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Video: GIZ

Dem Untergang geweiht

Von JESSICA von BLAZEKOVIC
Video: GIZ

08.12.2019 · Das Mekongdelta ist die „Reisschüssel“ Vietnams. Doch schon in 30 Jahren könnte es im Meer versinken. Zu Besuch in einer Region, die der Klimawandel besonders hart trifft.

Eine Drohne nimmt Kurs auf die Mangrovenwälder Foto: Thomas Imo/photothek.net

M Mit einem bedrohlichen Surren steigt die Drohne in den nassgrauen Himmel über Au Tho B. Wie ein überdimensionales Insekt schraubt sich das Fluggerät in die Luft, die Kamera ausgefahren wie einen Stachel bereit für den Stich. Für einen kurzen Moment schwebt die Drohne auf der Stelle. Dann dreht sie ab in Richtung Küste, zu den Mangroven. Hier, vor den Toren des kleinen Dorfs am südlichen Zipfel Vietnams, ist der Mangrovenwald dicht und prächtig. Zwei Kilometer ragt er in das Landesinnere hinein; wo die letzte Baumreihe auf das offene Meer trifft, lässt sich nur erahnen. Das war nicht immer so. Vor zwanzig Jahren, so erzählen es die Alten, war der grüne Gürtel fast verschwunden. Die charakteristischen Stelzwurzeln mussten Ackerflächen weichen und wurden verfeuert. Heute macht das hier keiner mehr.

Der Ort Au Tho B ist auf der Landkarte nur schwer zu finden. Er liegt in Soc Trang, eine der 13 Provinzen des Mekongdeltas. Das rund 40.000 Quadratkilometer große Becken ist nach der Hauptstadt Hanoi und der Millionenmetropole Ho-Chi-Minh-Stadt (früher Saigon) die drittgrößte Industriezone des Landes. Von hier aus, wo der schlammbraune Strom des Mekong nach fast fünftausend Kilometern Reise durch sechs verschiedene Länder in das Südchinesische Meer mündet, wird nicht nur die vietnamesische Bevölkerung mit mehr als der Hälfte ihrer Nahrungsmittel versorgt. Dank des fruchtbaren Schwemmlandbodens des Mekongdeltas zählt Vietnam auch zu den drei größten Reisexporteuren der Welt, übertroffen nur noch von Indien und Thailand. Das Gebiet wird deshalb auch die „Reisschüssel“ Vietnams genannt: Wie ein Flickenteppich reiht sich hier, durchzogen von einem Labyrinth aus Flüssen und Kanälen, Reisfeld an Reisfeld. Dazwischen tauchen seit einigen Jahren immer mehr Garnelenbecken auf. Nach dem Willen der Zentralregierung soll Vietnam schon bald Exportweltmeister für Shrimps aus der Aquakultur sein.

Video: F.A.Z.

Zum Kli­ma­wan­del kommt das Absinken des Un­ter­grunds

D as Mekongdelta steht beispielhaft für den wirtschaftlichen Ehrgeiz des südostasiatischen Landes: Wo einst kleine Handelstreffs waren, befinden sich heute Millionenstädte. Palastähnliche Einkaufszentren aus blütenweißem Stein stehen neben frisch aus dem Boden gestampften Hotels mit Lobbys so groß und hallend wie Kirchenschiffe. Gigantische Plätze lassen den Fußgänger klein und verloren zurück. Wer die Stadtgrenzen hinter sich lässt, erlebt nach wenigen Kilometern Fahrt über viele kleine Brücken, entlang palmengesäumter Straßen und vorbei an träge grasenden Wasserbüffeln das alte Vietnam: Auf dem Land leben die Menschen wie schon seit Jahrhunderten mit und auf dem Fluss, viele ohne Zugang zu einer Straße.Ihre kleinen, aus Holz und Wellblech zusammengezimmerten Hütten thronen auf wackeligen Stelzen über dem Wasser, so als würde ein Fingerschnips genügen und alles fiele wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Große Staudämme in Vietnam und seinen Nachbarländern reduzieren die Durchflussgeschwindigkeit des Mekong. Dadurch kommt zu wenig Sediment an den Flussmündungen an und das Delta kann sich nicht weiter aufbauen. Foto: Thomas Imo/photothek.net

