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Meteorologie : Eine Wiege für Wetterkapriolen

  • -Aktualisiert am

El Nino in einer Satelliten-Aufnahme (1997) Bild: picture-alliance / dpa

Das Meer um die Insel Kiribati am Äquator mitten im Pazifik scheint für die Entstehung von Hurrikanen im Atlantik wichtiger zu sein als das Wasser vor Peru. Unser Bild von El Niño wackelt.

          Müssen die Vorstellungen von dem zweifellos einflussreichsten Wetterphänomen auf der Erde revidiert werden? Nach einer Untersuchung amerikanischer Forscher stimmt die bisherige Einschätzung nicht, die die Meteorologen von El Niño haben. Die Schwankungen der Wassertemperaturen im Pazifik, die eigentliche Ursache für die weltweit mit El Niño in Zusammenhang gebrachten Wetterkapriolen, sind nämlich wesentlich komplizierter als bisher angenommen. So zeigt sich zum Beispiel, dass sich die Häufigkeit von Hurrikanen im Atlantik offenbar wesentlich besser vorhersagen lässt, wenn man den Temperaturverlauf im Zentralpazifik statt jenen vor der Küste Perus zugrunde legt.

          Der Begriff El Niño - spanisch für "das Christkind" - ist in das Bewusstsein der Öffentlichkeit eingedrungen, als in den Jahren 1982 und 1983 das Wetter überall auf der Welt verrückt zu spielen schien. So waren damals die Monsunregen auf dem indischen Subkontinent derart schwer, dass Tausende von Menschen in den Überschwemmungen umkamen. In Kalifornien rutschten nach extrem schweren Winterregen viele Berghänge ab und begruben ganze Dörfer. Gleichzeitig führte eine ausgedehnte Dürre in Afrika zu Hungersnöten, denen dann politische Unruhen folgten. Auch Australien erlebte eine ungewohnt intensive Trockenphase.

          Kombinierte Schwankungen

          Es dauerte nicht lange, bis diese globalen Wetterkapriolen mit zwei seit langem bekannten Phänomenen im Pazifik in Zusammenhang gebracht wurden. Das eine waren die Schwankungen der Wassertemperatur vor der Küste Perus. Den Fischern war dort schon lange aufgefallen, dass ihre Fänge einige Jahre lang gut, dann für einige Zeit wesentlich schlechter ausfielen. War das Wasser kälter als gewöhnlich, gingen besonders viele Fische in die Netze. Bei warmem Meerwasser lohnte es sich dagegen kaum, aufs Meer hinauszufahren. Die Zeiträume mit warmem Wasser nannten die Fischer El Niño, kalte Phasen wurden mit dem spanischen Begriff für Mädchen, La Niña, belegt.

          Ebenso wie die Temperatur des Pazifiks schwankte auch der Gradient des Luftdrucks zwischen Tahiti und dem nördlichen Australien. Diese als "Southern Oscillation" bekannte Wechselhaftigkeit war schon vor gut hundert Jahren von britischen Meteorologen entdeckt und mit Schwankungen der Ergiebigkeit von Monsunregen in Indien in Verbindung gebracht worden. Nach dem Katastrophenjahr 1982/83 wurden die beiden Schwankungen unter dem Begriff "El Niño / Southern Oscillation", kurz Enso, zusammengefasst.

          Im Laufe der Jahre stellte man fest, dass die Schwankungen der Wassertemperatur nicht nur auf das Seegebiet vor der Küste Perus beschränkt waren. Vielmehr variierte die Temperatur im gesamten östlichen Zentralpazifik zwischen warmen und kalten Phasen um bis zu drei Grad. War dieses Seegebiet von der Größe Europas in El-Niño-Jahren besonders warm, konnte weltweit mit extremem Wetter gerechnet werden. Allerdings fiel es den Meteorologen nicht immer leicht, das Auftreten eines El Niño rechtzeitig vorherzusagen, denn nicht immer änderten sich die Temperaturen gleichmäßig.

          Deutlicher statistischer Zusammenhang

          Eine Forschergruppe um Hye-Mi Kim vom Georgia Institute of Technology in Atlanta hat nun die Temperaturen und deren zeitliche Verläufe in verschiedenen Regionen des Pazifiks genauer untersucht. Dabei stellte sie fest, dass die Wassertemperatur keineswegs überall im gleichen Rhythmus schwankt. Wie die Gruppe jetzt in der Zeitschrift "Science" (Bd. 325, S. 77) schreibt, ist die Temperatur der Gewässer vor der Küste Perus offenbar noch nicht einmal das entscheidende Kriterium dafür, ob sich die mit El Niño in Zusammenhang gebrachten Phänomene einstellen oder nicht.

          Von viel größerer Bedeutung ist ein großes, sich zigarrenförmig entlang des Äquators erstreckendes Seegebiet rund um die Inselrepublik Kiribati. Dort schwanken die Temperaturen des oberflächennahen Meerwassers ziemlich gleichmäßig, und insbesondere mit dem Auftreten von Hurrikanen im Atlantik ergibt sich ein deutlicher statistischer Zusammenhang. Immer wenn um Kiribati herum die Wassertemperatur um bis zu 1,5 Grad über den Durchschnittswert steigt, gibt es im Atlantik mehr Hurrikane als im Durchschnitt, die zudem noch stärker als gewöhnlich sind. Weitgehend unverstanden bleibt aber weiterhin, wie es vom Pazifik aus zu den meterologischen Phänomenen in den anderen Erdteilen kommt.

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