird dabei gemeinhin argumentiert, dass diese mit liberalen Verfassungsordnungen nicht kompatibel seien, da sie die menschliche Freiheit, die im Mittelpunkt dieser Ordnungen steht, gefährdeten. Rechte der Natur können jedoch liberal gedacht und ausgestaltet werden und als solche einen Beitrag zur Lösung der drängenden ökologischen Probleme leisten.

          Der Blick in den globalen Süden

          Allein der Umstand, dass Rechte der Natur bisher in Staaten des globalen Südens anerkannt wurden, spricht nicht gegen eine Umsetzbarkeit des Konzepts auch im Norden. Zwar knüpft die Anerkennung von Rechten der Natur häufig an indigene holistische Kosmovisionen an, denen der Mensch-Natur-Dualismus des liberalen Westens fremd ist, wie etwa in Ecuador, Bolivien oder Neuseeland. Jedoch sind indigene Weltanschauungen weder der einzige Grund für die Anerkennung von Rechten der Natur im globalen Süden, wo die natureigenen Rechte vor allem als Mittel für einen effektiveren Umweltschutz dienen, noch sind sie eine notwendige Voraussetzung für die Anerkennung von Rechten der Natur.

          Neu Delhi, November 2011: Eine Bootsfahrt auf dem Yamuna-Fluss, der von einem chemischen Schaum bedeckt ist, der durch industrielle und häusliche Verschmutzung verursacht wird, während die Skyline von Neu-Delhi in eine Decke aus giftigem Smog gehüllt ist.
          Neu Delhi, November 2011: Eine Bootsfahrt auf dem Yamuna-Fluss, der von einem chemischen Schaum bedeckt ist, der durch industrielle und häusliche Verschmutzung verursacht wird, während die Skyline von Neu-Delhi in eine Decke aus giftigem Smog gehüllt ist. : Bild: dpa

          Rechte der Natur sind in den vergangenen 15 Jahren weltweit auf unterschiedliche Weise und in diversen politischen, kulturellen und rechtlichen Kontexten anerkannt worden. Auch dem liberalen Westen steht daher eine eigene Ausgestaltung der Rechte der Natur offen. So könnte er die Rechte der Natur etwa als Rechte von individuellen Lebewesen sowie Arten und Ökosystemen ausgestalten. Ein solcher ökozentrisch erweiterter Biozen­trismus mit seinem wissenschaftsbasierten Fokus auf individuelles Leben knüpft nahtlos an die Werte- und Rechtsordnungen westlich-liberaler Ge­sell­schaften an. Weder stellen die Rechte der Natur die Würde des Menschen infrage, noch führen sie zu einer systematischen Unterdrückung menschlicher Belange.

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