Geht der Plan der Regierung für das Mekongdelta auf, ist all das bis zum Jahr 2050 Geschichte: Dann soll dort eine „hochgradig entwickelte“ Region entstanden sein. Wäre da nicht der Klimawandel. Im Klima-Risiko-Index der Umweltorganisation Germanwatch gehört Vietnam zu den zehn am stärksten von der Erderwärmung bedrohten Ländern der Welt – und das Mekongdelta mit seiner 720 Kilometer langen Küste ist aufgrund der exponierten Lage besonders gefährdet. Laut einer jüngst in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ veröffentlichten Studie, könnte das gesamte Gebiet bis Ho-Chi-Minh-Stadt schon in dreißig Jahren komplett unter Wasser stehen.

Häuser am Mekong in der Provinz Kien Giang Foto: Thomas Imo/photothek.net

Millionen Menschen würden ihr Zuhause verlieren. Zwar handelt es sich bei den Berechnungen um Prognosen mit vielen Unsicherheitsfaktoren, etwa wie gut es der Weltgemeinschaft in den kommenden Jahren gelingt, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Doch hat sich im Mekongdelta eine solch toxische Mischung zusammengebraut, dass selbst das beste Szenario düster ist.


Zoom-Karte: Absenkung des Mekongdeltas im Detail
Zoom: Mausrad, Strg-Taste, Umschalt-Taste (Shift)




Während der Meeresspiegel aufgrund der Erwärmung der Ozeane ansteigt – in den vergangenen 50 Jahren schon um 20 Zentimeter – sinkt das Mekongdelta zusätzlich jährlich zwischen zwei und vier Zentimeter ab. Das liegt unter anderem daran, dass die Landwirte zur Bewässerung ihrer Felder in der Trockenzeit verstärkt Grundwasser aus dem Boden entnehmen. Salzwasser dringt auf die Felder ein und erschwert den Anbau von Reis, Gemüse und Früchten. Gleichzeitig erodiert mehr als die Hälfte der gesamten Küstenlinie, an manchen Stellen bis zu fünfzig Meter im Jahr, weil die Stürme extremer, die Regenfälle stärker und die Wellen heftiger werden. Große Staudämme in Vietnam und seinen Nachbarländern reduzieren zudem die Durchflussgeschwindigkeit des Mekong. Dadurch kommt zu wenig Sediment an den Flussmündungen an und das Delta kann sich nicht weiter aufbauen. Mit den Mangrovenwäldern schließlich sind in den vergangenen Jahrzehnten durch Erosion und Abholzung nicht nur wichtige Ökosysteme, sondern auch natürliche Schutzschilde gegen die zunehmend extremen Wetterereignisse verschwunden.

Während der Meeresspiegel aufgrund der Erwärmung der Ozeane ansteigt – in den vergangenen 50 Jahren schon um 20 Zentimeter – sinkt das Mekongdelta zusätzlich jährlich zwischen zwei und vier Zentimeter ab.
Die Kos­ten für den un­mit­tel­ba­ren Küs­ten­schutz wer­den auf über ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro ge­schätzt.
Salzwasser dringt auf die Felder ein und erschwert den Anbau von Reis, Gemüse und Früchten.
Foto: GIZ, Thomas Imo/photothek.net



Lan­ge Zeit ver­such­te die viet­na­me­si­sche Re­gie­rung, die Pro­ble­me mit künst­li­chen Dei­chen zu lö­sen. Nun soll auch in die Wie­der­auf­fors­tung von Man­gro­ven­wäl­dern in­ves­tiert wer­den. Die Kos­ten für den un­mit­tel­ba­ren Küs­ten­schutz wer­den auf über ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro ge­schätzt. Deutsch­land will sich an der Sum­me be­tei­li­gen: Ins­ge­samt 213 Mil­lio­nen Eu­ro Ent­wick­lungs­hil­fe wur­den ge­ra­de ver­ein­bart, der Groß­teil als Dar­le­hen. Fi­nan­ziert wer­den da­von auch Pro­jek­te der deut­schen Ge­sell­schaft für In­ter­na­tio­na­le Zu­sam­men­ar­beit (GIZ), wie hier in Au Tho B.

