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Klima : War es das jetzt doch mit dem Golfstrom?

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Europas Warmwasserheizung droht auszukühlen

Die Intensität und Stabilität des Kreislaufs hängt von der Verteilung der Wasserdichten ab und diese wiederum vom jeweiligen Salzgehalt. Tropisch warmes Wasser ist vergleichsweise salzarm und strömt nach Norden. Es wird umso kälter, salziger und schwerer, je weiter es dorthin vorankommt. Ergießt sich nun aus der schmelzenden Arktis zu viel leichtes Süßwasser in den Nordatlantik, wäre das Förderband gestört und könnte nicht mehr absinken. Die Warmwasserheizung für Europa wäre plötzlich abgeschaltet. Erste Hinweise darauf gibt es bereits. Südlich von Grönland kühlt sich eine Region gegen den Trend ab, statt sich zu erwärmen. Als Ursache hierfür kommt das schmelzende Süßwasser des Eisschilds in Frage. Um dreißig Prozent habe sich das Förderband dadurch verlangsamt, sagt Stefan Rahmstorf.

Die Ozeanströme in der Zeit vom Juni 2005 bis Dezember 2007 auf einer Aufnahme der Nasa.

Die Ozeanographen um Wei Liu aus San Diego bringen jetzt eine andere Region ins Spiel, die den Golfstrom bei zunehmender Gesamterwärmung versiegen lassen könnte: das Kap der Guten Hoffnung. Dort, am Südzipfel Afrikas, wo Atlantischer und Indischer Ozean zusammenströmen und die atlantische Umwälzpumpe ihren Anfang nimmt, entscheiden ebenfalls die Salzgehalte der Wassermassen über die Stabilität des Systems. Das Problem ist allerdings, dass die Wissenschaftler die Salzströme im wilden Ozean kaum messen und nur schwer vorhersagen können. Die Forscher um Wei Liu haben den Salzwasseraustausch darum jetzt neu geschätzt und berechnet. Ergebnis: Schon in dreihundert Jahren könnte der Golfstrom, wie wir ihn kennen, Geschichte sein. Rund um Island, Großbritannien und Skandinavien würde es arktisch kalt werden.

Dass es tatsächlich so weit kommen kann, weiß man aus der Erdgeschichte. Angefangen hatte es mit dem Fund eines schwarzen Steins. Sein Entdecker ist der in Deutschland kaum bekannte, in Fachkreisen aber weltberühmte Meeresgeologe Hartmut Heinrich vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg. Ihm war jener Stein vor dreißig Jahren auf einer Exkursion vor der iberischen Küste in die Hände gefallen. Der ominöse Basalt wies schwarze und weiße Streifen sowie einen ungewöhnlichen rotbraunen Rand auf. Die Untersuchungen ergaben eine Sensation: Offenbar war der Brocken in der jüngsten Eiszeit von einem tauenden Eisberg aus Island bis zur portugiesischen Küste transportiert und kurzzeitig von luftdichten Lagen abgedeckt worden.

Schmelzende Eisberge stören das ozeanische Förderband

Heinrich fand heraus, dass damals ganze Armadas aus Eisbergen in den Nordatlantik kalbten, dort das ozeanische Förderband störten und weltweit das Klima durcheinanderbrachten. Solche katastrophalen Zusammenbrüche der kontinentalen Eisschilde hat es auch zuvor schon gegeben. Sie dauerten Hunderte von Jahren und werden heute international nach ihrem Entdecker „Heinrich-Events“ genannt. Der bislang letzte löste vor rund 12.700 bis 11.700 Jahren nach dem Ende der jüngsten Eiszeit noch einmal die Kälteperiode der „jüngeren Dryas“ aus. Vor Heinrichs Fund war man davon ausgegangen, dass sich die großen Eisschilde fast so träge wie Gebirge verhalten hätten.

Für Hartmut Heinrich ist dieser Stein aus der Vergangenheit gleichzeitig eine Warnung für die Zukunft. „Ich befürchte, mit der Klimaerwärmung besteht die Möglichkeit, dass in Grönland und der Antarktis ein solcher Event ausgelöst wird“, sagt er. Schmelzendes Eis bringt weltweit Gletscher ins Rutschen. Vor allem die großen Auslassgletscher in Grönland kalben immer schneller und häufiger. Hartmut Heinrich treibt die Sorge um, dass dieser massive Eisausstoß jetzt schon nicht mehr aufzuhalten ist.

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