https://www.faz.net/-gwz-9m10e

Plastikmüll : Mikroplastik fliegt in der Luft

  • Aktualisiert am

Mikroplastikkügelchen verschmutzen schon viele Strände. Bild: dpa

Mikroskopisch kleine Kunststoffpartikel gelangen auf vielen Wegen in die Umwelt. Sie werden sogar über die Luft in abgelegene Regionen geweht, wie eine aktuelle Studie zeigt.

          Mikroplastik kann in der Atmosphäre zu weit entfernten Regionen transportiert werden. Das hat eine französisch-britische Forschergruppe mit Analysen im französischen Teil der Pyrenäen nachgewiesen. Im Schnitt hätten sich dort 365 Mikropartikel pro Quadratmeter täglich abgelagert, berichten die Wissenschaftler in der Zeitschrift „Nature Geoscience“. Bisher wurde angenommen, dass Mikroplastik vor allem über Flüsse oder über die Meere in weit entfernte Regionen gelangt. Steve und Deonie Allen vom Forschungsinstitut Ecolab in Castanet-Tolosan und ihre Kollegen kommen in ihrer Analyse zu dem Schluss, dass offenbar auch die Atmosphäre ein wichtiger Verbreitungsweg ist.

          Die Forscher hatten für ihre Untersuchung von 2017 bis 2018 über fünf Wintermonate hinweg ein spärlich besiedeltes Gebiet im Südwesten der Pyrenäen untersucht. Die Gegend liegt weit entfernt von Großstädten, Industriezentren und großen Landwirtschaftsflächen. Um den Kunststoff-Fallout zu messen, hatten die Forscher Luftfilter und Regenwasserfilter aufgestellt.

          Sie stellten fest, dass täglich pro Quadratmeter im Mittel 365 Partikeln in dem gut 1400 Meter hoch liegenden Gebiet niedergehen. Unter den Partikeln waren bis zu 750 Mikrometer (0,75 Millimeter) lange Fasern und Kunststoffteilchen mit einem Durchmesser von bis zu 300 Mikrometern (0,3 Millimeter). Die häufigsten Materialien waren Polystyrol (z.B. Dämmstoff), Polyethylen (z.B. Folien, Flaschen und Tüten) und Polypropylen (z.B. Verpackungen) und Polyethylen-Terephthalat (z.B. PET-Flaschen).

          Auf der Suche nach den Plastikquellen

          Aus Modellrechnungen schlossen die Forscher, dass die Partikeln aus mindestens 95 Kilometer entfernten Quellen stammen. In dieser Zone lägen kleinere Städte mit weniger als 25.000 Einwohnern. Großstädte, die in Frage kämen, wären Toulouse und Saragossa. Ob die gesammelten Proben tatsächlich daher stammen, müssten weitere Analysen zeigen. Dafür sind aber genauere Kenntnisse über die Strömungsverhältnisse und die Herkunft der Luftmassen erforderlich.

          Ein Großteil der Mikropartikeln in der Luft stammt vom Abrieb der Autoreifen.

          Zu beachten wäre zudem, dass es in wärmeren Jahreszeiten einen stärkeren Vertikaltransport in der Atmosphäre gebe als im Winter. „Höher gelegene und wenig besiedelte Regionen sollten noch stärker durch die Deposition von Stoffen, die in größerer Entfernung in die Atmosphäre gelangt sind, betroffen sein“, erklärt Volker Matthias vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht  für Material und Küstenforschung (HZG) Matthias war selbst nicht an der Studie beteiligt. „Insofern wäre bei künftigen Studien eine längere Beobachtungsdauer wünschenswert.“ Der HZG-Forscher sieht Parallelen zum Transport von Sahara- und Vulkanstaub in der Atmosphäre. Wenn die Partikel durch Luftbewegungen einmal in größere Höhen gebracht wurden, könnten sie auch über größere Entfernungen transportiert werden. Fasern hätten durch ihre spezielle Form zudem geringere Sinkgeschwindigkeiten als kugelförmige Teilchen der gleichen Masse. „Ich halte es nicht für überraschend, dass auch verhältnismäßig große Mikroplastikpartikel über große Distanzen transportiert werden können“, sagte Matthias.

          Die Vermüllung der Meere

          Kunststoffe sind langlebig, größere Teile werden zu immer kleineren zersetzt. Als Mikroplastik werden Kunststoffteilchen bezeichnet, die kleiner als fünf Millimeter sind. Dazu zählen etwa Reibekörper in Kosmetik und beim Waschen freigesetzte synthetische Fasern. Der im vergangenen Jahr vorgestellten Studie der Fraunhofer-Gesellschaft „Kunststoffe in der Umwelt“ zufolge kommen allein in Deutschland jährlich rund 330.000 Tonnen Mikroplastik zusammen – gut vier Kilogramm pro Kopf. An der Spitze der Verursacher steht demnach der Abrieb von Autoreifen: Rund ein Drittel der Mikroplastik-Emissionen entfallen darauf.

          Schätzungen zufolge wurden allein im Jahr 2016 weltweit etwa 335 Millionen Tonnen Plastik produziert, 60 Millionen Tonnen davon in Europa großteils für Verpackungen. Hochrechnungen zufolge landet jährlich etwa ein Zehntel des hergestellten Plastiks in den Meeren – auf welchen Wegen, ist noch nicht im Detail geklärt. Analysen in Megastädten wie Paris und Dongguan im chinesischen Perlflussdelta haben gezeigt, dass Mikroplastik  über die Atmosphäre transportiert und in der naheliegenden Regionen abgelagert wird. Die aktuelle Analyse belege, so die Forscher um Steve und Deonie Allen, dass die Partikeln auf diese Weise auch in weit entfernte Gebiete getragen werden können.

          Weitere Themen

          Das Schöne, Wahre und Schmutzige Video-Seite öffnen

          Physikästhetik : Das Schöne, Wahre und Schmutzige

          Seit 400 Jahren lassen Physiker sich bei der Suche nach brauchbaren Theorien über die Natur von ästhetischen Erwägungen leiten. Heute wird bezweifelt, ob das grundsätzlich eine gute Idee ist. Zu Unrecht.

          Topmeldungen

          Weiterer Rückschlag : Ministerin aus Mays Kabinett tritt zurück

          Die britische Ministerin für Parlamentsfragen, Andrea Leadsom, ist zurückgetreten. Leadsom begründete ihren Rücktritt mit den Plänen von Premierministerin May, über ein zweites Brexit-Referendum abstimmen zu lassen.

          Wer drehte das Ibiza-Video? : Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

          Das heimlich aufgenommene Video, das die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus die Karriere kostete und Österreichs Regierung zu Fall brachte, läuft inzwischen unter dem Rubrum „Ibiza-Gate“. Die Hinweise auf Mittelsmänner verdichten sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.