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Klima : War es das jetzt doch mit dem Golfstrom?

  • -Aktualisiert am

Damit wäre leider Schluss: Subtropische Verhältnisse auf Tresco, einer der Scilly-Inseln im Atlantik vor Cornwall Bild: Ullstein

Die globale Erwärmung könnte einen „Heinrich-Event“ auslösen. Dann müssten wir paradoxerweise bibbern statt schwitzen. Das hat es in der Klimageschichte schon gegeben.

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          Langsam taut Deutschland auf. Milde Atlantikluft vertreibt die grimmige Arktiskälte, schon Mitte kommender Woche werden die Werte wieder zweistellig - und zwar im Plus. Der Frost zieht sich in die letzten bayerischen Kältebastionen zurück. Doch zum Monatswechsel werden sich auch dort Schnee und Eis verflüssigen. Dann ist es vorbei mit Schlittschuhfahrten auf zugefrorenen Seen, dem Einsatz von Eisbrechern auf den Flüssen und ausflockendem Dieseltreibstoff. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren fühlte sich der Januar nach richtigem Winter an. In Süddeutschland war er zuletzt nur 1987 kälter. Rechnet man die nördlichen Landesteile hinzu, schnitt der Monat nicht ganz so eisig ab, aber auch dann war es noch der kälteste Januar seit sieben Jahren.

          Müssen wir mit strengen Wintern künftig wieder häufiger rechnen? Paradoxerweise halten es viele Forscher für möglich, dass die schmelzende Arktis extreme Winter auf der Nordhalbkugel begünstigen könnte. Seit fünfzehn Jahren ist zu beobachten, dass arktische Kälte häufiger auf die Kontinente strömt, während im Gegenzug Warmluft zum Nordpol gepumpt wird. Die kälteste Luft findet sich dadurch nicht rund um den Pol, sondern in trägen Kälteblöcken weiter südlich. Die Arktis hingegen erlebt eine Warmzeit nie beobachteten Ausmaßes.

          Die Vermutung ist allerdings nicht unumstritten. Ob da wirklich ein Trend Gestalt annimmt, werden die nächsten fünfzehn Jahre zeigen. Wichtiger ist hingegen eine andere Frage: Bremst das Schmelzwasser der tauenden Arktis womöglich den Golfstrom? Seit Jahren überlegen die Experten, ob der aktuelle Klimawandel diese insbesondere für Europäer und Nordamerikaner wichtige Komponente im Klimasystem der Erde zum Kippen bringen kann.

          Der Golfstrom ist am schwächeln

          Hollywood hat sich schon längst ein Bild davon gemacht, wie ein abrupter Kollaps des Golfstroms abliefe. In seinem Katastrophenfilm „The Day After Tomorrow“ aus dem Jahr 2004 ließ Regisseur Roland Emmerich die nächste Eiszeit innerhalb weniger Tagen hereinbrechen. Gewaltige Schneestürme verwandelten Nordamerika, Europa und Asien in Eiswüsten, die Amerikaner mussten ausgerechnet nach Mexiko flüchten. Eine klimawissenschaftliche oder auch nur physikalisch plausible Basis hatte dieser Plot damals nicht. Allerdings mussten die Klimaforscher anschließend immer und immer wieder besorgten Journalisten und Bürgern erklären, dass da draußen auf dem Atlantik mit dem Golfstrom alles in Ordnung sei, die nächste Eiszeit garantiert ausbleibe - und sich, wenn überhaupt, erst in Hunderten von Jahren ankündigen werde.

          Seit einiger Zeit sind die Wissenschaftler da nicht mehr so sicher. In einer aktuellen Studie in Science Advances berichten Forscher der Scripps Institution of Oceanography der University of California in San Diego von einer bisher „übersehenen Möglichkeit“, wie das Golfstromsystem im Atlantik kollabieren könnte. Bereits vor zwei Jahren hatte Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in einem Beitrag für Nature Climate Change darauf hingewiesen, dass der Golfstrom nun doch schwächle.

          Dieses Hin und Her ist auf die Schwierigkeit zurückzuführen, das komplizierte Golfstromsystem überhaupt zu verstehen. Die gewaltige Wärmepumpe führt an der Meeresoberfläche warmes Atlantikwasser vom Äquator bis nach Spitzbergen. Dort kühlt es ab, sinkt als gigantischer unterseeischer Wasserfall ab und strömt als kaltes Tiefenwasser zurück in die Tropen. Dieser förderbandartige Kreislauf ist dabei nur der nordatlantische Abschnitt einer weltumspannenden Umwälzpumpe in den Ozeanen.

