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Nachhaltige Fischerei : Nichts geht über Bord

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Fischereimeister Konrad Fischer sortiert seinen Fang in der Kieler Föhrde. Die Anlandepflicht gilt in der Ostsee schon seit 2015. Bild: Daniel Pilar

Seit Anfang des Jahres sind Fischer gezwungen, ihren Beifang an Land zu bringen. Die EU-Regelung ist unbeliebt. Hilft sie wirklich, die Bestände zu schonen?

          Man kann kaum anders – und fiebert mit den Fischen mit. Eine Scholle zum Beispiel gibt sich viel Mühe, mit der Bewegung des Netzes mitzuhalten, und damit macht sie genau das Falsche. Eine spezielle Öffnung an der Unterseite des Netzes bietet ihr die Chance zum Entwischen. Aber erst nach bangen Sekunden lässt sich der Plattfisch zurück in die Ostsee, in die Freiheit treiben. Die Dorsche jedoch rauschen über den Notausgang hinweg und landen fast alle im Steert. Aus diesem Fangsack am Ende des Schleppnetzes gibt es für sie praktisch kein Entrinnen.

          Das maritime Drama lässt sich auf einem der zahlreichen Filmclips beobachten, die Forscher des Thünen-Instituts für Ostsee-Fischerei in Rostock aufgenommen haben. Sie suchen neue Fangmethoden, die den selektiven Fang einer Art ermöglichen, während unerwünschte Fische aus dem Netz entwischen können. Und diese Trennung gelingt mit Dorschen und den am Boden lebenden Plattfischen offensichtlich gut: Letztere entkommen meist durch die sogenannte FLEX-Öffnung, ein „Flatfish-Excluder“, im Mittelteil des Schleppnetzes, die von Plastik-Schwimmern und einem Fiberglasgestänge offen gehalten wird. Um mehr als achtzig Prozent lasse sich so der Beifang von Plattfischen wie Scholle oder Flunder in der Dorschfischerei verringern, sagt Institutsleiter Christopher Zimmermann. Das zeige noch einen weiteren segensreichen Effekt: Junge, zu kleine Dorsche sollen durch eine geeignete Maschenweite des Netzes aus dem Steert entweichen können. Doch oft werde dieser von Plattfischen regelrecht tapeziert, was Jungdorschen den Ausweg versperrt. Deshalb sinke in einem FLEX-Netz auch der Beifang an untermaßigen Dorschen um rund siebzig Prozent, sagt Zimmermann. Zwei Vorteile also, die man ohne großen Aufwand erreicht, denn vorhandene Netze lassen sich kostengünstig umrüsten.

          Nur wenige Tiere überstehen unbeschadet das stundenlange Mitschleppen im Netz

          Die in Rostock entwickelte Fluchtöffnung ist nur einer von zahlreichen Tricks, um unerwünschten Beifang mit Hilfe der Fangtechnik zu vermeiden. „Das Potential für einen selektiveren Fischfang ist noch riesig“, meint Zimmermann. In der langen Geschichte der motorisierten Schleppnetzfischerei fehlte dafür aber bisher der Anreiz. Gefischt wurde, was ins Netz ging. Und was die Fischer nicht gebrauchen konnten, landete einfach wieder im Meer. Das Schicksal der Tiere war damit allerdings besiegelt: Die wenigen Exemplare, die das oft stundenlange Mitschleppen im Netz, das Einholen und das Sortieren an Deck überleben, sterben bald darauf an ihren Verletzungen. Scheinbar unversehrten Fischen ergeht es nicht besser, weil feinste Kratzer auf der Haut zu tödlichen Pilzinfektionen führen.

          Wie groß der Anteil von Beifang ausfällt, variiert je nach gesuchter Art stark. Schwarmfische wie Hering oder Makrele lassen sich vergleichsweise gezielt herausfischen, während die Garnelenfischerei oft mehr als neunzig Prozent Ausschuss produziert. Wie viel Beifang weltweit über Bord geht, weiß niemand, Schätzungen der Welternährungsorganisation reichen von 7 bis 27 Millionen Tonnen Ausschuss, im Kontrast zu rund 85 Millionen Tonnen von angelandeten Meeresfischen.

          Bis vor wenigen Jahren galt für Beifang in den Gewässern der Europäischen Union ein ausdrückliches Anlandeverbot: Selbst hochwertige Speisefische, für die der jeweilige Fischer keine Fangquote besaß oder deren Fangquote bereits ausgeschöpft war, mussten auf See entsorgt werden. Auf diese Weise sollte der Fang von geschützten Arten außerhalb der Quote für die Fischer unattraktiv gemacht werden, was aber kaum den erwünschten Effekt hatte.

