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Meeresbiologie : Was schwimmt denn da?

  • -Aktualisiert am

Kamm-Qualle Aulacoctena Bild: NOAA

Doppelt so groß wie alle Kontinente, aber rätselhafter als der Mond - das ist die Tiefsee. Nun findet dort endlich eine Volkszählung statt. Der Zensus des marinen Lebens ist ein wahres Mammut-Projekt.

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          Die Ausmaße des Projekts sind gewaltig. Aber nicht gewaltig genug, um den Untersuchungsgegenstand mehr als bruchstückhaft erfassen zu können. Als Volkszählung könnte man das Vorhaben "Census of Marine Life" bezeichnen. Allerdings geht es dabei nicht um einen Staat, sondern um den größten Lebensraum der Erde mit all seinen Bewohnern. Das optimale Ergebnis wäre die Katalogisierung sämtlicher Arten der Weltmeere - vom größten Wal bis zur kleinsten Mikrobe -, und zwar möglichst mit detaillierten Angaben zur Verbreitung und zum Lebensraum.

          Der Census of Marine Life wurde im Jahr 2000 auf Initiative der Alfred P. Sloane Foundation von einigen hundert Wissenschaftlern in den Vereinigten Staaten gestartet. Mittlerweile sind an dem auf zehn Jahre angelegten Projekt Wissenschaftler aus 73 Staaten beteiligt. Dank der Förderung durch zahlreiche nationale und internationale Organisationen stehen bislang Mittel in Höhe von 225 Millionen Dollar zur Verfügung. Bis zum Ende des Projektes soll daraus eine Milliarde werden. Trotzdem wird das Idealziel eines vollständigen Zensus nicht einmal annähernd erreicht werden. Das war allerdings auch von Anfang an klar.

          Nur vage Schätzungen

          "Wir werden nie wissen, wie viele Arten es in den Meeren gibt", sagt die Biologin Brigitte Hilbig vom Frankfurter Senckenberg-Institut, "aber wir können unsere Schätzungen darüber verbessern." Bisher sind rund 250.000 marine Tier- und Pflanzenarten bekannt. Was aber tatsächlich alles in den Weltmeeren wächst, kriecht und schwimmt, darüber gibt es nur vage Vermutungen. "Die Schätzungen schwanken um Zehnerpotenzen", sagt Hilbig, "sie reichen von mehreren hunderttausend über Millionen bis zu zehn Millionen Arten und mehr." Über tausend neue Arten wurden bei der Zählung bereits entdeckt, darunter mehr als hundert Fischarten. Trotzdem sagt Brigitte Hilbig: "Wir wissen über das Meer immer noch weniger als über den Mond."

          Kamm-Qualle Aulacoctena Bilderstrecke

          Verhältnismäßig gut erforscht sind noch die Küstenbereiche und die oberen Wasserschichten bis in einige Dutzend Meter Tiefe hinab. So gut wie unbekannt ist dagegen die Tiefsee. Sie umfaßt jene Bereiche, die mehr als tausend Meter unter dem Meeresspiegel liegen. Das sind rund 318 Millionen Quadratkilometer, also 80 Prozent der Weltmeere und 62 Prozent der gesamten Erdoberfläche. Oder anders ausgedrückt: Die Tiefsee ist doppelt so groß wie sämtliche Kontinente zusammen. "Und bisher sind erst einige hundert Quadratmeter von ihr erforscht", sagt Hilbig - insgesamt etwa die Fläche eines Kinderspielplatzes.

          Licht ins submarine Dunkel

          Brigitte Hilbig widmet sich als Koordinatorin eines Teilprojektes der Erforschung dieser finsteren Regionen. Mit schwerem Gerät versuchen die Forscher Licht ins submarine Dunkel zu bringen. Mit Kastengreifern hieven sie 50 mal 50 Zentimeter große Stücke Seeboden an Bord ihrer Expeditionsschiffe. Ferngesteuerte Kameras machen außerdem Fotos von der Unterwasserwelt. Vor allem dadurch wird auch der Öffentlichkeit deutlich, auf welche Vielfalt sie dabei stoßen.

          Die Volkszählung im Meer ist in zwanzig Teilprojekte gegliedert. Einige konzentrieren sich auf die Erforschung von Meeresregionen, etwa der Tiefsee oder der Küstenbereiche. Andere untersuchen Gruppen von Tieren und Pflanzen. Außerdem gibt es weltweit elf projektübergreifende regionale Koordinierungsstellen. Im Juni dieses Jahres nahm das europäische Hauptquartier "European Census of Marine Life" im schottischen Whisky-Ort Oban seinen Betrieb auf. Am vergangenen Donnerstag trafen sich die Europäer im Frankfurter Naturmuseum Senckenberg, um ihre Ergebnisse auszutauschen.

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