https://www.faz.net/-gwz-9hpvq

Meteorologie : Wie wird denn nun der Winter?

  • -Aktualisiert am

Viel mehr Weiß wird es auch dieses Mal nicht geben. Bild: dapd

Den Wettertrend einer ganzen Jahreszeit vorherzusagen war bislang Spökenkiekerei. Nun gibt es eine neue Prognosemethode.

          Folgt auf den Jahrhundertsommer nun ein Jahrhundertwinter? Bislang hätte es auf diese Frage nur eine ehrliche Antwort geben dürfen: Das weiß Mitte Dezember noch niemand. Acht Tage vor Heiligabend ist noch nicht einmal klar, ob das Weihnachtsfest grün oder weiß ausfallen wird. Und so winkten seriöse Meteorologen bei Nachfragen zu Jahreszeitenprognosen ab: In unseren Breiten geht das nicht. Zu unsicher. Warten Sie es einfach ab.

          Im Frühjahr nun ist eine Studie veröffentlicht worden, die mit dieser Gewissheit bricht. „Erstmals verlässliche Drei-Monats-Prognose für Winter in Europa möglich“, verkündete eine Pressemitteilung der Universität Hamburg. Dass die in den „Geophysical Research Letters“ erschienene Studie dennoch nicht die angemessene mediale Aufmerksamkeit erhielt, hatte einen trivialen Grund: Sie erschien zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt während des ersten Frühlingsausbruchs Mitte April. Da hatten die meisten Redaktionen das Thema Winter einfach satt.

          Ein vorsichtiger Prophet

          Doch nun, nach einem Sommer mit Rekorddürre, stellt sich die Frage nach dem Winter drängender denn je. Bringen die kommenden Monate endlich Niederschläge, oder setzt sich die Trockenheit weiter fort? Anruf bei dem Mann, der anscheinend weiß, wie der Winter wird, dem Ozeanographen Mikhail Dobrynin vom Hamburger Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit. Es ist Anfang November, draußen ist gerade der sogenannte Martinssommer ausgebrochen, das Thermometer zeigt fast zwanzig Grad. Schnee und Kälte scheinen noch fern. Trotzdem die Frage: Wie wird der Winter denn nun?

          Dobrynin ist ein nüchterner Mann, ein Zahlenmensch. Die Sache mit der Wintervorhersage ist ihm etwas unangenehm. Also spricht er zunächst über Druckverteilungen, über die sogenannte Nordatlantische Oszillation, über Telekonnektionen, Globalmodelle und Ensemble-Methoden, nur nicht darüber, wie der Winter denn nun wird. Er müsse sich erst mit seinen Kollegen beraten, die saisonale Vorhersagen beim Wetterdienst modellieren, sagt er. „Rufen Sie Ende November noch einmal an.“

          Es ging manche Prognose unbestritten in die Hose

          Seine Vorsicht ist verständlich: An Langfristprognosen sind schon so manche Experten gescheitert, selbsternannte wie renommierte. Vor allem Winterprognosen können gefährlich aufs Glatteis führen, wie die Vergangenheit mehrfach gezeigt hat. Als folgenreichste Fehlprognose aller Zeiten ging die vom Kriegswinter 1941/42 in die Geschichte ein. Der Reichsmeteorologe Franz Baur prophezeite seinerzeit schon im Herbst einen eher milden Winter, am Ende erlebte der Kontinent eine der strengsten Frostperioden des 20. Jahrhunderts. Der Rest ist bekannt. Der strenge Winter war ein Faktor in der Niederlage der Deutschen beim Überfall auf die Sowjetunion, wenn auch nicht der entscheidende. Baur stellte die Fehlprognose, weil er vernarrt war in seine Methodik: Er ging davon aus, dass man nur genügend Abläufe studieren müsste, um die Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, denen das Wetter folgt. Er wälzte Statistiken über vergangene Abläufe der Jahreszeiten, suchte nach Abweichungen, Zusammenhängen, Mustern. Daraus leitete er dann seine Regeln ab. Baurs Vorgehen mag heute seltsam erscheinen, aber im Vergleich zu manchen Scharlatanen unter den Wetter-Websites heute und Laienpropheten, die etwa an dem Blütenstand der Königskerze ablesen zu können glauben, wie kalt es in ein paar Monaten werden wird, verfolgte der Reichsmeteorologe immerhin so etwas wie einen wissenschaftlichen Ansatz.

          Zweiter Anruf in Hamburg, wenige Wochen später. Der Martinssommer ist definitiv vorbei, der meteorologische Winter hat begonnen. Mikhail Dobrynin sagt, er verfolge ebenfalls einen statistischen Ansatz. Er versucht, das Geheimnis des Winters nicht allein mit den üblichen Computermodellen zu lösen, sondern bezieht in seine Simulationen auch Fernwirkungen ein, die Telekonnektionen. Anders formuliert: Er sucht nach „Spuren im Chaos“, Verhältnisse in fernen Regionen, die sich auf das Wetter in Europa auswirken. Für den Winter hat er vier Faktoren identifiziert: die Schneehöhe in Sibirien, den arktischen Polarwirbel, die Ausdehnung des arktischen Meereises sowie die Ozeantemperatur im Atlantik.

          Weitere Themen

          Zu viel Schnee am Timmelsjoch

          Das große Fräsen : Zu viel Schnee am Timmelsjoch

          An der Timmelsjoch-Passstraße kämpfen Räumkommandos mit Schneemassen: Denn die wollen einfach nicht schmelzen. Nun müssen sie Schicht für Schicht von der Straße gefräst werden – und Urlauber wohl einen Umweg fahren.

          Topmeldungen

          Nach Mays Ankündigung : Brexit-Opfer

          Das Brexit-Thema wurde May wie zuvor schon Cameron zum politischen Verhängnis – und es ist eine Last, die auch die kommende Regierung nicht einfach abschütteln kann. Die EU allerdings auch nicht.
          Erst der Anfang: Dem „Spiegel“ stehen grundlegende Neuerungen bevor.

          Bericht zu „Spiegel“-Skandal : „Ein verheerendes Bild“

          Fünf Monate nach dem Bekanntwerden seines Fälschungsskandals hat der „Spiegel“ den Abschlussbericht seiner internen Untersuchung vorgelegt. Er offenbart eine Verkettung missachteter Warnungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.