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Überfischung : Lichtblitze von ganz unten

  • -Aktualisiert am

„Wo sind all die Thunfische hin?“: Greenpeace-Protest gegen Überfischung Bild: Reuters

Überfischung ist nach wie vor ein ernstes Problem, in manchen Gebieten ist die Lage fast aussichtslos. Doch es gibt auch Lichtblicke.

          Die fatale Dunkelheit bleibt, doch aus der schwarzen Tiefe zucken einzelne Lichtblitze empor. So oder so ähnlich lässt sich der Botschaft zusammenfassen, die der neue Fischereibericht der Welternährungsorganisation FAO bereithält.

          Die Lage ist nach wie vor sehr ernst, jedoch gibt es einzelne Beispiele für Verbesserungen. Im Nordwestatlantik etwa haben sich die Bestände von Flunder, Heilbutt oder Schellfisch leicht erholt, weil nachhaltiger gefischt wird - mit besseren Kontrollen, größeren Schutzgebieten und längeren Schonzeiten. Und vor allem mit geringeren Fangmengen, die etwa die Vereinigten Staaten und Kanada ihren Fischern vorschreiben.

          Fast aussichtslos scheint dagegen die Lage im Mittelmeer und im Schwarzen Meer, wo nach FAO-Angaben zum Stand des Jahres 2013 jeweils 60 Prozent der Bestände als überfischt gelten. Davon zu unterscheiden sind nochmals Populationen, die bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit, das heißt im Kern Reproduzierbarkeit, befischt sind; „fully fished“ heißt es in der Studie.

          Das gilt weltweit für knapp 60 Prozent der Bestände. Gut zehn Prozent werden schonend bewirtschaftet. Wie in den vergangenen zehn Jahren gilt auch aktuell knapp ein Drittel der Populationen als überfischt, dreimal so viel wie Mitte der siebziger Jahre.

          Noch nie wurde so viel produziert

          Noch nie wurde so viel Fisch produziert. Mit 167 Millionen Tonnen Fische und Krustentiere verbucht die FAO einen neuen Rekord. Es lohnt sich allerdings, genauer hinzusehen: Die Wildfänge an sich stiegen nur ganz leicht. Für Wachstum sorgt die Aquakultur, deren Produktion seit 2009 um fast die Hälfte angestiegen ist.

          Nahezu jeder zweite heute gegessene Fisch kommt aus der Zucht, meist aus China oder auch Norwegen und Vietnam, die auf Platz zwei und drei der Liste stehen. FAO-Generaldirektor José Graziano da Silva unterstrich bei der Veröffentlichung des Berichtes vor wenigen Tagen das „enorme Potential der Aquakultur“ für Ernährungssicherheit und neu entstehende Arbeitsplätze.

          Unerwähnt blieben die Folgen der Krustentier- und Fischzucht, für deren Teiche in Asien Mangrovenwälder weichen. Pestizide, Desinfektionsmittel und Antibiotika kommen zum Einsatz, um die Produktionen zu erhöhen. Gleichzeitig steigen dann auch die Phosphor- und Stickstoff-Ausscheidungen der Tiere, die den Gewässerboden - ob an Land oder im Meer - belasten.

          Fischereiwirtschaft leidet massiv

          Ökozuchten entwickeln sich, bleiben aber vorerst eine kleine Nische. Weil die Zucht von Fisch und Meeresfrüchten so stark wächst, liegt der Pro-Kopf-Verbrauch weltweit erstmals bei über 20 Kilogramm, eine Verdopplung gegenüber den sechziger Jahren.

          Entsprechend stiegen die Exporte an, wie die FAO-Zahlen zeigen: Fast 150 Milliarden Dollar sind die weltweit gehandelten Meeresprodukte heute wert, vor 40 Jahren waren es nur acht Millionen Dollar. Auch hier gibt es die zwei Welten: Die Zucht verdient, der globale Wildfang nicht mehr nennenswert.

          Die globale Fischereiwirtschaft leidet massiv unter der Überfischung und den ausgereizten Potentialen, wie schon eine Studie der Weltbank von 2011 zeigte: Durch die schwindenden Fischbestände gehen der Branche jährlich mindestens 50 Milliarden Dollar verloren; für die vergangenen drei Jahrzehnte summiert sich der Verlust auf zwei Billionen Dollar.

          Die Fänge stagnieren

          Die Fänge stagnieren weitestgehend, und das schon seit Mitte der neunziger Jahre - trotz stärkerer Motoren, größerer Schiffe und besserer Netze, in die viel Geld investiert wurde. Die Fischerei wird zum Verlustgeschäft, weil der Rohstoff schwindet, die Produktion aber mit wenigen Ausnahmen unvermittelt weiterläuft.

          Darauf macht auch der World Fund for Nature in seiner Stellungnahme zum aktuellen FAO-Bericht aufmerksam: Der Kampf gegen die Überfischung komme in den Weltmeeren nicht an, heißt es da. Der Anstieg der Fischzucht sei Grund dafür, dass die vormals weltgrößte Fischerei auf die Peruanische Sardelle nun zusammengebrochen sei. Sardellen sind ebenso wie Makrelen und Sardinen Grundlage für Fischmehl, das in der Zucht verfüttert wird.

          Überfischung ist kein Muss

          Erst schwinden die großen Arten, dann die kleineren - „ fishing down the food web“ nennen Fischereiexperten diesen Prozess, den der kanadische Meeresbiologe Daniel Pauly 1998 erstmal benannte. Dies könnte in den kommenden Jahrzehnten zum eigentlichen Problem der Weltfischerei werden, was den Bedarf nach nachhaltigen Zucht- und Fangtechniken unterstreicht.

          Nordamerika, Island, Norwegen - in Fachkreisen werden diese Regionen immer wieder genannt, wenn es um umweltschonendere Zucht, moderateren Fang oder bessere Gesetze geht. Sie haben über Jahre gelernt und damit vorgemacht, dass Überfischung kein Muss ist. Die FAO-Studie drückt diese Teilerfolge in Zahlen aus, als Lichtblicke in einer sonst eher düsteren Umgebung.

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