          Europas Warmwasserheizung droht auszukühlen

          Die Intensität und Stabilität des Kreislaufs hängt von der Verteilung der Wasserdichten ab und diese wiederum vom jeweiligen Salzgehalt. Tropisch warmes Wasser ist vergleichsweise salzarm und strömt nach Norden. Es wird umso kälter, salziger und schwerer, je weiter es dorthin vorankommt. Ergießt sich nun aus der schmelzenden Arktis zu viel leichtes Süßwasser in den Nordatlantik, wäre das Förderband gestört und könnte nicht mehr absinken. Die Warmwasserheizung für Europa wäre plötzlich abgeschaltet. Erste Hinweise darauf gibt es bereits. Südlich von Grönland kühlt sich eine Region gegen den Trend ab, statt sich zu erwärmen. Als Ursache hierfür kommt das schmelzende Süßwasser des Eisschilds in Frage. Um dreißig Prozent habe sich das Förderband dadurch verlangsamt, sagt Stefan Rahmstorf.

          Die Ozeanströme in der Zeit vom Juni 2005 bis Dezember 2007 auf einer Aufnahme der Nasa.

          Die Ozeanographen um Wei Liu aus San Diego bringen jetzt eine andere Region ins Spiel, die den Golfstrom bei zunehmender Gesamterwärmung versiegen lassen könnte: das Kap der Guten Hoffnung. Dort, am Südzipfel Afrikas, wo Atlantischer und Indischer Ozean zusammenströmen und die atlantische Umwälzpumpe ihren Anfang nimmt, entscheiden ebenfalls die Salzgehalte der Wassermassen über die Stabilität des Systems. Das Problem ist allerdings, dass die Wissenschaftler die Salzströme im wilden Ozean kaum messen und nur schwer vorhersagen können. Die Forscher um Wei Liu haben den Salzwasseraustausch darum jetzt neu geschätzt und berechnet. Ergebnis: Schon in dreihundert Jahren könnte der Golfstrom, wie wir ihn kennen, Geschichte sein. Rund um Island, Großbritannien und Skandinavien würde es arktisch kalt werden.

          Dass es tatsächlich so weit kommen kann, weiß man aus der Erdgeschichte. Angefangen hatte es mit dem Fund eines schwarzen Steins. Sein Entdecker ist der in Deutschland kaum bekannte, in Fachkreisen aber weltberühmte Meeresgeologe Hartmut Heinrich vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg. Ihm war jener Stein vor dreißig Jahren auf einer Exkursion vor der iberischen Küste in die Hände gefallen. Der ominöse Basalt wies schwarze und weiße Streifen sowie einen ungewöhnlichen rotbraunen Rand auf. Die Untersuchungen ergaben eine Sensation: Offenbar war der Brocken in der jüngsten Eiszeit von einem tauenden Eisberg aus Island bis zur portugiesischen Küste transportiert und kurzzeitig von luftdichten Lagen abgedeckt worden.

          Schmelzende Eisberge stören das ozeanische Förderband

          Heinrich fand heraus, dass damals ganze Armadas aus Eisbergen in den Nordatlantik kalbten, dort das ozeanische Förderband störten und weltweit das Klima durcheinanderbrachten. Solche katastrophalen Zusammenbrüche der kontinentalen Eisschilde hat es auch zuvor schon gegeben. Sie dauerten Hunderte von Jahren und werden heute international nach ihrem Entdecker „Heinrich-Events“ genannt. Der bislang letzte löste vor rund 12.700 bis 11.700 Jahren nach dem Ende der jüngsten Eiszeit noch einmal die Kälteperiode der „jüngeren Dryas“ aus. Vor Heinrichs Fund war man davon ausgegangen, dass sich die großen Eisschilde fast so träge wie Gebirge verhalten hätten.

          Für Hartmut Heinrich ist dieser Stein aus der Vergangenheit gleichzeitig eine Warnung für die Zukunft. „Ich befürchte, mit der Klimaerwärmung besteht die Möglichkeit, dass in Grönland und der Antarktis ein solcher Event ausgelöst wird“, sagt er. Schmelzendes Eis bringt weltweit Gletscher ins Rutschen. Vor allem die großen Auslassgletscher in Grönland kalben immer schneller und häufiger. Hartmut Heinrich treibt die Sorge um, dass dieser massive Eisausstoß jetzt schon nicht mehr aufzuhalten ist.

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