Huynh Lam Bien lebt seit 20 Jahren in dem Dorf. Er besitzt ein Hektar Land, auf seinen Feldern wächst Reis und Knoblauch. Sein schwarzes Haar ist dicht und borstig, mitten auf der Nase sitzt ein großes Muttermal. Er lacht viel, während er spricht. Der 43 Jahre alte Bauer erzählt, wie das Wetter sich über die Jahre verändert hat: „Es ist heißer geworden und es ist jetzt schwieriger vorherzusagen, wann der Regen kommt“, sagt Huynh. Ob das veränderte Klima mit der Erderwärmung zusammenhängt, das sei eine Frage für die Wissenschaftler. Sicher aber sei: Die Mangroven hätten vieles besser gemacht. Früher, wenn das Hochwasser kam, habe der Deich es nicht aufhalten können. „Jetzt ist mein Land besser geschützt“, sagt Huynh.

Bauer Huynh Lam Bien Foto: Thomas Imo/photothek.net

Die Menschen im Dorf haben gelernt, dass die Mangroven als wichtige Pufferzone zwischen ihren Feldern und Häusern und dem Meer dienen. Sie federn die Wucht der Wellen ab, bevor sie auf die Deiche treffen. Huynh ist Teil eines Überwachungstrupps, der mehrmals im Monat durch den Mangrovenwald watet und dort patrouilliert. Der Schutz der Mangroven vor illegaler Abholzung ist Teil eines von der GIZ im Jahr 2008 implementierten Co-Management-Modells. Eigentlich liegt die Kontrolle der Mangrovenwälder in den Händen der Regierung.


„Die Be­woh­ner sol­len sich nicht un­nö­tig Sor­gen ma­chen“

Doch die Behörden sind damit überfordert. In Au Tho B und zwei weiteren Gemeinden kümmern sich deshalb jetzt die Dorfbewohner selbst um rund 950 Hektar Mangrovenwald und dürfen ihn auch bewirtschaften. Im Wasser unter dem Dach der Baumkronen fangen sie Fische oder Krabben und sammeln Schnecken. Dadurch habe sich sein Einkommen verdoppelt, sagt Huynh, auf rund 1500 Euro im Jahr. Die Dorfbewohner können sich jetzt ein wenig „Luxus“ leisten, Mopeds zum Beispiel und Fernseher. Mehr Wald, mehr Geld, lautet die einfache Formel. Hinter Huynh, an den Wänden des Gemeindezentrums, hängen große Plakate mit Comics, die das erklären. Manchmal, so wie heute, kommt auch die Forstbehörde vorbei und bringt ihre Drohne mit. Huynh stimmt das alles zuversichtlich. Angst vor dem Klimawandel habe er nicht: „Ich mache mir keine Sorgen. Der Mangrovenwald wird ja durch unser Projekt weiter ausgebaut.“ Keine Panik also, so scheint es, in Au Tho B.

Rund 2000 Kilometer entfernt, im Ministerium für Natürliche Ressourcen und Umwelt (MoNRE) in Hanoi, dürfte man das mit Wohlwollen hören. Die Behörde ist erst vor kurzem in einen imposanten Neubau im Stadtteil Cau Giay gezogen. Hier wird an der Zukunft der Hauptstadt als pulsierende Metropole gebastelt: Hochhäuser mit schillernden Glasfassaden schießen wie Pilze aus dem Boden, die Formel-1-Strecke für den ersten vietnamesischen Grand Prix im April 2020 ist schon fast fertiggestellt. Hinter den Mauern des neuen MoNRE sitzt der stellvertretende Leiter der Abteilung Klimawandel, Pham Van Tan, an einem langen hölzernen Tisch, rechts von ihm wacht eine überlebensgroße goldene Büste des Freiheitskämpfers Ho Chi Minh über das Geschehen.