          Die Fischer sind über die neue Regelung alles andere als erfreut

          Dass anstelle einer reinen Anlandequote jedoch realistische Quoten für tatsächlich gefangene und getötete Tiere gebraucht wurden, dessen war man sich auch in Brüssel seit längerem bewusst. Und so kam es 2013 in einer Neuauflage der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) zu einem Paradigmenwechsel: Von 2015 an wurde aus dem alten Anlandeverbot für Beifang stufenweise eine Anlandeverpflichtung, die seit dem ersten Januar 2019 jetzt in allen Gewässern der Europäischen Union gilt.

          Offiziell sind Fischer fortan gezwungen, jeden einzelnen Fisch, den sie an Bord hieven, auch mit in den Hafen zu nehmen und auf ihre erlaubten Fangquoten anzurechnen. Unter Fischern ist die neue Regelung unpopulär, schließlich gehen damit mehr Sortierarbeit und Platzprobleme einher – in den kleinen Booten der Küstenfischerei wird es nun eng. Schwierig wird es vor allem, wenn die Fangquote für eine bestimmte Art ausgereizt ist, diese aber als Beifang einer anderen ins Netz geht. Früher war es legal, das unerwünschte Extra über Bord zu werfen – erlesene, aber überfischte Speisefische dienten als Futter für Seevögel. Heute würden derart begrenzte Arten anderen Fangzielen schnell ein Ende setzen: „Es gibt Berechnungen, nach denen Fischer an einigen Orten dann schon ab Februar für den Rest des Jahres im Hafen bleiben müssten, weil sie die Quote einer solchen ‚choke species‘ erreicht hätten. Das ist offensichtlich keine besonders gute Lösung“, sagt Bryce Beukers-Stewart von der Universität York. Der britische Fischereibiologe hält es jedoch für überfällig, sich dafür einzusetzen, den Beifang deutlich zu reduzieren. Was manche Fischer als neue EU-Schikane empfinden, soll sie eben motivieren, künftig selektiver an ihre Arbeit zu gehen, indem sie etwa neue Fangtechniken nutzen. Helfen könnten ihnen dabei auch altbekannte Erfahrungswerte über bestimmte Fanggründe oder die Einflüsse der Jahreszeiten.

          Wenn die überfischten Bestänge sich erholen, profitieren alle davon

          So weit die Theorie. In der Praxis lässt die neue Regelung weitgehend offen, wie sich die Anlandeverpflichtung – etwa auf hoher See – kontrollieren lässt und wie Verstöße dagegen geahndet werden sollen. Wenn nur die offiziell im Hafen gemeldeten Beifänge berücksichtigt werden, können Fischer ihren Ausschuss weiterhin über Bord werfen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Das lässt sich beispielsweise aus einer Studie zu der bereits seit 2015 zum Anlanden verpflichteten Ostsee-Fischerei ableiten. Darin kam der Internationale Rat für Meeresforschung vergangenes Jahr zu dem Schluss, dass Dorschfischer zwar nur noch minimale Beifänge melden, in Wirklichkeit aber weiterhin mindestens zehn Prozent ihres Fanges zurück ins Meer kippen. Christopher Zimmermann hält diesen Wert für viel zu gering angesetzt: „Der Anteil von Beifang dürfte für Ostseedorsch eher in der Größenordnung von fünfzig Prozent liegen – im östlichen Gebiet der Ostsee. Aber ohne zu wissen, was an Bord der Schiffe auf See wirklich passiert, können auch wir nur Vermutungen anstellen.“ Kontrolle wäre also erheblich besser und mit Hilfe von Überwachungskameras durchaus möglich, meint Zimmermann. Völlig ausreichend wäre, das Videomaterial stichprobenartig zu sichten, dadurch halte sich der Aufwand also in Grenzen. Am besten wäre es, so Zimmermann, die Beweislast umzukehren: Fischer müssten dann etwa durch Kameraaufnahmen nachweisen, dass sie sich an die neuen Regeln halten. Und für diese Form der Selbstkontrolle könnte man sie durch eine zusätzliche Fangquote belohnen.

          Dass es unter Fischern wenig Freunde der neuen Anlandeverpflichung gibt, ist verständlich. Auf rund zehn Prozent schätzt das europäische Forschungsprojekt DiscardLess die anfänglichen Umsatzeinbußen der Industrie, würde die Regelung wirklich durchgesetzt. Wenn die Rechnung aber aufgeht und der Beifang durch vermehrten Einsatz einer selektiveren Fangtechnik wie FLEX-Netze und umsichtige Befischungsmethoden reduziert wird, so käme dies letztlich auch den Fischern zugute. Denn dann könnten sich die teils stark überfischten Bestände in europäischen Gewässern erholen. Und kräftigere Populationen bedeuten schließlich höhere Fangquoten – und Profite für die Fischer.

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