Der stellvertretende Leiter der Abteilung Klimawandel im vietnamesischen Umweltministerium, Pham Van Tan Foto: Jessica von Blazekovic



Auf dem Tisch stehen wiederbefüllbare Trinkflaschen, so wie in allen Behörden des Landes auf Anordnung der Regierung die Plastikflaschen verschwunden sind. „Die Regierung Vietnams hat den Klimawandel immer als kritisches Thema angesehen“, sagt Pham. Vietnam sei eines der wenigen Entwicklungsländer im Pariser Klimaabkommen, das einen Plan zur Bekämpfung des Klimawandels ratifiziert habe. Dieser sieht etwa vor, dass Vietnam seine Treibhausgasemissionen bis 2030 zwischen acht und 25 Prozent senkt. Auf die Frage, was er von dem neuen Bericht halte, wonach das Mekongdelta schon in 30 Jahren komplett überflutet sein könnte, rezitiert Pham die offizielle Stellungnahme der Regierung: Die Zahlen basierten auf vielen Annahmen. „Wir haben unsere eigenen Studien durchgeführt, die sehr verlässliche Vorhersagen machen.“ Alles andere führe nur zu unnötiger Besorgtheit unter den Menschen.

D ie vietnamesische Regierung nimmt den Klimawandel ernst, zu viele Gedanken über die Gefahren sollen sich die Menschen aber nicht machen – das ist der Eindruck, der in Gesprächen mit Behörden und Politikern des Landes entsteht. Sie verweisen stets auf die unzähligen Pläne, Szenarien und Resolutionen, die von der Regierung und den Provinzen ausgetüftelt wurden. Nur einmal wird es konkreter: Im „Southern Institute for Water Resources Planning“ in Ho Chi Minh glaubt man anders als in der Zentralregierung den Prognosen, die das Mekongdelta bis 2050 unter Wasser sehen. „Die Überflutungen werden in Zukunft schlimmer werden“, sagt der Direktor des Wasserinstituts, Do Duc Dung. Die Bevölkerung in der Region wachse und mit ihr der Bedarf an Nahrungsmitteln, Arbeit und Einkommen:


„Wir kön­nen das Me­kong­del­ta, die Reis­schüs­sel Viet­nams, schlicht und er­grei­fend nicht un­ter­ge­hen las­sen.“

Die Bäuerin Do Thi Kim Thu wäre mit als Erste davon betroffen, geschähe es doch. Die 62 Jahre alte Frau lebt in Vam Ray im Nordwesten des Mekongdeltas. Von ihrem Haus bis zum Meer ist es nur ein Steinwurf. Auch Do besitzt ein Hektar Land, doch sie und ihr Mann seien krank und die Kinder zum Arbeiten weggezogen. Ihre Felder habe sie verpachtet. Weil der Boden versalzen sei, bekomme sie die umgerechnet vierhundert Euro Miete, ihre einzige Einnahmequelle für das gesamte Jahr, aber nicht regelmäßig.

Video: F.A.Z.

Do hat ihre Haare mit einem Kamm nach hinten gesteckt, sie trägt eine fein gebügelte grüne Bluse und eine Perlenkette. Die Hände im Schoß gefaltet, erzählt sie von einem Mangrovenprojekt, das die GIZ und eine australische Organisation hier im Jahr 2008 gestartet haben. Heftige Taifune und Regenfälle hatten das Meer bedrohlich nahe an das Dorf heranrücken lassen. Mit Hilfe der lokalen Bevölkerung errichtete die GIZ vor der Küste Zäune in T-Form, um die Brandung auszubremsen. Dadurch fließt das Wasser langsamer zurück und es kann sich Schlick ablagern, den die Mangroven brauchen, um Wurzeln zu schlagen. Zehn Hektar Mangrovenwald konnten in Vam Ray so innerhalb von zwei Jahren zurückgewonnen werden. Do erzählt, sie habe mitgeholfen, Setzlinge aufzuziehen und sie zu pflanzen. Dann muss sie schlucken:


„Natürlich haben wir Angst vor dem Klimawandel. Aber wohin sollen wir denn gehen?“

Text: Jessica von Blazekovic
Multimedia: Carsten Feig

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 08.12.2019 09:00 Uhr